Shirin schüttelt den Kopf. „Eine halbe Stunde vor dem Essen muss man ihn rausstellen. Sonst ist er zu hart.“
Ich grinse. „Aber dann zerfällt er.“
Alle drei springen wir gleichzeitig auf, laufen in die Küche und holen den gefrorenen Dattel-Nuss-Block aus dem Eiskasten. Julia seufzt theatralisch und verdreht die Augen.
„Wir könnten ihn auftauen und mit Lunas Mixer zu einem Smoothie verarbeiten“, schlage ich vor.
„Wir könnten einfach jemanden damit erschlagen“, kommentiert Julia trocken. Bestimmt tut es ihr leid um die ganzen verschwendeten Superlebensmittel.
Vor lauter Kuchenaufregung habe ich gar nicht gemerkt, dass meine Mutter Luna bereits hereingelassen hat. Aus den Gesprächsfetzen schließe ich, dass sie sich über Lunas Lieblingsrestaurant unterhalten, wo sie vermutlich gerade mit ihren Eltern essen war.
„Hey!“ Luna bleibt im Türrahmen zur Küche stehen und winkt.
„Hey, Luna!“ Ich falle ihr um den Hals und drücke sie. „Happy Birthday!“
„To you …“, fallen Shirin und Julia ein und singen gleich weiter. „Marmelade im Schuh, Aprikose in der Hose, Happy Birthday to yooouuuu!!!“
Ich sehe, dass meine Mutter mitsingt. Sogar den Teil mit der Marmelade und der Hose. Ich kann spüren, wie sie sich freut.
Luna lächelt und verbeugt sich. „Und was ist das?“ Sie deutet an mir vorbei auf den Kuchen.
„Äh …“ Julia zögert. „Ein Geburtstagsklumpen von uns?“
„Yeah!“ Luna lacht und stellt ihren Mixer ab. „Einen Klumpen wollte ich schon immer haben.“
„Wir können ihn auftauen und mixen“, wiederhole ich meinen Vorschlag von vorhin. „Schmeckt sicher gut.“
Nach kurzer Diskussion tauen wir den Klumpen tatsächlich auf, mixen die Masse mit Lunas Powergerät und frieren das Ganze wieder ein. Am Abend ist daraus ein wirklich leckerer Kuchen geworden. Oder wie auch immer man das nennen soll. Bis dahin werfen wir alle möglichen Dinge, die wir in unserer Küche finden, zusammen und staunen, wie der Mixer sogar Orangenschalen und Karotten in einen cremigen Smoothie verwandeln kann. Einmal kippen wir unser Gebräu würgend ins Klo, nachdem wir versucht haben, auf Julias Vorschlag hin Avocadokerne und Bananenschalen als Zutaten zu verwenden.
Als Entschädigung mixt sie uns aus ihren magischen Zutaten einen Supershake. Mit Bananen, Mandelmilch, Maca Pulver und Chia Samen. Eigentlich hätte noch eine Prise Himalaya-Kristallsalz hineingehört, aber das hat Julia nicht mitgebracht und wir haben nur jodiertes Tafelsalz, das will Julia nicht. Sie will keine Produkte mit Zusatzstoffen, sie will pur und rein und gesund sein.
Jodmangel war eine häufige Ursache dafür, dass Menschen einen Kropf bekommen haben, aber das sage ich nicht. Auch nicht, dass es im Himalaya gar keine Salzbergwerke gibt. Außerdem geht in dem Moment der Mixer an und mich würde sowieso niemand hören.
Der letzte Shake ist okay, nur die Chia-Samen sind schleimig und nerven. Als alle gegangen sind, ist mir schlecht von den ganzen süßen Sachen. Ich öffne den Tiefkühler und nehme eine Packung Tiefkühlpizza heraus. Quattro Formaggi.
Ich konzentriere mich auf die Gorgonzolafäden, die sich zwischen meinem Mund und dem Pizzastück in meiner Hand ziehen, und versuche, mir nicht Julias vorwurfsvollen Blick vorzustellen. Selber schuld, dass du Krebs gekriegt hast , sagt der Blick. Wenn du solchen Junk frisst .
Als ich bei der Hälfte der Pizza angekommen bin, kommt meine Mutter in die Küche, um sich etwas zu trinken zu holen. „Deine Freundinnen sind nett“, sagt sie.
Ich nicke mit vollem Mund. Ja. Nett sind sie.
Plötzlich habe ich das dringende Bedürfnis, Marc anzurufen. Ich habe mich erfolgreich drei Tage lang nicht bei ihm gemeldet und seine zahlreichen Anrufe und Nachrichten ignoriert. Die letzte war:
Gut, ich gebe dir Zeit
Für den Anruf schließe ich mich auf dem Klo ein. Marc hebt sofort ab.
