Noch immer hielt sie die Bescheinigung ihrer Arbeitsunfähigkeit in den Händen. Nun aber legte sie diese auf den Beifahrersitz, drehte den Zündschlüssel, den sie bereits kurz nach dem Einsteigen in ihren Wagen ins Schloss gesteckt hatte, und startete den Motor. Kurz darauf fuhr sie vom Parkplatz des Ärztehauses und machte sich auf den Weg zu ihrer Arbeitsstelle. Dort nahm sie sich kaum mehr Zeit, als ihrer Chefin die Bescheinigung in die Hand zu geben und sich unter dem Hinweis, dass sie schnell noch eine Apotheke aufsuchen müsse, wieder zu verabschieden. Sie hatte keine Lust gehabt, sich eventuellen Nachfragen zu ihrem Befinden und dem Grund für ihre Arbeitsunfähigkeit zu stellen. Es war ihr gelungen, diesen zu entgehen.
„Ob ich schnell noch bei Alex anrufe?“, fragte sie sich, als sie wieder in ihrer Wohnung war. Irgendwann am Morgen hatte sie noch erwogen, Alex sogar kurz zu besuchen. Dann aber hatte sie diesen Gedanken wieder verworfen.
„Ich habe jetzt keine Zeit!“, hatte sie sich gesagt, hatte sich zugleich aber eingestehen müssen, dass dies eine Ausrede gegenüber sich selbst gewesen war. Natürlich hatte sie sich viel für den Vormittag vorgenommen gehabt, aber ebenso natürlich hätte die Zeit für einen Kurzbesuch gereicht, selbst wenn sie nicht auf ein anderes Vorhaben hätte verzichten wollen. Sie hatte einfach ein komisches Gefühl bei dem Gedanken gehabt, Alex heute schon aufzusuchen, was wie ein Drängeln, wie ein ungeduldiges Warten auf den Erfolg seiner Hilfe ausgesehen hätte. Über Monate hinweg hatten sie keinen Kontakt gehabt, und jetzt, als sie ihn brauchte, würde sie plötzlich wieder seine Nähe suchen.
Sie hatte Alex aber auch nicht stören wollen. Und dies stimmte wirklich, war keine Ausrede.
Sie verwarf den Gedanken, Alex jetzt anzurufen. Sie hätte nur fragen können, welchen Stand seine Bemühungen erreicht hatten. Sie hatte nichts mitzuteilen und hätte ihn allenfalls in seinen Bemühungen stören können.
„Alex wird doch in der Firma sein!“, fiel ihr plötzlich ein. Wieso hatte sie nicht sogleich daran gedacht, dass er, anders als sie, heute Morgen wie üblich seine Arbeitsstelle aufgesucht haben würde?
Sie bereitete sich eine kleine Mahlzeit, bevor sie die Verpackung des von ihrer Gynäkologin verordneten Medikaments aufbrach, den Beipackzettel überflog und dann zehn Tropfen auf einen Teelöffel träufelte und einnahm. Als begäbe sie sich zur Nachtruhe, suchte sie das Bad auf und zog ihr Nachthemd an. Minuten später lag sie im Bett und fiel in einen tiefen Schlaf. Ihr Körper holte sich die Erholung, die er so dringend brauchte.
Gegend Abend wurde sie zwischenzeitlich vom Läuten ihres Telefons geweckt. Sie hatte das Mobilteil auf ihr Nachtschränkchen gelegt und konnte das Gespräch annehmen, ohne aufstehen zu müssen. Es war ihre besorgte Mutter, die sich meldete. Halb wach, halb aber noch im Schlaf, gelang es ihr, mit ihrer Mutter beinahe wie üblich zu sprechen.
„Ich habe mich nur ein wenig hingelegt und geschlafen“, erklärte sie Erika Lange auf deren besorgtes Nachfragen, als diese sie auf ihre eigentümlich klingende Stimme ansprach.
Sie wollte im Anschluss an das Telefongespräch aufstehen, blieb aber zunächst noch einige Minuten liegen und schlief dann wieder ein. Sie schlief tief und fest, tief, fest und beinahe ohne Ende...
Erika Lange legte das Lesezeichen an der Stelle zwischen die Seiten ihres Buches, wo sie unterbrochen hatte, klappte es zu und legte es auf den Tisch. Sie war müde und erschöpft, inzwischen viel zu müde, als dass sie die zum Lesen nötige Konzentration noch aufbringen konnte. Allzu weit war sie noch nicht voran gekommen, obwohl sie hungrig auf die Informationen war, die sie sich von gerade dieser Lektüre versprach, welche sie sich extra heute aus der städtischen Bibliothek beschafft hatte, obwohl sie auch ohne den Weg dorthin viel zu viele Dinge zu erledigen gehabt hatte. An anderen, normalen Abenden hätte sie von vornherein in einer solchen körperlichen und geistigen Verfassung kein Buch zur Hand genommen. Sie wäre früh zu Bett gegangen und hätte Erholung im Schlaf gesucht. Heute aber war ihr diese Möglichkeit genommen, sie musste warten. Sie erwartete einen Anruf, nicht irgendeinen, sondern einen Anruf ihres Erpressers.
