Ich stellte mich neben ihn und stützte ein Bein gegen die Mauer. Ronnie hielt mir das Zigarettenpäckchen hin und ich fischte mir eine heraus und ließ mir Feuer geben. Obwohl ich früher schon ein paar Mal mit Freundinnen auf dem Dachboden heimlich geraucht hatte, war mir, als wäre das hier die allererste Zigarette meines Lebens.
„Na, jetzt haben wir’s beide hinter uns“, sagte Ronnie.
Ich blinzelte in die Sonne und stellte mir vor, ich wäre das ganze letzte Jahr hier auch bloß Zivildiener gewesen.
Der Kamp kam durch den Hof gelaufen und ich hob die Hand und winkte. Kamp war Oberarzt und hatte es immer eilig. Manchmal kam er mit Annette zur Visite und stresste rum. Ich war froh, wenn ich ihn nicht sah.
Trotzdem hob ich die Hand. Ich wollte, dass er sah, wie ich da stand und rauchte, so wie das hunderttausend normale Jugendliche in meinem Alter tun. Wie ich neben Ronnie stand. Zwei normale Menschen, die beide in einer halben Stunde ganz normal hier rausgehen würden.
Der Kamp hielt wirklich inne und winkte zurück. Er lächelte. Alle lächelten heute. Auch wenn hinter den Mauern das Sterben weiterging. Das war mir jetzt egal. Es betraf mich nicht mehr.
Der Kamp musste wie immer schnell weiter, aber ich stellte mir vor, wie er sich im Laufen Freudentränen aus den feuchten Augen wischte. Natürlich war das nur in meiner Vorstellung so. Die Ärzte auf der Onko weinen nicht. Auch nicht, wenn einer stirbt. Die sind tough, so wie wir. Irgendwann weinen wir auch nicht mehr. Weinen ist für die von draußen. Für die, die kommen und Geschenke bringen. Für die, die kommen und nicht rein dürfen, weil wir hochanfällig für Infektionen sind. Für die, die kommen und Unordnung stiften. Für die, die kommen, und uns zum Lachen bringen. Heulen tun sie alle irgendwann.
Wir nicht. Ich nicht. Das hab ich mir geschworen. Dass ich nie wieder heule.
War auch nicht mehr notwendig. Die Sonne schien, Ronnie rauchte, Annette grinste und es würde noch mindestens eine halbe Stunde dauern, bis meine Eltern kämen.
Der Tag, an dem der Port raus kam, war nicht der Tag, an dem ich wieder in die Schule gehen hätte können. Das war schon einige Monate vorher. Bloß war da das Schuljahr fast zu Ende und es hatte wenig Sinn. Schließlich wusste man auch noch nicht, wie alles verlaufen würde. Ich hatte also erst mal Sommerferien und dann die OP. Den Eingriff , wie sie es nannten. Sie setzten alles dran, um das Wort Operation so gut es ging zu vermeiden. So als könne man uns das nicht auch noch zumuten. Als würden wir aus den Latschen kippen, sobald wir dieses Wort hörten. Total verlogen, fand ich. Als ob das noch einen Unterschied gemacht hätte. Auch wenn das Ding aussah wie ein Spielzeug aus einem Überraschungsei, es saß unter meiner Brust und es gehörte da nur so lange hin, wie ich mir regelmäßig Chemikalien durch den Körper jagen lassen musste.
Das aber war jetzt endgültig vorbei. Und eine OP war eine OP.
Ich konnte also ganz normal im September wieder in die Schule gehen. Natürlich nicht in meine alte Klasse, aber eine Klasse drunter. Würde nicht in einem Jahr die Matura machen, sondern erst in zwei. Als wäre ich sitzengeblieben. So wie Nono. Das mit September war also unheimlich praktisch. Ich hatte Nono, mit dem ich zwar nicht befreundet war, den ich aber noch aus meiner Klasse kannte.
Ich würde auch in einigen Fächern die gleichen Lehrer haben. Den Stricker, der mir in Mathe das Leben zur Hölle gemacht hatte, war ich los. Obwohl ich das mit der Hölle jetzt im Nachhinein noch mal anders definieren würde. Egal, ich musste mir über ihn keine Gedanken mehr machen.
Ich sollte mir auch keine Gedanken mehr machen über das, was gewesen war. Ab jetzt ging es nach vorn. Die letzten Augusttage war ich ziemlich gut gelaunt. Ich hatte das Gefühl, die Welt mochte mich. Sie wollte es mir leicht machen auf meinem Weg nach vorn.
