In der Kalsa, nicht weit vom Meer, liegt die Via Butera. Man hört Möwengeschrei und den Verkehr vom nahegelegenen Boulevard Foro Italico. Die Mittagshitze staut sich noch in der schmalen Straße hinter der Porta Felice, als ich gegen drei Uhr an der Nummer 28 klingle. Das riesige Eingangstor stammt aus der Zeit der großen Bälle und Empfänge, es ist geeignet für Kutschen oder zumindest Großfamilien, die alle gleichzeitig eintreten. Ohne Begleitung davor zu stehen hat fast etwas Unhöfliches. Vom Palazzo Butera, zwei Häuser weiter, schallen Baugeräusche hinüber, dort sind Stuckateure zugange, sie hämmern, sägen und schleifen, Elektriker und Anstreicher rufen sich Anweisungen zu. Der Palazzo Butera mit seiner prächtigen Innenausstattung, jahrhundertelang Sitz der Fürsten von Trabia und Butera, ist das berühmteste Gebäude der Straße. Johann Wolfgang Goethe war dort zu Gast, ebenso wie Wilhelm II. Jetzt gehört es dem Mailänder Galleristen Massimo Valsecchi, der es in einen Ausstellungsort und ein europäisches Laboratorium umwandeln will. Die Sanierung geht voran; im Sommer 2018 ist der Palazzo Butera Teil der Kunstausstellung Manifesta, auch die Baustelle steht für Besichtigungen offen. Die Nummer 28 ist nicht ganz so pompös, Palazzo Lanza Tomasi heißt dieser Bau heute, benannt nach seinem Besitzer, dem Cousin und Adoptivsohn des Fürsten Giuseppe Tomasi di Lampedusa, der das Haus kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eher aus Verzweiflung erwarb. Sein Elternhaus Palazzo Lampedusa war von amerikanischen Bomben zerstört, und irgendwo musste er schließlich unterkommen, auch seine Ehefrau, die Fürstin Licy Wolff von Stomersee, Psychoanalytikerin von Beruf, brauchte einen Ort für ihre Couch. Dann besser hier, wo achtzig Jahre zuvor immerhin sein Urgroßvater eine Zeitlang gewohnt hatte.
Aus der Sprechanlage tönt eine Stimme: Die Treppe rechts hinauf in den ersten Stock, dort werde man mich in Empfang nehmen. Der Hausherr wieselt mir entgegen, ein wendiger Mann von 84 Jahren mit lebhaften kleinen Augen, einem Bürstenhaarschnitt und einem sardonischen Lachen, in das er regelmäßig ausbricht. Wir kennen uns noch aus Neapel, wo Gioacchino Lanza Tomasi Intendant des Opernhauses San Carlo war. Nach Jahrzehnten in Japan, New York, Rom und Neapel ist der Musikwissenschaftler nach Palermo zurückgekehrt. Den Palazzo hatte er immer behalten, auch wenn er nur die Sommermonate hier verbrachte. Nach und nach wurde das Haus umgebaut. Heute bewohnt er mit seiner Familie den ersten Stock, während die obere Etage mit Möbeln, Porzellan und Gemälden aus dem Besitz der Lanzas ausgestattet ist. Die Bibliothek seines Großvaters steht dort, genau wie die von Tomasi, außerdem wenige Erbstücke vom Landsitz Santa Margherita. Don Gioacchino führt mich ins Wohnzimmer. Auf dem Flügel stapeln sich Partituren, von der Decke baumelt eine steinerne Meerjungfrau, die Arbeit einer französischen Bildhauerin, wie er mir erklärt. Wir nehmen auf Polstermöbeln Platz. Die Fenster gehen auf die Terrasse, wo Oleanderbäume blühen, dahinter blitzt das Meer. Gioacchino beginnt zu erzählen. Tomasi habe die Räume auf derselben Etage nebenan bewohnt. Damals war es ein unbequemes Haus, zugig und feucht, ohne vernünftige Heizung. Es gab nur einen fauchenden Gasofen, mit dem sich der Fürst mehrfach beinahe in die Luft gejagt habe. Und vor der Terrasse lagen Berge von Trümmern – die Überreste der bombardierten Palazzi wurden kurzerhand hier aufgeschüttet, was den Abstand zum Lungomare enorm vergrößerte. Der Musikwissenschaftler breitet die Ahnentafel vor mir aus und schildert die blutrünstigen Gepflogenheiten der Tomasi-Sippe: Dass Rivalen vergiftet oder erdolcht wurden, war an der Tagesordnung, erst recht, als im 16. Jahrhundert die junge Ehefrau eines Tomasi dem Vizekönig gefiel. Gioacchino zerkaut die Silben regelrecht, sein »r« klingt wie ein »w«, und zwischendurch verfällt er in ein passables Deutsch, das er, wie oft im sizilianischen Adel, als Kind von einer deutschen Gouvernante gelernt hat, einer sogenannten »Schwester«.
