Wildtaube mit Honig und Pappardelle an weißer Trüffel. Magnus ist überwältigend, wenn er unangemeldet vor der Tür steht. In einer Hand ein Blumenstrauß von der Größe eines Kleinwagens, in der anderen eine Tüte von Le Beau Voisin , einem angesagten Franzosen in Winterhude. Der Wein ist aus Italien. Er bewegt sich in ihrer Küche, als sei es seine eigene.
Sie schließt die Augen. Aber nicht Magnus‹ vertrautes Gesicht erscheint, sonders das Adams, den sie nicht kennt. Wer bist du?
Ihr Puls beschleunigt sich. Sie steht auf, um sich noch ein Glas Wein zu holen. Als sie zurückkommt, liegt die Katze auf ihrer Tastatur und schnurrt mit der defekten Lüftung um die Wette. Valerie hat den Text nicht gesichert. Der Bildschirm ist schwarz, die Katze hat den Text gelöscht.
Auch das, denkt sie, lässt das Herz schneller schlagen.
Sie muss noch einmal von vorne beginnen. Valerie schüttelt die Pumps von den Füßen und setzt sich ein zweites Mal vor den Computer. Die Katze sieht sie vorwurfsvoll an, als Valerie ihr den Platz streitig macht und sie auf den Fußboden setzt.
»Böse Katze. Du kannst froh sein, wenn ich deine Dosen noch öffne.«
Valerie setzt sich ihre riesige Brille auf die Nase und legt die Finger auf die, jetzt katzenfreie, Tastatur. Zwei Stunden später, es ist zwei Uhr in der Nacht, schickt sie den fertigen Text an die Redaktion der Zeitschrift Herz und Hirn .
Sie weiß, dass Bruno ihre Texte zwar schätzt, weil die Leserinnen sie lieben, persönlich aber verabscheut. Sie entspricht nicht dem idealen Frauenbild, das der Redakteur pflegt. Mit ihr kann er nicht umgehen, er hält sie für eine ausgemachte Zynikerin. Valerie lehnt sich zurück und streckt sich, die Brille legt sie neben den Laptop.
Sie tritt hinaus auf den Balkon. Die Nacht ist lau, und die weißen Blüten ihrer Kräuter leuchten in der Dunkelheit. Sie streicht über die raublättrige Minze, prompt erreicht sie ihr unverwechselbarer zarter Duft. Unter ihr rauscht es leise in den Kronen der Bäume, die ein fast undurchdringliches Dach über dem Spielplatz bilden. Sie zögert einen Moment. Dann entschließt sie sich, obwohl der Wind zunimmt, auf dem Balkon zu schlafen. Das tut sie manchmal, wenn das Wetter es zulässt. Ein Vogel piepst im Schlaf. Die Geräusche der Stadt werden leiser, nur noch wenige Autos sind unterwegs. Bis sie einschläft, lauscht sie dem Schnurren der Katze auf ihrem Bauch. Regen, den der Wind unter die Überdachung treibt, weckt sie.
»Verdammt!«
Sie sammelt Kissen und Decke zusammen und flüchtet.
Adam horcht auf das Gewitter. Draußen tobt der Sturm, zerrt an den Bäumen und treibt Zweige und kleine heruntergefallene Äste vor sich her. Ein Fensterladen klappert verdächtig. Hoffentlich hält er. Ben sitzt im Schlafanzug auf seinem Kinderstühlchen am Küchentisch. Er schiebt ein Holzauto hin und her und macht die entsprechenden Brummgeräusche. Christina sitzt ihm gegenüber. Ben beachtet sie nicht. Er antwortet auch nicht, wenn sie ihn anspricht. So hat sie sich ihren Besuch auf dem Lande wohl kaum vorgestellt.
Kurz vor dem Gewitter war sie auf den Hof gefahren. In ihrem weißen kurzen Sommerkleid und den Highheels eine wahre Augenweide. Jan und Piet haben sie angestarrt wie eine Erscheinung. Hannah hat sie übersehen, wie nur Frauen es können. Ben wollte auf seinen Arm und verhinderte damit eine innige Begrüßung. Dann der erste Donnerschlag und innerhalb von Sekunden Starkregen. Christina schaffte es, trocken ins Haus zu flüchten. Er selbst half Hannah und den beiden Männern, die schweren Apfelkisten in der trockenen Scheune zu stapeln. Ben und er sind klitschnass geworden.
