* * *
Dein Onkel hat den Motor seines Autos angelassen, hat den ersten Gang eingelegt und ist losgefahren. Er ist langsam bis zum Ausgang des großen Hofes des Krankenhauses vorgefahren. Unmittelbar neben dieser Hofpforte des Krankenhauses hat er angehalten und gesagt, dass dein Vater in einem Kastenwagen zu ihm gebracht werde. Dein Onkel hat darauf gewartet, den Kastenwagen mit deinem Vater vorbeifahren zu sehen. Er hat sich eine Zigarette angezündet. Der Motor des Autos deines Onkels lief. Die Scheiben der Vordertüren des Autos waren heruntergekurbelt. Er schaute fortwährend links hinaus, zu einer Ecke des Gebäudes, das den Weg verdeckte, den der erwartete Kastenwagen nehmen würde. Er hat den Kastenwagen erblickt. Er hat gesagt, «schau, da ist er, in diesem Kastenwagen drin!», und du hast den Kopf in die Richtung gedreht, die er mit seiner rechten Hand angezeigt hat, und du hast den Wagen gesehen, der langsam vorgefahren ist. Du hast diesen weißen Wagen von vorne gesehen und hast nicht aufgehört, ihn anzuschauen, du hast ihn an euch vorbeifahren sehen, der Wagen ist durch das große offene Tor des Spitalhofes gefahren, und du hast auf der hinteren Ladefläche des Kastenwagens einen Sarg gesehen, der die Ladefläche um einige Dutzend Zentimeter überragte, und dein Onkel ist losgefahren, und er ist dem Wagen mit dem grauen Sarg, von dem du deinen Blick nicht abwenden konntest, gefolgt, und dein Vater war tot, und sein Leichnam ruhte in diesem grauen Sarg, der auf den Straßen deiner Geburtsstadt transportiert wurde. Du hast den Sarg deines Vaters nicht aus den Augen verloren. An jedem Rotlicht hielt das Auto deines Onkels dicht hinter dem Sarg deines Vaters an. Du sahst diese Kiste, in der dein toter Vater eingeschlossen war. Es war nicht der Sarg selbst, der dich etwas Neues lehrte, und es war auch nicht der Gedanke an den Leichnam, der dir etwas Neues brachte. Du warst ein genauer Betrachter dieser Särge und dieser Leichname. Du warst ein Lehrling des Todes und seiner Rituale. Du hattest Särge gesehen und Tote, aber du hast etwas anderes gefühlt, du hast gewusst, dass du einen neuen Schritt machen würdest, du hast vibriert wie damals im Schwimmbad mit deinem Vater, mit sechs Jahren, als du noch nicht schwimmen konntest und du dich am Geländer entlang der Betonwände festgeklammert hast und deinen Vater vom Sprungbrett hast springen sehen, bis zum Moment, in dem du gespürt hast, dass du zu schwimmen angefangen hattest, du hast vibriert und hast dich gehenlassen und hast dich ganz alleine vorwärtsbewegt, und du bist geschwommen wie alle anderen, du bist zum ersten Mal geschwommen, ohne es zu lernen, ohne Unterricht, ohne irgendeine Hilfe hast du angefangen zu schwimmen, deinem Vater entgegen, und als du in seiner Nähe warst, hast du ihn gerufen, und er hat sich auf der Stelle schwimmend umgedreht, und du hast sein erstauntes Gesicht gesehen und hast ihn sagen hören, «wie hast du das geschafft?», und diesmal vibrierst du vor diesem Sarg mit deinem toten Vater drin, und du erkennst in dieser Vibration einen Schritt, einen Aufflug, eine Befreiung, eine neue, seltene Wahrnehmung, du weißt, dass jede Vibration dieser Art dir einen der Schlüssel zur Welt bringt, und du lässt es geschehen, du lässt dich vibrieren, du weißt, dass du nichts tun musst, dass du dir keine Fragen stellen musst über die Vibration und ihren Sinn, du vibrierst und wartest auf die Entdeckung, wartest darauf, zu sehen, wohin dich die Vibration trägt, du vibrierst immer stärker, du siehst den Sarg einige Zentimeter über die Ladefläche des Kastenwagens rutschen, du weißt, dass dein Vater in diesem Sarg drin ist, du schaust deinen Onkel an, der fährt, du schaust zum Fenster des Autos hinaus, du siehst Menschen, Häuser, Hochhäuser, Läden, Männer, Frauen, Kinder, du schaust auf den Asphalt der Straße, dann lenkst du deinen Blick zurück zum Kastenwagen, der den Sarg transportiert, in dem sich der eingeschlossene Leichnam deines Vater befindet, du vibrierst und versuchst zu verstehen, was du zu verstehen beginnen musst. Du siehst das Gesicht deines Vaters bei den verschiedenen Gelegenheiten, in denen du mit ihm zusammen warst, du siehst deinen Vater mit einigen seiner Bauarbeiter sprechen, du siehst deinen Vater mit deiner Mutter sprechen, du siehst deinen Vater mit mir sprechen, du siehst ihn mit den Verkäuferinnen in den Läden sprechen und mit den Kontrolleuren im Zug, du siehst deinen Vater mit seinen Vorgesetzten sprechen, du siehst alle diese Gesichter deines Vaters, und dir wird bewusst, dass das Vibrieren dich in diese Richtung treibt, in die Richtung der Gesichtsausdrücke deines Vaters, die Vibrationen haben nichts mit dem Tod zu tun, die Vibrationen führen nicht zu