Valerie verlässt das Verlagshaus. Sie geht langsam den Harvestehuderweg entlang. Zu ihrer Linken glitzert die Alster im Sonnenlicht. Segelboote.
Eine Postkarte , denkt sie, biegt in die Alsterchaussee ein, überquert den Mittelweg und läuft bis zur Hallerstraße. Die Gärten und Häuser nimmt sie kaum wahr. Am U-Bahnhof gibt sie auf. Die neuen Riemchensandalen drücken und sind nicht halb so bequem, wie sie aussehen.
»Paulsenplatz«, ächzt sie, wirft sich in die Polster des Taxis und löst die Riemchen an ihren Füßen.
»Bleibt es dabei?« Der Taxifahrer grinst.
»Versprochen«, sagt sie.
Den Nachmittag verbringt sie auf dem Balkon. Die Pflanzen duften und glänzen vor Nässe. Sie träumt von einem kühlen Glas Wein, einem Stück Käse am Abend nur mit ihrer Katze. Aber sie ist mit Ruth verabredet.
Valerie trifft ihre Freundin in der weiten Halle, in der auch die Lesung vor einigen Tagen stattgefunden hat. Ruth hat Karten für ein afrikanisches Tanztheater in der Fabrik. Tanz interessiert sie nicht, sie geht ihrer Freundin zuliebe mit. Ruths Armreifen klirren, wenn sie ihr Glas zum Mund führt. Sie stehen an der Theke, wo man in der Pause oder nach der Vorführung ein Glas Wein oder Prosecco trinken kann.
»Erwartest du jemanden?« Ruth sieht sich um.
»Nein. Wie kommst du darauf?«
»Weil du mich den ganzen Abend über noch nicht angesehen hast. Stattdessen hast du diesen suchenden Blick.«
Valerie hat tatsächlich an ihn gedacht. Vielleicht kommt er ja öfter hierher?
Sie spürt eine leichte Wärme auf den Wangen und beschließt, die halbe Wahrheit zu erzählen. Dann denkt sie, dass es überhaupt keine Wahrheit gibt, keine halbe und auch keine ganze. Unwillig über sich selbst schüttelt sie den Kopf.
»Also was ist?« Ruth lässt nicht locker.
»Gar nichts. Ich habe bei der Lesung neulich hier einen Mann gesehen.«
»Aha.« Ruths Brauen fahren interessiert in die Höhe. Armreifen und Ketten klingeln bei jeder Bewegung.
Sie sieht aus, als habe sie sich für diesen Abend mit bunten Perlen und Reifen folkloristisch aufgepeppt, aber es steht ihr gut. Ruth kann alles tragen, und sie ist unbestreitbar sexy. Kein Mann, der nicht einen Blick riskiert, denkt Valerie.
Sie sieht an ihrem eigenen schlichten schwarzen Kleid hinab. Dazu trägt sie eine lange schmale Silberkette und rote Pumps. An ihr klingelt nichts. Sie lächelt. Ruth sendet Signale an ihre Umgebung: Hey Leute, hier spielt die Musik. Und das tut sie mit Erfolg.
»Er war etwa zwei Jahre alt«, sagt Valerie jetzt »und saß auf dem Schoß seines Vaters. Ich nehme jedenfalls an, dass es sich um den Vater handelte. Keine Ahnung, wir haben nicht miteinander gesprochen.«
Sie weiß nicht, warum sie Ruth verschweigt, dass sie doch miteinander gesprochen haben. Es ist nicht wichtig , denkt sie. Warum kann sie sich dann an jedes Wort erinnern? Adam und Ben .
Ruth , denkt sie, hat nicht besonders viele Freunde, aber ganze Rudel von Bekannten . Sie weiß nicht mehr, wie oft ihre Freundin heute schon gegrüßt worden ist. Ruth kennt Gott und die Welt, weiß aber ihr Privatleben sehr sorgfältig zu schützen. Allerdings kann sie mit Gefühlen besser umgehen als sie selbst.
Valerie fällt plötzlich ein, dass sie ihre Kolumne für eine Zeitschrift nicht länger aufschieben kann. Die Redaktion braucht ihren Text morgen, und sie hat noch nicht einmal damit angefangen. Ausgerechnet über Gefühle soll sie schreiben.