»Wie viele süditalienische Familien war auch meine eher verrückt. Sie verließ Sizilien 1911. Palermo besaß zwei Leuchttürme der mondänen Haushaltsführung, beide aus der Lanza-Sippe, einer war mein Großvater, der Fürst von Trabia. Kolossale Paläste, große Bälle. Mein Großvater hatte aber eine Neapolitanerin geheiratet, und meine Großmutter empfand Sizilien als provinziell, wo es einfach nicht auszuhalten war, also zog die Familie nach dem Tod ihrer Schwiegermutter nach Rom. Meine Großmutter lebte dort im Grand-Hotel, wo sie Gäste empfing und einen Salon hatte. Meine Eltern gehörten zu den adligen Kreisen um die Königsfamilie«, erklärt Gioacchino. »Nach dem Zweiten Weltkrieg war das große Vermögen der Familie sehr zusammengeschmolzen. Mein Vater hatte immer den Traum gehabt, nach Sizilien zurückzukehren. Also kamen wir 1945 hierher, ich war elf Jahre alt. Im Haus meines Großvaters, das 34 Jahre lang im Dornröschenschlaf gelegen hatte, gab es noch ungeöffnete Postsendungen aus London mit gestärkten Frackhemden. Es wurde alles renoviert, und meine Eltern begannen, ein glanzvolles Gesellschaftsleben zu führen. Sie gaben Cocktails für zweihundert Gäste, zu denen auch Tomasi di Lampedusa und seine Frau kamen. Tomasi war ein entfernter Cousin meines Vaters. Er fiel mir schon damals auf, weil er diese imposante, sehr korpulente Ehefrau hatte. Später habe ich ihn dann näher kennengelernt. Wir lästerten gern über unsere Familien und waren beide ziemlich gehässig.«
Um mir einen Eindruck von der typischen Ausstattung eines Palazzos zu verschaffen, führt mich Don Gioacchino in die obere Etage, öffnet Türen und knarrende Fensterläden. Empfangsräume, Damensalons und Herrenzimmer reihen sich aneinander. Es gibt eine komplett eingerichtete Küche, polierte Messingtöpfe und Pfannen hängen an der Wand, behutsam ergänzt durch moderne Gerätschaften. Gioacchinos Ehefrau Nicoletta hält hier regelmäßig Kurse ab, sogar auf Englisch: »Cooking with the duchess« – Amerikaner lieben das. Größere Gruppen aus den USA buchen mit Vorliebe das Arrangement »Drinks im historischen Ambiente«, Einführung in den Leoparden inklusive, wer will, kann auch noch das Buch kaufen. Die Räume sind zweifellos für derartige Zusammenkünfte gedacht. Wir betreten das Esszimmer, das eher ein Saal ist, in den Schränken stapeln sich Tischwäsche und Geschirr für 280 Personen. Ende des 19. Jahrhunderts übertrafen sich die palermitanischen Familien mit ihren Inneneinrichtungen und wurden von einer regelrechten Sammelwut ergriffen: vor allem Porzellan, Silber, Leuchter, Lampen, Tischtücher mit kompliziertesten Stickereien, Sonderanfertigungen sizilianischer Handwerker. Ein palermitanischer Palazzo sei damals eine Theaterbühne gewesen, meint mein Gastgeber, eine Bühne, auf der sich die jeweilige Familie inszenierte und jedem Angehörigen eine klare Rolle zuwies. Schon im Jahrhundert zuvor hatte es für die Großgrundbesitzer Steuervorteile gegeben, wenn sie sich in Palermo niederließen. Die Latifundien verwahrlosten, an der Verwaltung der Besitztümer hatten die Adligen kein Interesse, das Geld wurde in die Stadtpaläste gesteckt. Und dort rezitierte man beständig dasselbe Stück, jedes der einflussreichen Häuser zelebrierte die eigene Herkunftsgeschichte. Allerdings waren viele Familien eigentlich zu arm für die aufwendigen Pflichten der Repräsentation; die Juwelen landeten beim Pfandleiher und wurden häufig nur für die großen Bälle ausgelöst. Der Geschäftsmann Vincenzo Florio (1799–1868), ein gebürtiger Kalabrese, klagte 1866: »Der Müßiggang frisst diese Gesellschaft auf, ihre materiellen Ambitionen ruinieren sie; der Luxus, die morbide Dringlichkeit, unbedingt eine Kutsche besitzen zu müssen – alles das steht in keinem Verhältnis zu ihren Mitteln. Es ist sehr schwierig, diese Leute zu Gewerbe oder aktivem Handel zu bewegen.« Tomasi blieb dem Glanz und den Inszenierungen der großen Familien vollkommen verhaftet, was sich an seiner Liebe zu Interieurs zeigt. Nicht nur im Leoparden , auch in seinen Kindheitserinnerungen beschwört er bis ins Detail emphatisch die Räume des Palazzo Lampedusa herauf. Dass dieses Haus einer amerikanischen Bombe zum Opfer fiel, war eine tiefe Demütigung. Es zog ihm buchstäblich den Boden unter den Füßen weg, denn seine Daseinsberechtigung schien mit dem konkreten Bau verknüpft, den er, wie er es ausdrückte, »mit absoluter Hingabe« geliebt habe.
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