Ich wünschte, Ihnen meinen Sündenfall so beschreiben zu können, wie ich ihn erinnerte, bevor ich meine Novelle begann. Denn jetzt gibt es kaum eine Erinnerung mehr, der ich — zumindest was jene Oktobertage betrifft — vertrauen könnte. Zu oft habe ich mit diesen Bildern herumgespielt.
Denken Sie an die Wanderkarte vor einem Ausflugslokal, auf der mit rotem Punkt Ihr Standort markiert ist, bis ihn die unzähligen Fingerkuppen, die Tag für Tag darauf tippen, auslöschen. Mit den Jahren frißt sich der weiße Fleck in die Umgebung, verschwinden Sehenswürdigkeiten und Aussichtspunkte, ein Dorf, eine Stadt, alles nur eine Frage des Maßstabs.
Natürlich ist das keine spezielle Verfehlung meinerseits, sondern die übliche Praxis der Schreiber. Kein Erlebnis, das nicht verbogen, an dem nicht herumgeschnitten, das nicht amputiert und mit funktionstüchtigeren Prothesen versehen worden wäre. Es ist wirklich simpel, aber bis man draufkommt, sind die wichtigsten Erinnerungen verpfuscht. An Exempeln besteht ja kein Mangel.
So hatte ich immer die Vorstellung, jener Herbst, der dem zweiten Arkadiensommer folgte, sei eingebettet gewesen in die Klänge von Schütz-Motetten. Die geistlichen Gesänge schienen selbst die Fenster des Schulgemäuers geöffnet zu haben, sie füllten am späten Sonnabendnachmittag die Kreuzkirche 123und erklangen täglich von einer Schallplatte. Sie begleiteten und umhüllten mich wie eine trostvolle Weissagung.
Als ich zehn Jahre später an meiner Novelle schrieb (ich nannte es immer Novelle, obwohl dieser unproportionierte Torso mehrere hundert Seiten umfaßte) 124, mußte ich mir nur» Die sieben Worte Jesu am Kreuz «auflegen, um wie ein Pawlowscher Hund zu reagieren. Augenblicklich erstanden jene September- und Oktobertage wieder: die Kastanien vor dem Schulgebäude, die verrosteten Fahrradständer, der Wind, der mal wild wie an der See die nassen, gelb schillernden Blätter vom Asphalt klaubte, mal noch warm die mit italienischen Villen bestandenen Berghänge von Loschwitz herab über die Elbe kam, als wäre in ihm der letzte Sommertag geborgen. Aus diesen Stimmen traten mir die Figuren entgegen, ich sah das müde Straßenbahnlicht und die windschiefen Wolken vor dem blaurosa Nachmittagshimmel, doch es klirrte darin auch der Schlüsselbund des Herrn Myslewski, unseres Klassenlehrers, wenn er uns zu» persönlichen Gesprächen«, wie er seine Verhöre nannte, in den Keller führte.
Nachdem ich die Novelle aufgegeben hatte und die» Sieben Worte Jesu «mich nur noch ans Schreiben statt an jenen Herbst erinnerten, fand ich auf der Rückseite der Plattenhülle die Widmung: Für Enrico, Weihnachten 79 von Vera. Ich hatte diese Motetten also erst zwei Jahre später erhalten. Und eine andere Schütz-Platte besitze ich bis heute nicht.
Wenn ich Ihnen jetzt davon schreibe, muß ich meine Erinnerung unter den opulenten Bildern der Novelle hervorziehen wie ein Sanitäter die Verunglückten unterm Wrack, ohne zu wissen, ob sie noch leben.
Die Kreuzschule 125, dieses dunkle Gemäuer, war mein Maulbronn 126. Versponnen in die Budapester Träume und die Freiheit meiner Ferienlektüre, konnte ich darin gar nichts anderes sehen als eine Romankulisse. Zugleich war ich gewillt, die Inschrift über dem Haupteingang,»Gott zur Ehre, den Stiftern zum Gedächtnis, der Jugend zu Nutzen und Frommen« 127, unter der ich vier Jahre lang ein- und ausgehen würde, ernst zu nehmen. Sie fügte sich am Tag nach der Rückkehr aus Budapest, da ich den kürzesten Schulweg erkundete, in meine Hermann-Hesse-Welt ein. Auch der Schillerplatz mit dem Café»Toscana«, die Elbe mit ihren Fähren und Wiesen, das» Blaue Wunder«, das Elbehotel, die Gründerzeitvillen und — paläste von Blasewitz — all das belebte meine Traumwelt. Elbaufwärts zeichneten sich die Plateaufelsen der Sächsischen Schweiz ab, hinter der — ein paar Tageswanderungen entfernt — Prag lag. Hier konnte überall so gut wie in Montagnola 128ein Pilger in Sachen Gut und Schön Station machen. Lesen Sie noch einmal» Narziß und Goldmund «oder» Unterm Rad«, und Sie werden wissen, was ich sah.
