Giuseppe Tomasi di Lampedusas imposanter Held Don Fabrizio, der Fürst aus dem Leoparden , nimmt 1883 denselben Weg wie Vittorinis Protagonist, aber er kehrt nach der Konsultation eines Arztes in Neapel zum Sterben nach Sizilien zurück. Sechsunddreißig Stunden sei er »in einem glühenden Kasten eingesperrt« gewesen, vom Rauch der Tunnels fast erstickt. »Sie fuhren durch ungesunde Gegenden, über unheimliche Gebirgszüge, über malariaverseuchte, wie erstarrte Ebenen – Ausblicke in Kalabrien und der Basilicata, die ihm barbarisch vorkamen, während sie doch denen in Sizilien ganz ähnlich waren. Die Eisenbahnlinie war noch nicht ganz fertig: In ihrem letzten Stück bei Reggio machte sie einen weiten Bogen nach Metaponto durch Mondlandschaften, die rein zum Hohn so athletische und wollüstige Namen trugen wie Crotone und Sibari.« Mit dem einstigen Glanz seines adligen Geschlechts hat diese Rückkehr nichts zu tun; das stolze Familienoberhaupt ist krank und zerrüttet. Der Leopard erzählt vom Niedergang einer Sippe und dem Epochenbruch nach der italienischen Einigung von 1860. Ironischerweise war es ausgerechnet Vittorini, der in seiner Funktion als Verlagslektor Tomasi di Lampedusas Roman ablehnte. Der Absagebrief erreichte den Fürsten auf dem Sterbebett. Erst nach seinem Tod wurde Tomasi zum berühmtesten Schriftsteller der Insel überhaupt. Sein Roman trifft das sizilianische Dilemma im Kern, und sein Werdegang gehört zu den verblüffendsten unter den sizilianischen Schriftstellern. 1957 passierte der schwer an Lungenkrebs erkrankte Fürst Tomasi di Lampedusa zum letzten Mal die Meerenge von Messina und reiste nach Rom, wie sein Held auf der Suche nach ärztlichem Beistand. Sein Leichnam wurde wenige Monate später von der Hauptstadt nach Sizilien überführt.
Der Übergang vom Festland nach Sizilien wirkt wie eine Schranke. Wer von dort kommt, scheint es selbst so zu empfinden – die Insel liegt eben nicht in Italien und bleibt unvergleichlich; selbst auf Italiener wirkt sie bis heute exotisch. An derselben kalabresischen Küste, von der Tomasi und Vittorini erzählen, sucht der Held ‘Ndrja Cambrìa in Stefano D’Arrigos 1500-seitigem sprachtrunkenem Epos Horcynus Orca (1975) mitten in den Wirren der Kapitulation von 1943 nach einem Boot zum Übersetzen. Der junge Marinesoldat ist desertiert und hat sich bis in das Dorf der Feminotinnen durchgeschlagen, wo die Frauen aus schierem Hunger ungenießbares Delfinfleisch einkochen. Der Gestank macht die Luft schwer. ‘Ndrja stolpert über Halden weißer Fischknochen; auch das Meer, längst von den Alliierten beherrscht, ist angesteckt von dem Gärungsprozess: »Da machte er sich in dem tiefen Dunkel blindlings wieder auf und fand unerwartet, nach wenigen Schritten, schließlich eine Öffnung zum Meeresufer: Auf seiner Haut spürte er einen Lufthauch, die Dunkelheit vor ihm war frei von Häusern, und der Atem des Riesentieres, des Meeres, blies ihm ans Ohr und schlang sich um ihn wie ein dünner Faden, in unendlichen Umschlingungen von Speichelfäden, die versteinerten, wie die Fäden einer Muschel, die mit den Echos ihrer geheimnisvollen, unermesslichen Belebung kamen und gingen.« D’Arrigo, 1919 in Alì Marina bei Messina geboren und in Rom zuhause, lässt seinen Helden auf eine Fischersfrau treffen, die ihn durch das Gewässer hinüberrudert. »›Schöner Bursche‹, sagte sie und senkte ihre Finger in sein Haar. ›Wir sind auf der anderen Seite, und Ihr schlaft? Scheint Euch das der geeignete Augenblick zu sein?‹ ›Was ist mir da passiert? Was für ein Schlaf war das?‹ ›Was kümmert Euch das? Eure Reise ist zu Ende. Hier ist sie zu Ende.‹ ›Hier wo?‹ ›Hier, auf der Insel, oder? Wart Ihr nicht völlig verrückt danach, nur ja nach Sizilien zu kommen?‹«