Nach einer Dusche steht Adam jetzt am Herd und backt Pfannkuchen. Zum Warmhalten schiebt er sie in den Backofen. Er spürt Christinas Blicke hinter sich. Sie haben bis jetzt noch nicht viel geredet.
Christina nimmt eine Flasche Rotwein aus ihrer Tasche. »Wo ist der Öffner?«
Adam reicht ihn ihr. »Soll ich das machen?«
»Nein, geht schon.«
Mit einem leisen Plopp zieht sie den Korken aus der Flasche. Sie stellt sich neben ihn an den Herd, weit genug entfernt, wegen der Fettspritzer, und hält ihm ein Glas Wein entgegen.
Adam schüttelt den Kopf. »Nein, danke. Noch nicht. Ich will erst Ben ins Bett bringen.«
»Ist er behindert?«
»Was?«
»Er spricht nicht.«
Adam verharrt einen Moment mit der Kelle in der Hand. » Er heißt Ben.«
»Warum spricht er nicht mit mir?«
Adam lächelt. »Ich weiß es nicht. Vielleicht stellst du ihm nicht die richtigen Fragen.«
Er dreht sich zu Ben. »Ben, möchtest du einen Pfannkuchen?«
Ben nickt. »Ja«, sagt der, »mit Honig.«
»Vielleicht solltest du ihm mal beibringen, dass es höflich ist, Erwachsenen zu antworten.«
Adam spürt Zorn in sich aufsteigen, unangemessenen Zorn, er muss sich beherrschen. Er fragt sich, seit wann sie Expertin in Kindererziehung ist. Statt ihr diese Frage zu stellen, sagt er so gleichmütig wie möglich: »Höflich kann er später, meinst du nicht?«
»Wenn du glaubst.« Sie tritt ans Fenster und schaut hinaus in den Regen.
Adam backt den letzten Pfannkuchen, schiebt die Pfanne von der heißen Platte und holt den Teller mit dem Stapel Pfannkuchen aus dem Backofen. Er nimmt ein Glas Honig, drei Teller und Besteck und trägt alles an den Tisch.
Christina setzt sich und schenkt sich zum x-ten Mal Wein nach. Seinen Wein hat sie auch getrunken. Sie kichert und wirkt ziemlich beschwipst. »Pfannkuchen«, sagt sie, »habe ich zuletzt gegessen, als ich sechs Jahre alt war.«
In seine Gedanken schiebt sich die Frau ohne Namen. Wo mag sie gerade sein, die Füchsin? Wann hat sie zuletzt Pfannkuchen gegessen? Wenn er doch wenigstens ihren Namen wüsste.
»Hörst du mir überhaupt zu?«
Er sieht Christina an. »Entschuldige, ich war in Gedanken bei dem Tag morgen«, lügt er. »Was hast du gesagt?«
»Bei diesem Wetter kann ich nicht fahren. Ich werde hier übernachten müssen.«
»Ja, natürlich. Ich habe genügend Platz. Du darfst dir ein Zimmer aussuchen.«
Er sieht ihr an, dass sie diese Antwort nicht erwartet hat.
»Aber, Liebling, ich kann doch bei dir schlafen. Ich will dich, Adam, ich will dich wiederhaben. Lass uns nochmal von vorne anfangen.«
Sie ist anziehend und bildhübsch, aber Adam spürt, dass ihr Zauber ihn nicht mehr erreicht. Sie hat sich von ihm getrennt, nicht zuletzt wegen Ben. Als seine Schwester starb und er Christina erklärte, dass er den Jungen zu sich nehmen würde, hatte sie keine Begeisterung gezeigt.
»Bitte, lass mich bei dir bleiben.«
Er möchte, dass sie aufhört, ihn anzubetteln. Er möchte nicht, dass sie sich weiter demütigt.
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