»Ist das alles?« Hinnerk steht vor ihm und deutet auf die Kisten.
»Nein, eine fehlt.« Adam konsultiert ein kleines Heft, das er aus der Tasche seiner Jeans zupft. »Hier. Thymus praecox, weißer Thymian.«
Ben zieht ihn zielsicher in die richtige Richtung, dorthin, wo die vorgezogenen Thymianpflanzen stehen.
»Sehr gut, mein Kleiner.«
Hinnerk lacht. »Du musst ihm bald Gehalt zahlen. Auf mich kannst du dann verzichten.«
Adam nickt. »Nur das mit dem Führerschein muss noch warten.«
Er packt noch eine weitere Kiste mit den winterharten Pflanzen und klebt einen Zettel mit der Adresse an die Seite. Hinnerk ist schon immer hier gewesen. Er ist mit Leib und Seele Gärtner. Er wüsste nicht, was er ohne ihn tun sollte. Adam spürt ein Ziehen. Er wäre gerne selbst gefahren, aber das macht er nicht. Die Bestellungen auszufahren und die Bepflanzung der Stadtbalkone und Gärten überlässt er Hinnerk. Er fühlt Bens Hand in seiner. Es ist richtig, was er tut. Ben setzt sich nicht gerne in ein Auto.
Adam nimmt sich den Ordner mit den Bildern. Von jedem der Balkone macht Hinnerk ein paar Aufnahmen, natürlich mit der Erlaubnis der Besitzerinnen, manchmal sogar mit einem Selfie seiner Kundinnen. Fast immer sind es Frauen, die sich an seine Firma wenden. In Gedanken fährt er mit Hinnerk durch Hamburg, liefert die bestellten Pflanzen aus und pflanzt sie auf Wunsch gleich in Kübel und Kästen ein. Soweit er sehen kann, hat er seit dem Tod seiner Schwester keine Kunden verloren. Hinnerk hat offensichtlich sehr gute Arbeit geleistet. Die Frauen mögen Hinnerk. Aber Adam hütet sich, das auszusprechen. Mit seiner tiefen Stimme und der ruhigen Art wirkt Hinnerk vertrauenswürdig. Er klappt den Ordner zu. Es gibt viel zu tun.
Er geht mit Ben zu dem kleinen, mit roten Ziegeln ummauerten Garten hinter den Glashäusern. Dort pflanzt er Heilkräuter an. Heilkräuter, die immer auch Giftkräuter sind. Deshalb schärft er Ben eindringlich ein, dass er nie, niemals ohne ihn, diesen Teil des Gartens betreten darf. Aber Ben geht ohne ihn nirgendwo hin. Darüber muss er sich noch keine Sorgen machen. Vor der roten Ziegelmauer blüht die schönste und höchste seiner Pflanzen, der tiefblaue Eisenhut, giftig bis in jede seiner Fasern.
Eine Giftpflanze mit krimineller Vergangenheit. Sie musste über Jahrhunderte als Mordinstrument herhalten. In all ihren Pflanzenteilen steckt Alkaloid Aconitin , das bereits in geringen Mengen tödlich wirkt. Die tödliche Dosis bei Erwachsenen liegt bei zwei bis vier Gramm der Wurzel. Das entspricht ein bis zehn Milligramm Aconitin pro Kilogramm Körpergewicht. Der Tod tritt meist innerhalb weniger Stunden ein, durch Herzversagen und Atemlähmung.
Der berühmteste Mord mit Eisenhut hatte sich wohl an Kaiser Claudius im alten Rom zugetragen. Seine Gattin und ihr Leibarzt sollen ihm giftige Pilze unter das Essen gemischt haben. Er konnte sich danach noch in seine Gemächer schleppen, in der Absicht, mit einer Vogelfeder einen Würgereiz hervorzurufen. Diese Vogelfeder allerdings war getränkt mit einem Extrakt aus Eisenhut, was letztendlich zu seinem Tod geführt haben soll.
Ben bleibt ein Stück weit davon entfernt stehen, wie Adam es ihm beigebracht hat. Selbst die Berührung ist gefährlich.
