Ist es tapfer, wenn du Schmerzen hast und trotzdem lächelst? Wenn du Schmerzen hast und den Mund verzerrst, aber nicht heulst? Wenn du heulst, aber nicht stirbst? Und die, die gestorben sind, waren die einfach nicht tapfer genug?
Das mit der Tapferkeit ist eine große Lüge.
Ich wünsche mir Evelyn herbei. Die würde jetzt wissen, was zu tun ist. Die würde nicht nur gemeinsam mit mir die Augen verdrehen, sondern ihre halbe Brust schwingen und etwas Schlagfertiges kontern.
Ich sehe wie Shirin, Luna und Julia ihre Münder öffnen und schließen, spüre, wie ich nicke und lächle und Mhm brumme, ohne zu hören, was sie sagen. Stelle mir vor, wie Evelyn und ich uns durch Blicke verständigen, dass es nun endgültig reicht mit all dem Tapferkeitsgelaber. Wie wir gemeinsam aufspringen, uns auf einen Besen setzen, oder auf diesen alten, spacigen Staubsauger aus der Haushaltsausstellung, und durchs geöffnete Fenster ins Freie fliegen. Wie wir all die Angehörigen mit offenen Mündern zurücklassen und draußen unsere Kreise ziehen.
Über die Stadt. Über das Land. Und über das Meer. In welche Richtung auch immer.
Julia rüttelt mich an der Schulter. „Alles klar mit dir?“
„Äh, ja.“ Keine Evelyn, dafür Luna, Shirin und Julia, die mich besorgt ansehen.
„Kann ich mal dein Haargummi haben?“, frage ich schnell, bevor sie irgendetwas sagen oder fragen können. Julia hält es mir hin, ich streife es mir über die Hand und lasse es mit den Fingern gegen mein Handgelenk schnalzen. Dann erzähle ich den dreien von Akupressurpunkten, davon, wie gut das gegen Übelkeit hilft und dass eigentlich, also eigentlich alles gar nicht so schlimm war.
„KANNich bei Marc übernachten?“, frage ich, mehr rhetorisch als sonst was. Schließlich weiß ich, dass die Antwort nicht Nein lautet.
„Du passt auf, ja?“, hat mein Vater nur gesagt, als ich das erste Mal bei Marc übernachten wollte, und ich habe sofort mit den Augen gerollt. Damit hatte sich die Diskussion erledigt. Vermutlich auch deshalb, weil meine Eltern wussten, dass die Wahrscheinlichkeit, mich schwanger vor ihrer Tür stehen zu haben, relativ gering war. Was ja das Hauptproblem zu sein scheint, warum Eltern ihre Kinder nicht bei Jugendlichen des anderen Geschlechts übernachten lassen wollen. Alle haben sie Angst, dass sie Alimente zahlen und Windeln wechseln müssen und die Zukunft ihrer Kinder im Arsch ist.
So als könnte man Dinge durch Verbote verhindern.
Trotzdem formuliere ich den Satz als Frage. Ich könnte auch Ich bin heut wieder bei Marc sagen, oder Ihr wisst ja, wo ich bin . Tue ich aber nicht. Ich frage. So als würde ich insgeheim auf ein So nicht, junges Fräulein warten. Nicht, dass mich meine Eltern jemals junges Fräulein nennen würden. Aber irgendetwas in der Art wäre schön. Irgendwie.
Dann könnte ich Marc anrufen und ihm mit trauriger Stimme sagen, dass ich leider zuhause bleiben muss. Dass ich noch Hausaufgaben machen muss oder mit meinen Eltern für Gäste kochen oder so. Was man so macht mit Eltern eben. Was das genau sein soll, weiß ich nicht mal.
Was machen Leute in meinem Alter mit ihren Eltern, wenn sie alleine mit ihnen sind?
Wir machen immer das, was ich machen will. Will ich kochen, kochen wir. Will ich Essen gehen, gehen wir zum Italiener ums Eck. Ich weiß, dass wir uns das nicht ständig leisten können, deshalb tun wir das nur selten. Aber ich bestimme, wann. Meine Eltern sagen einfach ja.
Weil sie froh sind, dass ich überhaupt noch da bin.
Nicht, dass ich nicht bei Marc übernachten möchte. Seine Eltern haben eine tolle Wohnung, die Couch ist bequem, sie haben Pay-TV und Netflix. Und der Kühlschrank ist immer voll. Außerdem mag ich, wie Marc mich ansieht, wenn er denkt, dass es niemand merkt. Und seine Eltern sind heute Abend nicht da, also wird er mich oft so ansehen. Ich mag, wie er seinen Arm um meine Schultern legt und mir mit den Fingern durch die Haare fährt. Weil meine Schultern wieder aufgerichtet und stark sind und mir Haare aus der Kopfhaut wachsen, durch die man fahren kann. Mag es, wenn er seinen Kopf an meine Schulter lehnt, dort, wo das Schlüsselbein ist, in dem kein Port mehr steckt.
