Marc malt weitere Violinschlüssel auf meine Haut. Auf meinen Unterarm, dann den Oberarm, dann schiebt sich seine Hand durch den Ärmel meines T-Shirts und malt auf mein Schulterblatt. Ich blubbere noch ein paar Malibu-Bläschen und kichere. Marc streckt die Hand, die gerade keine Notenschlüssel malt, nach der Fernbedienung aus und stellt den Ton ab.
Ich spüre meine Muskeln, wie sie sich beugen und strecken, wenn meine Arme Marcs Rücken entlangfahren. Spüre meine Lunge, wie sie sich füllt und wieder verkleinert, in unterschiedlichen Abständen, wenn ich mit meinem Atem spiele. Langsam ein, langsam aus. Schnell ein, langsam aus. Luft anhalten. Langsam ein, schnell aus. Alles funktioniert, nichts tut weh. Schnell ein, schnell aus. Und wieder. Schnell ein, schnell aus.
Marc scheint daraus zu schließen, dass mir gefällt, was er tut. Seine Hand gleitet meine Taille entlang und streichelt über meine Hüfte. Öffnet langsam den Knopf an meiner Hose. Dann den Reißverschluss.
Ich glaube, wir sehen aus wie im Film. Nicht in dem, der gerade lautlos vor uns läuft. In einem besseren. Einem mit gedämpftem Licht. Mit zwei Körpern, die sich aufeinander, umeinander bewegen. Mit Muskeln, die sich unter der Haut verschieben. Viele Muskeln in seinem Fall, weniger in meinem. Ich spanne meinen Bizeps an. Ich mag, wie sich das anfühlt. Besser als der von Marc, finde ich. Nicht, weil seiner schlecht wäre. Aber meiner ist meiner.
Während ich so nachdenke, hat Marc sich seine Unterhose vom Körper gestreift. Calvin Klein, das kann ich aus dem Augenwinkel sehen. Dann soll es heute also tatsächlich passieren. Gut so. Mit siebzehn. Gar nicht mal so spät. Luna und Shirin haben noch nicht, zum Beispiel. Und die haben kein Jahr im Spital verloren. Ich liege noch gut in der Zeit.
„Hast du ein Kondom da?“, flüstere ich Marc ins Ohr.
Er schüttelt den Kopf. Keine Ahnung, ob er erwartet hat, dass ich eines mitbringe. Ich habe, ehrlich gesagt, überhaupt nicht daran gedacht. Blöd, eigentlich. Julia behauptet, dass es immer die Männer sind, die an sowas denken sollen.
„Wirklich nicht?“, frage ich also ungläubig.
Marcs Hand hört nicht auf, mich zu streicheln. „Ist doch egal“, murmelt er.
„Ohne ist nicht“, stelle ich klar, auch wenn das jetzt irgendeine Romantik zerstört oder weiß der Geier was. Ohne ist definitiv nicht.
„Aber bei uns ist das doch wirklich egal.“ Marc legt die Hand an meine Wange und lächelt.
„Wie meinst du das?“ Ich stütze mich auf meine Ellenbogen. Die Muskeln in meiner Bauchdecke spannen sich an.
Marc lässt seinen Blick auf meine Seite wandern, dorthin, wo die Narbe ist. „Na, du kannst doch eh nicht schwanger werden.“
Auf den Ellbogen drücke ich mich höher und schiebe seine Hand von meinem Körper.
Was hast du da gesagt?
Ich starre ihn an und spüre die Wut in mir aufsteigen. Das hast du nicht wirklich gesagt.
Schlagartig ist jegliches freundliche Gefühl aus mir verschwunden.
„Na ja, nach der Chemo …“, sagt Marc zögerlich. „Also das macht doch unfruchtbar. Meine Tante …“
„Was geht mich deine Tante an“, brülle ich. „Schon mal was von HIV gehört, du Arsch? Ich hab schon die eine tödliche Krankheit überlebt, meinst du, ich bin scharf darauf, mir die andere einzufangen?“
Ich springe auf und greife wahllos nach Kleidungsstücken, die unordentlich auf dem Boden neben Marcs Matratze rumliegen. Ziehe mich hastig an. Meine Unterhose kann ich nicht finden, also wird es Calvin Klein, das T-Shirt ist auch von Marc, die Hose wieder meine, seine wäre mir zu weit.
„Aber …“, stammelt Marc. „Aber … du bist doch die erste …“
Ich laufe aus dem Zimmer und schlage ihm die Tür vor der Nase zu. Ich muss raus hier. Schnell in die Schuhe, Schuhbänder unter die Ferse stopfen, zubinden geht später. Ein Arm in den Jackenärmel und raus.
„Hel, warte!“
Aber ich warte nicht. Ich laufe. Ich kann das nämlich. Die Muskeln in Oberschenkeln und Waden spannen sich an, meine Knie beugen und strecken sich, meine Lunge pumpt sich mit Luft voll und stößt sie wieder aus. Schnell ein, schnell aus. Schnell ein, schnell aus.
