Valerie läuft die Stufen hinab, zieht die Haustür hinter sich zu und steigt in das wartende Taxi. Ihr Manuskript hat sie unter den Arm geklemmt, eine Umhängetasche über der Schulter. Da die Datei längst bei Ruth liegt, ist es nicht nötig, es mitzunehmen, aber sie will noch ein paar Stellen, die sie markiert hat, mit der Lektorin besprechen. Sie starrt blicklos aus dem Fenster. Erst als das Taxi den Mittelweg überquert, um über die Alsterchaussee den Harvestehuder Weg anzusteuern, wird sie wach. Sie muss sich auf die kommenden Gespräche konzentrieren.
Das rechteckige Gebäude des Verlages Neumeyer & Roth liegt in einem schönen parkähnlichen Gelände an der Außenalster. Ruth erwartet sie. Die Cheflektorin ist längst zu einer Freundin geworden. Sie hat von Anfang an ihre Romane betreut.
»Wie immer ein paar Minuten zu spät.« Ruth umarmt sie. »Macht nichts, der Kaffee kommt gleich. Der Chef will dich nachher auch noch sehen, aber erstmal machen wir uns an die Arbeit.« Sie lacht und zieht sie in ihr Büro.
Valerie legt ihr Manuskript auf den ausladenden Schreibtisch und lässt sich stöhnend in einen Sessel fallen. »Meine Mutter«, klagt sie.
»Was hat sie wieder angestellt?«
Statt einer Antwort fragt sie: »Bin ich eigentlich schon völlig abstoßend?«
Ruth lacht ihr Lausbubenlachen und nickt. »Du siehst grässlich aus.«
Was sie sieht, ist alles andere als reizlos. Eine attraktive, erfolgreiche Frau, die nicht ahnt, wie verführerisch sie ist. Warum weiß Valerie das nicht?
»Wie kommst du jetzt da drauf?«
Valerie schildert den morgendlichen Anruf.
»Warum telefonierst du überhaupt noch mit ihr?«
Valerie steht auf und tritt ans Fenster. Sie blickt auf die glitzernde Alster und auf die im Sonnenlicht kreuzenden weißen Segel. Auf diese Frage weiß sie keine Antwort. Sie hat sie sich selbst schon tausendmal gestellt.
Adam steht seit fünf Uhr im Gewächshaus. Ben schläft noch. Er hört sein leises Atmen aus dem Babyphone, das er neben blühendem Salbei deponiert hat. Seit er Benjamin bei sich hat, steht er früh auf, um so viel Zeit wie möglich mit ihm zu verbringen. Nichts hat ihn auf den Tag im letzten November vorbereitet. Er greift nach einer Pflanzkiste und zieht sie zu sich heran. Nicht daran denken! Aber er kann es nicht verhindern. Vor seinem inneren Auge taucht das sanfte schöne Gesicht seiner Schwester auf. Ben hat viel von ihrer Sanftheit, denkt er. Er blickt über die großen Metalltische. Es war Semeles Gärtnerei nach dem Tod des Vaters gewesen. Adam ist Biologe.
»Es ist nicht mein Ding, mir die Hände schmutzig zu machen«, hatte er lachend erklärt, als es um die Nachfolge ging.
Sein Vater gab seine Gärtnerei gerne in die Hände seiner Tochter und ließ seinen Sohn studieren. Jetzt steht Adam hier und packt die Pflanzkisten, die heute ausgeliefert werden sollen, er macht genau das, was er nie machen wollte, er macht sich die Hände dreckig. Er weiß, wie sehr sein Vater und seine Schwester die Gärtnerei geliebt haben. Adam kann sie nicht aufgeben. Schon deshalb nicht, weil sie alles ist, was Ben von seinem kleinen Leben geblieben ist.
»Wuff.«
Adam läuft los. Ben kann es nicht ertragen, alleine zu sein, besser, ohne ihn zu sein. Die kleine Hündin Bella flitzt vor ihm her. Auch sie ein Erbe seiner Schwester. Adam ist eher ein Katzenmensch. Mit dem Tod seiner Schwester und seines Schwagers ist er Mutter und Vater zugleich.
