«Ich will euch vorschlagen«, sagte Georg lächelnd und zog dabei die Schultern hoch,»die Zeitung zu beenden. «Seine Stirn furchte und glättete sich im schnellen Wechsel, während er weitersprach. Bis zu den Kommunalwahlen 135sollten wir durchhalten, danach sei unsere Aufgabe erfüllt.
Von einem Augenblick auf den anderen ertrug ich sein Lächeln nicht mehr. Ich verachtete ihn. Da gab es nichts mehr abzuwägen. Er wollte uns brotlos machen und aus dieser Stube vertreiben, in die er uns ja überhaupt erst mit seinen Versprechungen geholt hatte! Ich verachtete ihn wegen seines Hochmuts, ein Hochmut, der im Hader mit der Welt liegt, weil sie ist, wie sie ist, der irgendwelchen Ideen, dem Eigentlichen, dem Philosophischen nachjagt, anstatt im Alltag zu bestehen. Alle seine Eigenheiten, die ich teils bewundert, teils nur geachtet hatte — seine bedachtsame Genauigkeit, seine Aufrichtigkeit, seine Zweifel und sein selbstquälerisches Unvermögen, ein paar normale Sätze zu verfassen —, all das erschien mir auf einmal kindisch und verachtenswert, weil er vor sich selbst kapitulierte, weil er nicht mehr bereit war, mit sich selbst zu kämpfen, weil er, um es mit einem Wort zu sagen, verantwortungslos handelte.
«Und was sollen wir machen?«fragte Jörg so ruhig und freundlich wie ein Radiomoderator.
Georg, ich weiß nicht, was er erwartet hatte, schien es zu quälen, mehr sagen zu müssen, als er offenbar vorbereitet hatte.
«Wir haben versagt«, wiederholte er,»wir haben unseren Auftrag nicht ernst genug genommen.«
Jörg wollte wissen, welchen Auftrag er meine. Das sei doch wohl jedem von uns klar, fuhr Georg auf und sah mich zum ersten Mal an.
Ich bat ihn, auf Jörgs Frage zu antworten, schließlich hätten wir alle die Brücken hinter uns verbrannt 136.
«Die Welt steht uns offen!«sagte Georg.»Vergeßt das nicht!«
Jörg hatte sich zurückgelehnt und drückte immer wieder einen Finger auf die Spitze seines Bleistifts, als spielte er Mikado. Marion sprach im Sinne Georgs, ja, sie gab ihm in allem recht, zog daraus allerdings den Schluß, es von nun an anders und besser zu machen.
Danach schwiegen wir wieder.
Als von draußen Schritte zu vernehmen waren, verharrten Jörg und Georg weiter reglos. Ich hörte ein resignierendes Lachen von Ilona, die Order hatte, uns abzuschirmen. Dann trat der Baron ein, unsere letzte Ausgabe in der Hand. Ob wir schon lange auf ihn gewartet hätten. Er entschuldigte sich und legte ab. Ilona brachte frisches Wasser für den Wolf.
Georg versteinerte regelrecht. Jörg bat Barrista, uns allein zu lassen, die Zukunft der Zeitung stehe auf dem Spiel. Dann war nur noch das Schlabbern des Wolfs zu hören, und selbst das, als hätte die Stille das Tier irritiert, setzte schließlich aus.
Höchst bedauerlich, begann Barrista. Das hätte man ihm eher mitteilen sollen. Auf dem Plan zur Vorbereitung des Besuches Seiner Hoheit, der uns ja in dreifacher Ausfertigung vorläge, sei für heute die erste Besprechung angesetzt. Er habe die Grußbotschaft dabei und den handschriftlichen Brief des Erbprinzen an uns. Höchst bedauerlich, unter diesen Umständen bleibe ihm wohl nichts anderes übrig, als sich in Geduld zu üben, höchst bedauerlich auch deshalb, weil die Anzahl der Zuschriften auf seine Anzeige seine Erwartungen bei weitem übertroffen habe, was nichts anderes bedeute, als daß unser Blättchen tatsächlich gelesen werde und für Geschäftsleute ungemein interessant sei.
Ilona stand mit blutleerem Gesicht am Ofen.»Das könnt ihr doch nicht machen, heij?«Flehentlich wanderte ihr Blick von einem zum anderen.»Ich hab nicht mal einen Arbeitsvertrag …«Sie schluchzte auf.
Man möge ihn umgehend von unserer Entscheidung unterrichten, fuhr der Baron ungerührt fort, denn der Besuch des Erbprinzen dürfe keinesfalls gefährdet werden. Er führte Ilona hinaus, der Wolf trabte ihnen nach, die Tür blieb angelehnt, so daß man Barristas Tröstungsversuche hörte, die wie der englische Singsang am Abend unserer ersten Begegnung klangen.