den Marionetten, du wirst zu den Bildern geführt, die du von deinem Vater hast, und du gehst diese Bilder von deinem lebenden Vater durch, und du hältst inne, hältst diese Bilder von deinem lebenden Vater fest, und dir wird bewusst, dass du nur vor diesem Bild vibrieren musst. Mit diesem Bild im Hinterkopf schaust du deinen Onkel an, der das Lenkrad steuert und dem Kastenwagen folgt, der deinen Vater in einem Sarg transportiert, und du siehst die Szene wieder vor dir, in die sich dieses Bild deines Vaters, auf das sich deine Vibrationen konzentrieren, einfügt: Dein Vater liegt im Bett, neben dir, an einem Sommermorgen, und ihr lest beide in einem Buch, jeder auf seiner Seite, zugedeckt mit einem weißen Laken, das beschmutzt ist von der Asche der Zigaretten, die dein Vater raucht, dein Vater liest einen Krimi, und du liest ein Buch, in dem Kampfflugzeuge des Zweiten Weltkrieges beschrieben sind, ihr seid in einem der Zimmer in einer der Baracken der Baustelle, auf der dein Vater arbeitet, und in diesem Zimmer befinden sich, außer des Feldbetts, ein Tisch ohne Tischtuch, zwei Stühle, ein Elektrokocher, der auf dem Linoleumboden steht, vier Kleiderbügel, die an einem Nagel hängen, zwei Reisekoffer voller Kleider, zwei Nachttische auf beiden Seiten des Bettes. Es ist ein Sonntagmorgen, und die meisten Bauarbeiter schlafen. Am Abend zuvor haben sie gefeiert und viel getrunken und über alles und nichts geredet. Sie haben über die regionale Fußballmannschaft geredet und über die Einheitspartei, haben Schach gespielt, haben über die Frauen und den Materialklau auf der Baustelle geredet, sie haben sich gegenseitig angebrüllt und haben einander beschimpft, sie sind in kleinen Grüppchen von Freunden an den Tischen gesessen und haben über ihren Lohn gesprochen und über ihre Arbeitsbedingungen. Dein Vater und du, ihr lest im Bett ein Buch, und von draußen ruft jemand nach deinem Vater. Dieser Jemand brüllt den Namen deines Vaters, und dir wird klar, dass der Mann, der hinter der Tür nach deinem Vater ruft, besoffen ist, und du schaust deinen Vater an, der zuhört, was er sagt, und du erfährst von deinem Vater, dass der hinter der Tür einer der Vorarbeiter der Baustelle ist. Der Mann hinter der Tür beschimpft deinen Vater und schreit, und du siehst deinen Vater, wie er das Laken zurückschlägt und aufsteht, auf den Tisch zugeht, sein butterverschmiertes Küchenmesser vom Tisch nimmt, zur Zimmertür geht, mit dem gewöhnlichen Messer in der Hand, die Türe öffnet und fragt: «Was willst du?»
Dein Vater hatte Angst gehabt, er hatte geglaubt, dass der Vorarbeiter ihn vermöbeln wollte. Du siehst das Bild deines Vater, im Profil, einige Zentimeter vom Tisch entfernt, in Unterhosen, mit dem Buch in der linken Hand und dem Messer in der rechten, sein Gesicht wie eine Marionette im Kasperletheater, dein Vater hat Angst gehabt vor seinem besoffenen Untergebenen, und er hat das Küchenmesser genommen und hat die Tür mit dem Messer in der Hand geöffnet. Der andere hat gebrüllt: «Es hat in der Nacht einen Toten gegeben. Einer unserer Arbeiter hat einen elektrischen Schlag bekommen in den Tiefgeschossen der Baustelle. Er ist auf ein schlecht isoliertes Kabel getreten und ist ums Leben gekommen. Es ist der Verantwortliche des Stromaggregats.» Du hast gesehen wie die Arme deines Vater sich gesenkt haben und wie die Finger seiner Hände sich gelockert haben, du hast das Buch und das Messer auf den Boden fallen sehen, du hast alles gehört, und du hast die Beschreibung eines Jagdfliegers zu Ende gelesen und hast die Seite umgeblättert. Du schaust deinen Onkel an und den Sarg mit deinem Vater darin, und du vibrierst nicht mehr. Du fürchtest dich vor nichts. Du bist schlimmer als dein Vater. Du siehst die Angst in jedem ihrer Verstecke. Du siehst, wie die Angst die Atmung der Leute lähmt. Du siehst, unter welchen Formen sie diese Symbiose zwischen der Luft, die sie nährt, und der Angst verstecken. Es gibt kein Leben ohne Angst. Du bist der einzige, der weiß, dass die Angst jedes Gesicht beherrscht. Die Angst ist eines der Elemente, die die Welt am Laufen halten. Es gibt einige Philosophen, die dies verstanden haben. Du bist kein Philosoph. Die Philosophen, die Wissenschaftler, die Kleriker, die Künstler, die Politiker, die Ökonomen und die Polizisten jeglicher Art haben allesamt Angst. Du, du bist das Gegenteil der Angst. Deine Rolle auf Erden ist es, die Särge in Bäume zu verwandeln. Du siehst, dass der Kastenwagen und das Auto deines Onkels in die Straße, in der die Frau deines Vater wohnt, einfährt, und du siehst den Kastenwagen vor dem Haus, in dem die sterblichen Überreste deines Vaters abgesetzt werden, anhalten.
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