Valerie klopft, wartet aber nicht auf ein Herein, bevor sie die Tür öffnet. Viktor sitzt hinter seinem riesigen, unaufgeräumten Schreibtisch. Das Büro ist angenehm kühl. Er erhebt sich und schließt sein zweifellos nicht von der Stange gekauftes Jackett, als sie eintritt.
Wie gut er aussieht, denkt sie.
Mit einem kaum unterdrückten Tadel in der Stimme sagt er: »Du hast es mal wieder geschafft, uns alle in Atem zu halten.«
Valerie verzieht die Lippen.
»Das hält dich so unverschämt jung.«
Sie strahlt ihn an. Sie weiß, dass er sich ärgert, wenn sie Termine nicht einhält.
Er geht drei Schritte auf sie zu, küsst sie auf den Mund und legt eine Hand besitzergreifend auf ihren Rücken. »Wann sehen wir uns mal wieder außerhalb dieses Büros? Ich könnte heute in der Stadt bleiben.«
Zu forsch für ihren Geschmack. Sie löst sich von ihm und nimmt Platz auf dem Stuhl vor seinem Schreibtisch. Das gibt ihr die nötige Distanz. Sie will sich nicht noch einmal mit ihm einlassen. Er war nichts als eine Affäre, redet sie sich ein, und doch hat die Trennung von ihm Spuren hinterlassen. Sie will nicht an seine Frau und seine Kinder denken. Ihr fällt dennoch die weiße Villa an der Elbchaussee ein, mit einem traumhaft schönen Blick auf die Elbe. Valerie hat kein schlechtes Gewissen. Sie lächelt. Ihre moralischen Standards sind nicht gerade antiquiert. Wenn sie ehrlich ist, zieht sie Affären mit verheirateten Männern vor. Sie reden nicht über ihre Eroberungen und gehen nach angemessener Zeit wieder. Nichts von Dauer.
»Wie geht es deiner Frau und den Kindern?«, fragt sie, statt seine Frage zu beantworten.
»Ich hab’s verstanden«, sagt er lächelnd. »Wie geht es deinem Katzenmann?«
Nur noch Katze, kein Mann , denkt sie. Sie antwortet nicht.
Er nimmt das neue Exposé vom Tisch. »Du bist ja fleißig. Ich lese es durch. Hat Ruth es schon gesehen?«
»Wir haben kurz darüber gesprochen.« Valerie weiß, wie viel Viktor von der Meinung seiner Cheflektorin hält. Ruth hat ein gutes Gespür für die Themen der Zeit und eine untrügliche Nase, was bei Valeries Leserinnen ankommt.
Er nimmt einen Bogen Papier aus einer Schublade und legt einen Füller darauf. Valerie unterschreibt einen weiteren Vertrag.
Viktor beobachtet sie beim Schreiben. Sie sieht bezaubernd aus , denkt er, und sie ist verdammt anziehend . Valerie ist eines der Zugpferde seines Verlages. Jedes ihrer Bücher wird zum Bestseller. Sie besitzt eine geschliffene Sprache, und ihre Texte sind voller Humor. Interessant ist die Diskrepanz zwischen den Romanen und den Artikeln, die sie in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht. Dort verwandelt sie sich in eine Zynikerin, die zweifelt, fragt und verblüffende Zusammenhänge aufdeckt. Er liest sie ausnahmslos.
»Danke«, sagt er, als sie das Papier über die Tischplatte reicht. »Sagst du mir etwas über den Inhalt?«
»Nein.«
Valerie erhebt sich. Der schmale Rock ihres ärmellosen Leinenkleides lässt nur die Fesseln sehen. Beim Gehen öffnet er sich bis zu den Knien. Viktor erhebt sich ebenfalls. Sie ist bereits an der Tür, als er sie erreicht.
»Lies es durch«, sagt sie, »und sag mir, was du davon hältst.«
Viktor nimmt ihre Hand und haucht einen Kuss darauf.
»Mach ich. War schön dich zu sehen.«
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