«Wir machen weiter«, sagte Jörg an Marion gewandt. Und dann zu mir:»Stimmt’s, Enrico, wir machen weiter? Auf jeden Fall machen wir weiter!«
Dann wandte sich Jörg an Georg und fragte ihn fürsorglich wie einen Kranken, wie lange er uns noch das Recht einräume, in seinem Haus zu bleiben, ob Georg einverstanden sei, uns bis Anfang oder Mitte Mai Zuflucht zu gewähren, vorausgesetzt, wir fänden nicht eher etwas, ob Georg — Jörg nannte ihn häufiger als nötig beim Namen — die Miete auf dem bisherigen Niveau belassen könne und ob Georg einen Vorschlag habe, wie wir mit den Telephonkosten verfahren sollten. Georg ließ eine Reihe von» selbstverständlich, selbstverständlich «vernehmen. Jörg schlug vor, Georg bis einschließlich Juli zu bezahlen, also ein Gehalt in D-Mark, ob ihm das reiche für die Übergangszeit.
Selbstverständlich, das sei sehr großzügig, sagte Georg, das müsse aber nicht sein. Ich denke schon, sagte Jörg. Ob wir bis Monatsende auf ihn zählen könnten. Selbstverständlichselbstverständlich! Er, Jörg, schlage vor, den Artikel über die Schweinemast zu veröffentlichen.
Ich fand es dann zuviel des Guten, als Georg und Jörg einander über den Tisch hinweg die Hände reichten und Georg auch Marion und mir die Hand hinhielt. Mit glänzenden Augen ging er ab. Im nächsten Augenblick stand Ilona vor uns. Hinter ihr erschien Fred.
«Setzt euch«, sagte Jörg. In diesen zwei Worten, in diesem simplen» Setzt euch «lagen Leichtigkeit und Autorität, die Jörg als geborenen Chef auswiesen. Endlich konnte er reden, wie er wollte.
Ein paar Sätze später sprang Ilona vom Stuhl auf und klatschte in die Hände. Fred konnte das Lächeln nicht länger unterdrücken. Man mußte ihnen nicht viel erklären. Das Desaster war kein Desaster. Nur hatte niemand gewagt, so zu denken.
Drei Artikel, rief Ilona und hielt drei Finger hoch, drei Artikelchen habe Georg in all den Wochen zustande gebracht, drei Stück! Fred brummte, er kenne genügend Geschäftsleute, von denen wir Werbung bekommen könnten, wenn wir nur wollten.
Plötzlich stand der Baron wieder auf der Schwelle. Wie man sich denn entschieden habe? Vom ersten Satz an fixierte er ausschließlich mich, als sei ausgerechnet ich für all das verantwortlich. Er hoffe doch sehr, daß ihm in Zukunft solche Kindereien erspart blieben. Er sei es gewohnt, sich auf seine Geschäftspartner zu verlassen. Es nütze ja nichts, einen Plan zu beschließen, an den sich dann keiner halte. Als Jörg etwas einwenden wollte, sah er ihn nicht mal an. Erst als ich sagte, von nun an sei weder eine Irritation dieser Art noch irgendeine Verzögerung mehr zu befürchten, gab er sich zufrieden.
Genau das habe er erwartet zu hören. Der Baron versprach seinerseits, mich nicht zu enttäuschen, und entnahm seiner Collegemappe vier Päckchen, die er mit den Worten verteilte, wir hätten ja alle Kinder, die sich über einen verfrühten Osterhasen freuen würden. 137Den allgemeinen Dank überging er und fuhr geradezu ungehalten fort, wie fern es ihm liege, uns weiter vom Arbeiten abzuhalten, er bitte jedoch darum, den Raum ohne Schulden verlassen zu dürfen. Als kleine Unterstützung der Zeitung — und in der Hoffnung auf eine wirkungsvolle Plazierung — wolle er in D-Mark bezahlen, das sei uns hoffentlich recht.
Kaum hatte er diesen Satz beendet, klingelte das Telephon, das bisher wundersamerweise geschwiegen hatte. Auch aus dem Hausflur kamen Stimmen. Im Handumdrehen waren wir alle beschäftigt, und als ich mich nach dem Baron umsah, war er verschwunden. Vor mir lag der genaue Betrag. 138
Als ich nachmittags von meiner Landtour zurückkehrte, saß Marion an der Maschine.»Da kommen Sie ja!«rief sie freudig. In Zukunft möchte sie anstelle von Georg Artikel schreiben und mich dadurch entlasten.
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