„Das hab ich nicht so gemeint!“, höre ich Marcs Stimme hinter mir. Sie klingt verzweifelt. „Es tut mir so leid, ich hab echt nicht …“
Ich presse mir im Laufen die Hände gegen die Ohren. Ja, Marc kennt sich aus. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich jemals ein Kind bekomme, ist tatsächlich gering. Haben sie mich aufgeklärt im Krankenhaus. Die Killer-Chemo, die ich gekriegt habe, hat nicht nur den Krebs in mir ausgeschaltet. In Kombi mit Bestrahlung überhaupt. Haben sie mir ein Infoblatt gegeben.
Bei Bestrahlung des Beckens mit einer Dosis von über 10 Gray ist die Wahrscheinlichkeit von Unfruchtbarkeit blablabla. Ich hab nicht mehr weitergelesen. War auch schon egal.
Ich laufe, bis meine Lunge fast kollabiert und meine linke Seite sich anfühlt, als würde jemand mit einem Dolch auf sie einstechen. Die Jacke ist mir vom Ärmel gerutscht, weil ich mir nicht die Zeit genommen habe, sie richtig anzuziehen. Ich schmeiße sie in die Ecke eines Hauseingangs, lasse mich darauf fallen und bleibe liegen, keuchend, schluchzend und das T-Shirt mit Marcs Aftershave-Geruch unter der Nase. Mein Handy, das alle dreißig Sekunden vibriert, schalte ich ab.
Das ist also das Leben, um das ich eineinhalb Jahre lang gekämpft habe? Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mich weniger angestrengt.
Als ich wieder einigermaßen ruhig atmen kann, beginne ich auch wieder zu denken. Wie spät es wohl ist? Um auf meinem Handy nachzusehen, müsste ich es anschalten, doch das traue ich mich nicht. Marc ist es zuzutrauen, dass er weiterhin alle dreißig Sekunden anruft. Es muss noch vor Mitternacht sein, aber sicher bin ich mir nicht. Seufzend rapple ich mich auf, ziehe die Jacke diesmal richtig an und stapfe los. Erstmal zum nächsten großen Platz, auf dem sich ein Versicherungsgebäude befindet, das die Uhrzeit anzeigt.
Noch nicht mal zweiundzwanzig Uhr. Erleichtert atme ich auf. Kann ich also noch nach Hause gehen.
„Himmel, hast du uns erschreckt.“ Mein Vater steht im Durchgang zwischen Wohnzimmer und Vorraum und starrt auf die Wohnungstür, hinter der ich hervorkomme. „Ich hab schon an Einbrecher gedacht.“
„Ich hab dir doch gesagt, um diese Uhrzeit bricht niemand ein“, höre ich die Stimme meiner Mutter.
„Die wissen doch, dass da alle zuhause sind, aber noch nicht schlafen.“ Vorsichtig schließe ich die Eingangstür. „Sorry.“
„Was machst du überhaupt hier? Wolltest du nicht …“
„War ein Missverständnis“, lüge ich schnell. „Marc dachte, er hätte sturmfrei, aber seine Eltern sind doch heimgekommen und irgendwie war’s dann unangenehm. Da bin ich lieber wieder heim.“
„Aha.“
„Aber er kommt gerne am Wochenende vorbei. Sonntag. Zum Brunchen.“ Das sage ich schnell, bevor ich noch irgendetwas zu meinem plötzlichen Auftauchen gefragt werde.
Mein Vater lächelt. „Schön. Ich freu mich, ihn kennenzulernen.“
„Hat er irgendwelche Allergien?“ Meine Mutter aus dem Wohnzimmer. „Oder Intoleranzen? Laktose, Fruktose? Nüsse? Nur damit wir nichts Falsches einkaufen.“
Allergien? Marc? Ha. Der doch nicht. Der ist die Gesundheit in Person. Kannst alles auftischen, Mama. Alles, was du willst.
Ich werfe mich aufs Bett, aber das mit dem Schlafen funktioniert nicht. Ich versuche, tief und regelmäßig zu atmen, die Wut wegzuatmen und die Angst, so wie uns das die Psychologin auf der Onko beibringen wollte, die ich genauso weggeschickt habe wie die Cliniclowns, weil ich fand, dass sie für mich nicht zuständig waren.
Das mit dem Atmen funktioniert auch nicht, die Dunkelheit liegt schwer auf mir, wie eine dicke Decke, unter der man keine Luft, dafür aber Alpträume kriegt. Träume von gelben Krankenhauswänden, von Freundinnen, die mich schockiert anstarren und immer wieder von Annette, die mir bei einer Nachsorgeuntersuchung schreckensbleich eröffnet, dass ich überall Metastasen und nur noch wenige Wochen zu leben habe. Ich verstehe nicht, wieso ich das ständig träume. Annette hat niemals so etwas gesagt, hätte das auch nicht so gesagt, selbst wenn es gestimmt hätte. Die war geschult darin, wie man Nachrichten überbringt.
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