„Lass uns einfach vergessen was passiert ist“, sage ich schnell, bevor er etwas sagen kann.
„Okay“, kommt es zögernd vom anderen Ende der Leitung. „Ich will aber, dass du weißt …“
„Passt schon.“ Ich will nichts hören. Will über nichts diskutieren. Ich brauche nur jemanden, der mit mir Tiefkühlpizza Quattro Formaggi isst. Und außer Marc fällt mir da momentan niemand ein.
Ich will auch nichts sagen, außer: „Hast du Zeit grad? Ja? Dann komm ich vorbei. Ich bring Pizza mit.“
Ich klappe die halbe Pizza zusammen, so dass Käse mit Käse verschmilzt, und packe sie in den Pizzakarton, den ich wieder aus dem Altpapier hole. „Ich fahr noch zu Marc, ja?“
Meine Mutter nickt. „Sonntag Brunch mit ihm steht noch?“, will sie wissen. „Ich möcht ihn wirklich gern kennenlernen.“
Ich nicke hastig. „Alles klar. Er kommt gerne.“
Ich muss mir schleunigst überlegen, wie ich Marc dazu kriege, am Sonntag bei uns aufzutauchen.
MARClacht, als er die labbrige halbe Pizza sieht. „Sowas meinst du, wenn du sagst, du bringst Pizza mit?“
Ich grinse verlegen und ziehe die Schultern hoch. „Können wir das irgendwie aufwärmen?“ Während die Pizza in der Mikrowelle ihre Runden dreht, kuschle ich mich an Marc und will einfach nicht reden, nicht denken, nur spüren, dass da jemand ist. Dass ich da bin.
Ich lasse Marc auch nicht los, als wir die Pizza vor uns liegen haben und ich kleine Stücke davon abreiße und sie mir in den Mund schiebe. Marc beißt einmal ab, den Rest überlässt er mir. Ab und zu öffnet er den Mund, um etwas zu sagen, aber jedes Mal versuche ich, ihm ein Stück Pizza hineinzuschieben, und er wehrt lachend ab.
Als ich fertig bin, wische ich meine fettigen Finger an der Hose ab. „Ich will echt nicht darüber reden“, stelle ich klar.
Marc atmet tief ein. „Okay. Ich will aber …“
Da ich keine Pizza mehr habe, um ihn zu stoppen, beuge ich mich kurzerhand über ihn und küsse ihn. Es dauert ein bisschen, aber dann macht er mit.
Einmal versucht er es noch. „Und es ist wirklich wieder alles …“
Ich nicke heftig. Ich will jetzt nicht reden. Ich will, dass er mich hält, dass er mich küsst, dass er mich die verdammten Smoothies vergessen lässt. Ich will mich an ihm anhalten. Marc ist einer, an dem man sich anhalten kann.
Aus den Augenwinkeln sehe ich seine Hanteln auf dem Küchentisch, daneben eine Riesenpackung Eiweißpulver. Whey Protein .
Proteinshakes können verdammt gefährlich für die Nieren sein, wenn man keine Ahnung hat. Ich schließe die Augen. Zum Küssen braucht man die schließlich nicht.
Wir fahren auseinander, als Marcs Mutter in die Küche kommt. Ich bedanke mich kurz und artig, dass ich am Abend noch vorbeikommen durfte, sie winkt ab und lächelt, sie hat Wichtigeres zu tun, scheint’s. Mir nur recht. Mein Kopf ist noch immer voll schleimiger Chia Samen und vorwurfsvoller Blicke, die muss ich vertreiben, schnell.
Marc lässt sich von mir in sein Schlafzimmer und auf sein Bett ziehen. „Moment mal“, sagt er kurz, aber ich gebe ihm kein Moment mal, ich habe in den letzten zwei Jahren auch nie eines bekommen, warum sollte er.
Ich deute auf die Packung Kondome, die Marc demonstrativ auf das Nachtkästchen gestellt hat. Marc hebt fragend die Augenbrauen. „Wirklich? Aber …“
Noch immer will er reden. Aber es gibt nichts zu reden. Es gibt Proteinshakes und grüne Smoothies und es gibt Narben und Bestrahlungen von über 10 Gray. Die haben keine gemeinsame Sprache.
Marc ist ein Profi, was das Kondom betrifft, bestimmt hat er inzwischen geübt. Er rollt sich auf mich, ich spüre einen scharfen Schmerz, der mich mehr interessiert als erschreckt. Ich versuche, in den Schmerz hineinzuspüren, spüre Marc, der sich auf mir bewegt, angenehm ist das nicht, aber es wird weniger unangenehm mit der Zeit, es ist Marc, Marc der nach Salz schmeckt, ich mag Salz.
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