Die Rückkehr, der nóstos – das treibt alle sizilianischen Schriftsteller um. Aber Rückkehr wohin, was hat es mit der Insel auf sich? Um ein Gespür für die Geographie des äußersten Südens von Italien zu bekommen, muss man mit Zügen und dem Schiff reisen; anders erschließen sich die Distanzen nicht. Von Reggio Calabria aus liegt Sizilien wie ein Dreieck da, das vor der Stiefelspitze Italiens aus dem Meer ragt. Messina bildet die obere Ecke, Capo Passero die untere. Catania liegt auf der Hälfte der kürzeren Seite, Syrakus etwas weiter unten an einer kleinen Ausbuchtung. Marsala und Trapani markieren die gegenüberliegende Ecke des Dreiecks. An den langgezogenen Seiten bilden Palermo an der oberen und Agrigent mit Porto Empedocle an der unteren Küste Orientierungspunkte. Bis heute sind Reisen im Vergleich zum Rest von Italien eher mühsam, die Bahnlinien führen zwar durch liebliche Küstenlandschaften mit Palmen, Hibiskus, Oleander, Eukalyptus und Orangen- und Zitronenbäumen, aber sie nehmen weite Umwege. Nach Enna, Ragusa, Modica oder Noto gelangt man nur mit dem Auto oder mit Bussen. In Richtung Noto sind die Olivenanpflanzungen von Trockenmauern umgeben, ab und zu gibt es ein Gehöft, man kommt am Schloss von Donnafugata vorbei, dessen Name Tomasi di Lampedusa sich für seinen halb fiktiven, halb realen Sommersitz in seinem Roman borgte. Aber zwischen Catania und Palermo wirkt Sizilien über viele Kilometer hinweg unbewohnt. Noch 1850 fuhr man selbst von Palermo nach Marsala eher mit dem Schiff, weil es schneller ging als über den Landweg. Die aufwendigen Reisen, Rückkehr und Abschied, Verwurzelung und Trennung – stärker als in anderen Regionen prägt dieser Rhythmus von Nähe und Distanz die sizilianischen Schriftsteller. Gerade das spezifische Verhältnis zur eigenen Herkunft und der geschärfte Blick für Italien könnten der Grund für den verblüffenden Reichtum der sizilianischen Literatur sein. Von hier kamen die entscheidenden Impulse. Um 1900 waren es Giovanni Verga, Luigi Capuana und Federico De Roberto aus Catania, die alle drei viele Jahre in Mailand und anderswo verbrachten, mit dem Verismus eine italienische Spielart des Naturalismus erfanden, dann aber wieder in ihrer Heimat Quartier nahmen. Der Nobelpreisträger Luigi Pirandello, 1867 geboren, stammte aus Agrigent und ging nach Rom; die zersplitterte sizilianische Identität antizipierte eine Erfahrung der Moderne und wurde zum Angelpunkt seiner Dramen und Romane. Für Giuseppe Tomasi di Lampedusa, Jahrgang 1896, waren Frankreich und England die literarischen Echoräume, er war ein großer Reisender, blieb aber Palermitaner. Vitaliano Brancati, 1907 geboren und in Catania aufgewachsen, Verfasser gleißender satirischer Romane über die Geschlechterverhältnisse, verbrachte seine späten Jahre in Rom, doch seine Figuren kehren allesamt nach Sizilien zurück. Der ebenfalls mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Dichter Salvatore Quasimodo aus Modica, wo er 1901 geboren wurde, schrieb über die südliche Vegetation und das Licht und war in Mailand zuhause. Vittorini lebte in Mailand, D’Arrigo in Rom. Andrea Camilleri aus Porto Empedocle ging als Dreiundzwanzigjähriger 1949 nach Rom und kehrt bis heute nur für die Sommermonate nach Porto Empedocle zurück, aber die Insel ist Schauplatz seiner Bücher. Sein großer Förderer, der pessimistische Leonardo Sciascia mit seinen aufklärerischen Romanen, Jahrgang 1921, war durch und durch ein Mann aus dem Landesinneren der Insel und verbrachte die längste Zeit seines Lebens in Palermo, obwohl er sich als Abgeordneter zumindest zeitweise außerhalb von Sizilien aufhielt. Mit seiner Metapher der sich immer weiter in den Norden verlagernden »Palmenlinie« prognostizierte er eine Sizilianisierung ganz Italiens. Alle setzen sich mit dem auseinander, was Sciascia die sicilianità nannte – die Sizilianität.
Noch eine Eigenart bindet die sizilianischen Schriftsteller aneinander: Sie beziehen sich fortwährend auf die Werke der anderen Sizilianer. Jeder liest jeden, man kommentiert sich, auch über die Distanz von Jahrhunderten hinweg. Als ein Umschlagpunkt gilt vielen die Einigung von 1860. Sie erzählen Geschichten von Niedergang und Dekadenz und davon, wie sich eine erschöpfte Elite von den Nöten der eigenen Region abwendet. Die überkommene, hochverfeinerte Kultur entfaltet starke Fliehkräfte. Eines ist allen gemeinsam: Sizilien, am äußersten Rand von Europa gelegen, bildet das vitale Zentrum.
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