Lag es an ihrem Zustand, dass sie dem Läuten des Telefons nicht mit schlechten Gefühlen und Angst entgegen sah? Nein, es war etwas anderes. Irgendwie hatte es damit zu tun, dass sie hochzufrieden war, hochzufrieden mit sich, mit dem abgelaufenen Tag und dem Erfolg, der all ihren Bemühungen zuteil geworden war.
Eigentlich hätte dieser Tag auch 48 Stunden haben können, und dennoch wäre es problematisch gewesen, alle Erledigungen darin unter zu bringen, die man ihr aufgegeben oder die sie sich selbst vorgenommen hatte. Sie hatte es geschafft!
Sie hatte auch die Vorkehrungen getroffen, um Ninas und ihrem Peiniger später beikommen zu können! Selbst in die Mittagspause hatte sie zwei der drei Erledigungen gelegt, und war hierzu durch die Stadt gehetzt. Die Letzte hatte sie dann noch als Unterbrechung ihres Heimwegs von der Arbeit organisiert.
„Ja, organisiert, dieser Ausdruck passt wirklich!“, lächelte sie zufrieden.
„Öffnungszeiten hin, Öffnungszeiten her, ich habe alles unter einen Hut bekommen!“
Glücklicherweise waren ihr keine Steine in den Weg gelegt gewesen, die es ihr erschwert oder es sogar unmöglich gemacht hätten, der Forderung des Erpressers nachzukommen. Sie hatte Zeit investieren, hatte Gespräche und Wege auf sich nehmen müssen, aber es war alles gut gegangen. Es wäre nicht auszudenken gewesen, wenn von den benötigten Unterlagen nicht alle an ihren üblichen Aufbewahrungsorten zu finden gewesen wären.
Als ob sie nicht schon genug um die Ohren gehabt hätte, hatte sie ausgerechnet heute auch noch ihrer Kollegin, mit der sie sich das Büro teilte, zur Seite stehen müssen. Und was für ein schlimmer Fehler war der jungen Frau unterlaufen, ein Fehler, der eigentlich auch nicht mit ihrer Jugend und ihrer Unerfahrenheit entschuldigt werden konnte! Und ausgerechnet bei der Vergabe eines so bedeutenden städtischen Auftrags, gerade dieses städtischen Auftrags! Es hatte Zeit gekostet, Zeit und Mühe. Es hatte Stress verursacht, und dennoch hatte sie noch nicht alles bereinigen können. Sie würde die Sache morgen zum Abschluss bringen.
Sie hatte es geschafft, hatte alles geschafft! Auch die Kopien!
Der Erpresser würde bekommen, was er wollte. Er würde keinen Grund zur Unzufriedenheit haben können. Und deshalb würde er auch keinen Grund haben, die schrecklichen Nacktfotos von Nina im Internet zu belassen. Sie würde das Löschen von ihm fordern, das sofortige Löschen. Sie würde ihn beim nächsten Anruf vor die Wahl stellen, entweder erst sofort die Bilder zu beseitigen, woraufhin es dann zur Übergabe der Unterlagen kommen können würde, oder aber es würde keine Übergabe geben, zumindest nicht an ihn. Die Polizei würde die Unterlagen bekommen, egal mit welchen Konsequenzen. Sie würde ihm mit der Übergabe an die Polizei drohen und seine Reaktion abwarten. Ob er die Drohung ernst nehmen würde angesichts des Faustpfands, das er hielt? Er würde einlenken, sie wusste es, war sich völlig sicher! So kurz vor dem Erreichen seines Ziels würde er es nicht riskieren, dass seine Erpressung platzte.
Aber war es wirklich notwendig gewesen, sich alles an diesem einzigen Tag aufzubürden? Nein, war es nicht, zumindest nicht alles! Es war aber auch ihre Art der Auseinandersetzung mit der Situation gewesen. Was hätte sie sonst tun sollen? Sich einen geruhsamen Tag gönnen, in den üblichen Tagestrott fallen, so weit dies möglich gewesen wäre? Hätte sie sich gleich nach Feierabend nach Hause zurückziehen und warten sollen? Gut, sie hätte sich vielleicht um Nina kümmern können, oder zumindest ihre Hilfe anbieten.
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