»Ich muss gehen.«
In Gedanken ist sie schon bei der Arbeit, die vor ihr liegt. Valerie lässt sich von Ruth in den Arm nehmen, eine Körperlichkeit, die sie nur wenigen erlaubt. Diese künstliche Herzlichkeit hat ihr nie gefallen.
Adam studiert alte Rezepte. In der Nacht, wenn Ben fest schläft, sitzt er über seinen Büchern. Sein kostbarster Besitz ist ein abgegriffenes schwarzes Büchlein mit der schlichten Aufschrift Gift-Buch . Kein gedrucktes Buch, sondern eine Kladde, handgeschrieben von 1534. Er liest: Steppenraute, Tollkirsche, Quecksilber, Giftpilze, Geifer und Galle von Gifttieren. An Betäubungsmitteln (medicinae stupefactoriae) nennt der Verfasser: Bilsenkraut, Alraune, Opium, Giftlattich und Mohn; diese töten nur bei Überdosierung. Sehr beruhigend, denkt er.
Adam schaut auf, als Bella ein leises Knurren von sich gibt. In den Julinächten wird es nicht wirklich dunkel. Adam legt sein Heft zur Seite und tritt ans geöffnete Fenster. Vielleicht ein Fuchs oder ein anderes Tier, das sich an seinem Haus vorbeistiehlt. Bella sieht aufmerksam zu ihm auf.
Ist da ein Schatten, eine verstohlene Bewegung? Eine Weile bleibt er noch am Fenster stehen, aber nichts rührt sich.
»Da ist nichts, Bella«, sagt er.
Die Hündin trottet zurück zum Tisch und lässt sich seufzend auf den kühlen Steinboden fallen. Adam nimmt eine angebrochene Flasche Gavi aus dem Kühlschrank, schenkt sich ein Glas ein und geht damit an den Küchentisch. Er setzt die Kopfhörer auf und lauscht dem unfassbar süßen Sopran der Sängerin: »Porgi Amor … Hör mein Flehn, o Gott der Liebe …«
Er denkt an die Frau ohne Namen. Sie hat sich in seine Seele gebrannt. Immer wieder hört er sie leise lachen. Sieht ihren forschenden Blick.
Seit er Ben bei sich hat, ist Adam oft allein. Es überrascht ihn, wie sehr ihm dieses Leben gefällt. Sein Handy leuchtet auf. Christina! Auf dem Bildschirm erscheint ihr Gesicht. Das Foto hat er selbst gemacht. Sie lacht ihn an, ihr langes Haar flattert im Wind und verschwimmt im gleißenden Gelb des Rapsfeldes im Hintergrund. Er hat sie nicht vergessen, sie passt nur nicht mehr in sein Leben. Keine Frau der Welt hält einen Mann aus, auf dessen Hüfte oder Schultern über Wochen ein kleines Kind hockt. Das hat sie ihm bei ihrer letzten Begegnung sehr deutlich gemacht. Er setzt die Kopfhörer ab und nimmt den Anruf an.
»Adam, bist du das?« Ihre Zunge stolpert.
Sie ist betrunken , denkt er. »Christina.«
»Ich will dich wiedersehen.«
Er denkt an die letzten Auseinandersetzungen. »Ich glaube, das ist keine gute Idee.«
»Aber ich vermisse dich.«
Dieses andere Gesicht schiebt sich über das Christinas, nicht so jung, aber faszinierend. Das Gesicht einer Frau, die so präsent ist wie keine, die er kennt. Er hört sie leise lachen, die Namenlose. Ihr glänzendes Haar. Sein Puls beschleunigt sich.
»Adam, bist du noch dran?«
»Was?«
»Ich könnte morgen zu dir rausfahren. Lass uns reden.«
Er gibt nach. Dann legt er auf. Es ist fair , denkt er, mit ihr zu reden .
Adam starrt auf das Handy. Eigentlich weiß er, dass es nichts mehr zu sagen gibt. Als er aufschaut, steht Ben in der geöffneten Küchentür.
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