Das Drama der folgenden Wochen war jedoch nicht Myslewski, der uns Jungen einzeln in den Keller bestellte, sich mit jedem von uns in einer Kammer voller Oszillographen einschloß und das Verhör mit der Frage begann, warum mir der Frieden auf der Welt nicht wichtig sei. Das Drama war auch nicht, daß ich auf einmal statt Einsen und Zweien nur Dreien und Vieren erhielt, im Diktat eine Fünf. Vielleicht wäre ich sogar mit dem Verlust meiner freien Zeit zurechtgekommen, hätte es nicht IHN gegeben. ER stürzte mich in eine Verzweiflung, wie ich sie bis dahin nicht gekannt hatte und erst im vergangenen Herbst wieder erfahren sollte.
Geronimo 129war ein Kruzianer im Stimmbruch und mein Banknachbar. Er trug als einziger kein Blauhemd und war mit seinen 14 Jahren Wehrdienstverweigerer, obwohl seine Brillengläser aus dem Boden von Limonadenflaschen gemacht schienen. Alles, was ich mir in meinen kühnsten Sommerträumen ausgemalt hatte, vollzog er mit beiläufiger Geste, so wie er die Hausaufgaben beim Spaziergang erledigte, während ich bis in den Abend über den Schulbüchern brütete. Er spielte jene Rolle, die ich mir für später hatte reservieren wollen. Und er spielte großartig. Er war nicht nur der Klassenbeste, der ausschließlich druckreife Sätze in einer leicht altertümlichen Diktion von sich gab, die bei jedem anderen zum Lachen gereizt hätten, er wurde von Schülern und Lehrern gleichermaßen geliebt. Wer Geronimo nicht liebte, brachte ihm zumindest Achtung entgegen, und das auf eine Art und Weise, wie ich es nie zuvor einem Gleichaltrigen gegenüber erlebt hatte. Mit Geronimo führte nicht Myslewski» persönliche Gespräche«, sondern der Direktor.
Geronimo war mein Alptraum. Dabei hätte ich ihm dankbar sein müssen. Mir widersprach er nicht im Deutschunterricht, mich hatte er noch nie im Russischen oder Englischen mit Vokabeln zugeschüttet, die ich gar nicht kennen konnte, mir schob er die Hausaufgaben zu, die mir unlösbar erschienen waren. In der Musikstunde hatte er sich allerdings die Ohren zugehalten, während mein Vorsingen unter dem Gelächter der Klasse verendet war. Nur im Sportunterricht versagte er vollkommen.
Geronimo hatte mich zu seinem Kompagnon erkoren, besser gesagt, zu seinem Gefolgsmann. Wöchentlich verlangte er von mir einen neuen Hesseband. Im Gegenzug erhielt ich schiefgelesene und in Zeitungspapier eingeschlagene Wälzer von Werfel. Ich rührte sie nicht an, schon weil mich ihre fleckigen, vergilbten Seiten ekelten. Er dagegen mäkelte an Hesse herum, führte ihn aber oft im Mund. Niemand ahnte, daß auch ich diese Bücher kannte, geschweige denn, daß er sie von mir hatte. Das hätte ich als Preis für seine sonstigen Schonungen akzeptiert, doch es verging keine Woche, in der er mich nicht fragte: Warum machst du das denn? Was? fragte ich jedesmal, errötete und begann zu schwitzen. Er beäugte mich durch seine Tiefseebrille und verzog schmerzlich die Mundwinkel. Das hieß: Wenn du ein Christ bist, warum verweigerst du nicht auch den Dienst an der Waffe, warum bejahst du die Frage, daß das Sein das Bewußtsein bedingt, warum betest du nicht vor dem Essen, warum wird deine Stimme hoch und dünn, wenn dich Myslewski anspricht, warum verschwendest du so viel Zeit auf diesen Schulkrempel. Geronimo mußte keine Fragen mehr stellen. Ich hatte sie alle parat.
Jeder Tag begann in Erwartung seines peinlichen Exerzitiums. Jeden Heimweg trat ich entweder erleichtert an, weil ich ihm für diesmal entgangen war — oder ich litt Höllenqualen. Denn jedesmal blieb ich die Antwort schuldig und hoffte, die Schulklingel beende unsere seltsame Zwiesprache. Zum Schluß bekam ich oft ein Bibelzitat zu hören wie:»Fürchtet euch nicht, denn ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. «Einmal sagte er:»Ich könnte mir vorstellen, daß du einen ganz guten Katecheten abgeben würdest. «Ich durfte froh sein, daß Geronimo, der Theologie studieren wollte, mich überhaupt zu etwas nützlich fand.
Читать дальше