Sie waren auf dem Rückweg von seiner Party ums Leben gekommen. Er fühlt sich schuldig. Natürlich ist es nicht seine Schuld, aber er kann den Gedanken einfach nicht abschütteln. Er sieht die Polizistin mit einem weinenden Kleinkind auf dem Arm noch vor sich stehen.
»Ich muss Ihnen leider mitteilen … Sind Sie der einzige lebende Verwandte?«
Seit dieser Zeit hat er Ben bei sich. Wochenlang trägt er ihn auf dem Arm oder auf den Schultern. Sobald er ihn absetzt, klammert sich der Junge an ihn wie ein Äffchen. Einschlafen ohne Adam, Fehlanzeige. Duschen alleine kommt nicht in Frage. Zu Anfang war es lästig, jetzt, nach acht Monaten, fehlt ihm etwas, wenn der Kleine mal nicht auf seinen Schultern hockt. Ben sitzt im Bett, den Blick fest auf die Tür gerichtet. Er weint nicht, er wartet. Adam kämpft gegen die Tränen an. Er nimmt den Jungen auf den Arm und küsst ihn aufs aschblonde Haar. So blond und widerborstig wie sein eigenes.
»Guten Morgen, mein Kleiner. Auf geht’s. Jetzt gibt’s Frühstück.«
Ben schlingt seine Ärmchen um Adams Hals. »Dada.«
»Ich bin da. Und schau, da ist auch Bella.«
»Bella«, wiederholt Ben.
Die Hündin sieht ihn aus hellblauen Augen an. Ein Ohr hängt bekümmert nach unten, das andere steht fragend in die Höhe. Sie zeigt ein schiefes Lächeln, wenn sie eine Lefze hochzieht.
Eine Schönheit ist sie nicht , denkt Adam. Aber seine Schwester mochte sie. Und auch Ben liebt sie. Er lässt ihn nur los, um hinter Bella herzulaufen. Das gibt ihm die Zeit, sein Müsli vorzubereiten. Wickeln, waschen, füttern, alles ist zur Routine geworden.
Vor der Tür wird es laut. Ein Moped rattert über den Hof.
»Hinnerk«, sagt Adam.
Ben nickt und schiebt sich einen Löffel Müsli in den Mund. Er spricht nicht viel.
»Moin, bin da.« Hinnerk steckt den Kopf durch die Tür, winkt kurz und geht in Richtung der Gewächshäuser. Auch Hinnerk spricht nicht viel.
Der Morgen ist noch frisch, aber die Luft erwärmt sich fühlbar. Es wird wieder ein warmer Tag werden. Ben kratzt sorgfältig seine Schüssel sauber.
Mehrmals hat eine Dame vom Sozialamt Adam besucht:
»Ben gehört in einen Kindergarten. Er ist in seiner Entwicklung zurück.«
»Was meinen Sie damit?«
»Er spricht nicht, geht nicht auf mich zu, wie … norm… andere Kinder es tun würden.«
Er verkniff sich eine scharfe Antwort. Ich würde auch nicht auf dich zugehen, Zicke. Er verkniff sich auch den Hinweis, dass Ben den Unterschied zwischen Salbei, Thymian, Rosmarin und noch so einigen anderen Kräutern kennt.
»Und, soweit ich sehen kann, ist er auch noch nicht trocken.«
»Das war ich in seinem Alter auch noch nicht«, sagte er. »Ich habe noch mit fünf in die Hose gepisst, und wenn mein Neffe das möchte, darf er das auch.«
Er grinst, als ihm diese Szene einfällt, und stellt Bens inzwischen säuberlich leer gekratzte Schüssel in die Spüle.
»Wir gehen jetzt arbeiten«, sagt er und hebt Ben vom Kinderstuhl.
Hinnerk ist dabei, die gepackten Kisten auf dem Pritschenwagen zu stapeln. Das Auto mit der Aufschrift: S. Frank Gartenbau steht jetzt vor den Glashäusern.
S. Frank steht für: Simon, seinen Vater, und Semele, seine Schwester. Er hat es nicht über sich gebracht, seinen eigenen Buchstaben davorzusetzen. Nicht einmal die Website hat er aktualisiert. Er vermisst sie beide noch zu sehr. Vielleicht würde eines Tages ein B für Ben dazu kommen.
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