Ich fahre also zu Marc.
„Können wir den Herrn auch mal kennenlernen?“, fragt meine Mutter, als ich mich an der Wohnungstür verabschiede.
Den Herrn . Ich grinse. Vielleicht nennen sie mich ja doch mal junges Fräulein .
„Sicher.“ Ich klopfe meine Jackentaschen ab, um mich zu vergewissern, dass alles da ist. Handy, Schlüssel, Geld.
„Vielleicht will er am Wochenende vorbeikommen? Zum Brunchen? Oder am Abend? Sag du, wie es dir am liebsten ist.“
Sag du. Sagdusagdusagdu. Sagt doch ihr mal etwas. Bestimmt doch verdammt noch mal einfach mal ihr, was passieren soll.
Ich bin unfair, ich weiß. Meine Eltern wollen Marc kennenlernen. Ich werde ihn einfach fragen. Soll er doch bestimmen, wann.
Marc hat das Licht gedimmt und Orangensaft mit Malibu gemixt, in den stecken wir Strohhalme, während im Hintergrund eine alte Folge von irgendeiner amerikanischen Serie läuft.
Eines der ersten Dinge, die ich Annette gefragt habe, nachdem klar war, dass es jetzt vorbei ist, war, ob ich mit Alkohol aufpassen muss, oder wie das jetzt ist, so mit nur einer Niere.
„Werd bitte keine Alkoholikerin“, hat sie nur gesagt. „Und großartige Drogenexperimente würd ich dir auch nicht empfehlen. Aber ansonsten mach dir keine Sorgen.“
„Ich kann also mal einen Cocktail trinken oder ein Bier oder so?“, habe ich ungläubig gefragt. Annette hat gelacht und genickt. „Wie gesagt, keine Exzesse. Aber das würde ich allen raten, die mich fragen, nicht nur dir. Viel trinken, genug Bewegung, nicht rauchen und nicht zu viel Salz im Essen. Das Übliche halt. Auch Menschen mit zwei gesunden Nieren können sich kaputtmachen, wenn sie ihr Leben lang nicht auf sich achten.“
„Ich kann also alles tun, was die anderen tun?“ Ich konnte es noch immer nicht glauben. Annette hat einen Filzstift genommen und auf ein Post-It geschrieben. Es vor mich auf den Tisch geklebt: JA.
„Mach dich bitte nicht verrückt. Es ist nur wichtig, dass du regelmäßig zum Check-up kommst.“
„Natürlich!“
Annette hat gegrinst. „Dann schau, dass du hier rauskommst.“
Manche Menschen spenden eine Niere an enge Verwandte, man kann also auch mit nur einer Niere ganz gut leben. Ich bin jung, meine zweite Niere funktioniert gut. Ich ziehe Marc den blauen Strohhalm aus dem Mund. „Lass mal kosten.“
„Du hast doch selber.“
„Schmeckt vielleicht anders mit grünem Strohhalm als mit blauem.“
Marc nimmt einen Schluck durch meinen grünen Strohhalm und sieht mir dabei in die Augen.
„Stimmt. Ganz anders.“
„Als Kind hatte ich mal einen Strohhalm in Form eines Notenschlüssels“, sage ich. „Der war lustig. Da musstest du total stark ansaugen, bis der Saft den Weg in deinen Mund gefunden hat.“
„Violine oder Bass?“ Marc kennt sich aus. Natürlich. Er ist Gitarrist bei The Windows . Bescheuerter Name, aber The Doors sind schließlich damals auch groß rausgekommen.
„Der normale Schlüssel“, sage ich. „Welcher ist das?“
Marc lacht. „Ich nehm an, du meinst den Violinschlüssel.“ Mit dem Finger malt er mir dessen Form auf den Handrücken. „Den da?“
Ich nicke und grinse. „Den normalen, hab ich ja gesagt.“
Marc malt weiter, einen Halbkreis mit zwei Punkten. „Das wäre der Bass-Schlüssel.“
„In der Form könnte man eh keinen Strohhalm machen“, stelle ich fest.
Er grinst. „Mit viel Fantasie vielleicht schon.“ Er malt weiter auf meinem Arm herum, Bass-Schlüssel, Violinschlüssel und irgendwann kann ich nicht mehr erkennen, was es sein soll. Mit dem Strohhalm mache ich Blubberbläschen aus dem Malibu-Orange. Ist eine Therapie für lungenkranke Kinder. Spielerisch, also ohne dass sie es merken, weil kein Kind jeden Tag Therapie machen will. Jeden Tag Wasser blubbern lassen. Stärkt die Lunge und die Bronchien und überhaupt alles.
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