»Lass gut sein, Christina. Der Platz neben mir ist nicht mehr frei.«
Für einen Moment ist sie fassungslos. »Wer …?«, fragt sie. »Ist es dieses Mädchen?«
»Hannah, meinst du? Nein, nicht Hannah. Lass uns nachher reden. Ich bringe jetzt diesen jungen Mann ins Bett.«
Adam spürt ihren Blick. Er steht auf, nimmt Ben auf den Arm und verlässt die Küche. Seine Gedanken sind nicht bei dem Bilderbuch, das er sich mit Ben ansieht. Gute Nacht, Gorilla , die abendliche Bettlektüre.
Du hättest Christina nicht kommen lassen dürfen, denkt er. Er hat eine Hoffnung in ihr geweckt, die er nicht erfüllen will. Adam streicht Ben über die Haare. Du bist so tapfer, mein Kleiner.
»Gorilla schläft«, sagt Ben und deutet auf sein Bilderbuch.
»Ja«, sagt Adam, »und Ben schläft jetzt auch.«
Christina steht am Fenster. Sie dreht sich zu ihm um, als er die Küche betritt. »Also wer ist es?«
Jetzt schenkt Adam sich ein Glas Wein ein. Christina hat eine zweite Flasche geöffnet. Er will sie nicht verletzen, aber er muss ihr klar machen, dass er sich um seine anderen Lebensumstände und, noch wichtiger, um Ben kümmern muss.
»Ich will keine Beziehung, Christina, es hat nichts mit dir zu tun.« Adam nimmt einen Schluck Wein und stellt das Glas auf den Tisch. »Ich will den Hof erhalten …«
»Aber das kannst du doch auch, wenn wir zusammen sind.« Ihre Zunge gehorcht ihr schon eine Weile nicht mehr. »Du hast doch keine Ahnung von Kindererziehung, der Junge ist sicher in einem guten Kinderheim besser aufgehoben als auf einem schmutzigen Apfelhof.«
Sie sieht ihn so flehend an, dass er sich für sie schämt. Das hat sie nicht nötig, verdammt noch mal! Sie macht es ihm wirklich schwer. Wenn sie wieder nüchtern ist, wird sie sich selbst und ihn hassen. Genau das, was er vermeiden will. Adam fragt sich verzweifelt, wie er sie in ein Bett kriegen soll, das nicht sein eigenes ist. Inzwischen ist sie ziemlich hinüber. Er hofft, dass sie morgen nichts mehr von dem weiß, was sie heute Nacht gesagt hat.
»Komm, ich zeig dir, wo du schlafen kannst.« Adam trägt sie ins Zimmer seiner Schwester. Christina ist schwerer, als er vermutet hat.
Willig, wie ein kleines Mädchen, hebt sie die Arme, als er ihr das Kleid über den Kopf zieht.
»Komm ins Bett«, flüstert sie und schlingt die Arme um seinen Nacken.
Valerie wird vom Telefon geweckt.
»Was haben Sie sich denn dabei gedacht?« Bruno legt sofort los: »Müssen Sie denn alles ins Lächerliche ziehen?«
Einen Moment lang herrscht Stille im Äther.
»Hören Sie mich, Valerie?«
»Ich höre Sie sehr gut, Bruno, Sie sind ja laut genug.«
Sie zieht das Laken vom Körper und schwingt die Beine aus dem Bett. Während sie aufsteht, stellt sie den Lautsprecher an und tapst schlaftrunken ins Bad.
Sie hat nichts anderes erwartet. Bruno, der Herausgeber der Zeitschrift Herz und Hirn hat Probleme mit ihrem Stil. Zu männlich, zu zynisch. Und wären seine Mitarbeiter nicht so vehement für alles, was sie schreibt, hätte sie keine Chance. Auch die Leserbriefe, die auf seinem Schreibtisch landen, sprechen dafür, sie weiter zu beschäftigen. Der Redakteur in ihm muss sie beschäftigen, der Privatmann Bruno lehnt sie ab. Ein Dilemma. Sie lächelt sich im Spiegel über dem Waschbecken zu.
»Bruno, wenn Sie den Artikel nicht bringen wollen, ich finde eine andere Redaktion.«
»Sie könnten ihn umschreiben. Etwas weniger Gehirn, etwas weniger Zynismus, etwas mehr Gefühl, Sie sind doch eine Frau.«
Valerie stöhnt. Jedesmal, also im Drei-Monats-Takt, dieselbe Diskussion.
»Was meinen Sie mit: Sie sind doch eine Frau?«
Sie sieht förmlich, wie er sich die Haare rauft.
»Als Frau müssten Sie doch, ich meine, also …«
»Sanfter sein?«, hilft sie ihm auf die Sprünge.
»Ja, genau, Sie schreiben wie ein Mann.«
Sie hält kurz die Luft an. Oh nein, nicht die Nummer.
»Und Sie meinen, wenn ich ein Mann wäre, dürfte ich so schreiben, als Frau jedoch nicht?«
Sie hat ihn. Er ist sprachlos.
»Nein«, stottert er. »Ich meine ja nur, dass Sie etwas weniger zynisch …, meine Frau …«
Sie kennt Mira, seine Frau. Sie kann sich nicht gegen ihn durchsetzen, scheut Auseinandersetzungen, ist aber begeistert, wenn jemand anderes Bruno Paroli bietet. Bruno fürchtet, dass ihre Artikel sein schönes Weltbild von zarten Frauen ins Wanken bringt. Und er fürchtet, nicht ganz zu Unrecht, dass Mira von ihren Ansichten angetan ist, ja, dass seine gehorsame Frau Valeries Ansichten inzwischen teilt.
»Was tun Sie da, was ist das für ein Geräusch?«
»Ich putze meine Zähne.« Valerie spuckt Zahnpasta ins Waschbecken.
»Und jetzt brauche ich Kaffee. Machen Sie mit dem Text, was Sie wollen, Bruno, und grüßen Sie Mira von mir.« Sie weiß, wie sehr er es verabscheut, wenn eine Frau zu burschikos ist. Eine Frau muss Kinder gebären und hat sanft zu sein. Sie hat ihn einmal schwadronieren hören: »Eine Frau ist für mich keine Frau, wenn sie kinderlos ist.«
Dabei hat er sie angesehen. Seine unglückliche Frau musste Jahre auf das erste Kind warten, ein Mädchen, und bekam dann in schneller Folge drei weitere.
Valerie ahnt, wie sehr Mira unter ihm leidet, körperlich wie seelisch. Aber Mira spricht nicht über ihre Ehe.
Valerie löffelt Kaffeepulver in einen Becher und gießt heißes Wasser und kalte Milch dazu. Die Katze bekommt eine Handvoll Trockenfutter und frisches Wasser. Der Balkon ist noch feucht vom nächtlichen Gewitter. Sie lehnt sich ans Geländer und saugt den intensiven Duft von Lavendel und Thymian ein. Der Spielplatz unter den Bäumen liegt verwaist. Über ihr, in der dritten Etage, toben die Zwillinge, zwei Buben. Sie fragt sich, ob diese Kinder jemals schlafen. Der Lärm stört sie nicht, aber sie beneidet die Eltern nicht um die beiden.
Aus dem ersten Stock dringt noch kein Laut. Das Paar hat sich wohl wieder versöhnt, bis zum nächsten Streit.
Ihr Smartphone stöhnt, ein Ton, den sie ihrer Mutter zugeordnet hat.
»Da gehen wir nicht dran«, sagt sie zur Katze. Gleich darauf das Festnetz.
»Ich weiß, dass du zu Hause bist, Valerie. Geh bitte ans Telefon. Es ist wichtig.« Es ist immer wichtig, wenn Grace anruft.
Statt den Anruf anzunehmen, öffnet sie ihre Mails. Nur eine scheint interessant zu sein. Eine Einladung zu einem TV-Interview. Darüber muss sie nachdenken. Viktor wäre begeistert, wenn sie annähme. So kurz vor Erscheinen ihres neuen Buches wäre das die ideale Werbung. Viktor hat viele Kontakte. Hat er die Werbung lanciert? Egal. Sie macht sich einen zweiten Becher Kaffee und setzt sich an ihren Schreibtisch, wie jeden Morgen.
Sie starrt auf die leere Seite. Der Roman, den sie begonnen hat, ist anders als seine Vorgänger. Das Smartphone neben ihr stöhnt wieder. Sie schaltet es auf stumm. Es fällt ihr schwer, sich zu erinnern, in die eigene Vergangenheit einzutauchen, wenn die Frau, die ihr diese Vergangenheit beschert hat, immer wieder anruft. Wenn ihre Mutter nicht …
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