Und jetzt sitze ich da in der neuen Klasse. Neben Nono. Ein halbes Jahr schon. Ich konnte sogar durchsetzen, dass wir einen Tisch in der Mitte nehmen und uns nicht irgendwo hinten in die letzte Reihe verdrücken. Nono hatte keine Lust auf Lernen. Ich schon. Ich wollte endlich wieder eine richtige Schülerin sein.
Die erste Zeit in der neuen Klasse habe ich vor allem damit verbracht, die anderen zu beobachten. Herauszufinden, wer wie zu wem steht. Wer welchen Status hat. Wer das Sagen hat und wer sich unterordnet. Und wo ich mittendrin meinen Platz finde. Auf blöde Blicke oder Fragen hatte ich mich vorbereitet, aber die sind gar nicht gekommen. Ich weiß nicht, wer aller wusste, warum ich hier sitze. Vermutlich haben sie anfangs gedacht, ich sei sitzengeblieben. So wie Nono.
Denjenigen, mit denen ich mich angefreundet habe, habe ich selbstverständlich was erzählt. Nicht viel. Keine Details. Aber dass ich nicht blöd bin, sondern krank war. Was natürlich eine stark vereinfachte Form der Dinge ist, denn Nono ist auch nicht blöd. Er zieht es nur vor, sich die Birne wegzukiffen, anstatt zu lernen. Egal. Luna, Shirin und Julia jedenfalls wissen so ungefähr, was ich die letzten eineinhalb Jahre gemacht habe. Und Marc.
Luna, Shirin und Julia sind jetzt meine Clique. Marc ist mein Freund.
Wirklich wissen tun sie natürlich nichts.
ES WARerstaunlich leicht, mich in der neuen Klasse einzuleben. Die ersten Wochen blieb alles ganz nett. Nichts Besonderes, aber okay. Du hattest eine schwere Zeit, jetzt geht’s bergauf. Du wirst nicht mehr sterben. Du gehörst jetzt wieder dazu. Zu uns.
Das Problem war nur, dass ich ziemlich bald merkte, dass es kein uns gab, zu dem ich gehören wollte. Nicht, dass sie mich nicht gewollt hätten. Meine neue Klasse war ein Ausbund an Klassengemeinschaft. Ein paar kannten Nono schon, weil er gutes Gras vercheckte, ein Bonus, den er mir voraus hatte. Aber auch ich hatte keine Schwierigkeiten. Ich hatte das Gefühl, die Welt mochte mich. Bloß war ich mir nicht sicher, ob das auf Gegenseitigkeit beruhte.
Alles war zu perfekt. Die Leute in meiner Klasse waren freundlich und unbeschwert. Lästereien hielten sich in Grenzen, und die, die sich nicht mochten, gingen sich aus dem Weg. In der Pause wurde gemeinsam voneinander abgeschrieben und wenn die Gangaufsicht kam, funktionierte das Warnsystem hervorragend. Am Klo wurde gemeinsam geraucht und, wenn Nono dabei war, gemeinsam gekifft. Nachrichten, die die Runde machten, wurden immer auch an mich geschickt, und ich bemühte mich, etwas Witziges oder Freundliches zurückzuschreiben. So wie man das in dieser Welt anscheinend erwartete.
Luna, Shirin und Julia haben ziemlich bald beschlossen, mich interessanter zu finden als Nono. Die drei waren nicht so auf Kiffen aus und ich auch nicht, eine Gemeinsamkeit hatten wir also schnell gefunden. Ich war lange genug zugedröhnt, das brauche ich jetzt nicht freiwillig, nein danke.
Ich habe schnell herausgefunden, dass Shirin und Julia die waren, die in der Klasse den Ton angaben, also war ich dankbar für ihr Freundschaftsangebot. Zuerst dachte ich, ich würde auch eine wie Luna werden, die den beiden einfach überallhin nachlief und lachte, wann immer die beiden etwas sagten. Wäre mir auch recht gewesen. Aber irgendwie scheinen mich Julia und Shirin ernsthaft interessant zu finden. Ich vermute, sie dichten mir eine mystische Aura an, so als wäre ich durch meine Krankheit in irgendwelche Tiefen hinabgestiegen, aus denen ich Weisheit mitgebracht hätte. Mit dem Hinabsteigen haben sie recht. Legt auch mein neuer Name nahe.
Denn Lena, das bin ich nicht mehr. Ich nenne mich Hel. Hel wie Hölle. Damit alle gleich wissen, woran sie sind.
Bei der Weisheit hingegen bin ich mir nicht so sicher. Aber ich war froh, dass ich mich gleich in den ersten Wochen an sie dranhängen konnte und wir nun zu viert durch die Gegend zogen. Ich konnte auch sehen, wie es die Lehrer freute, dass ich so schnell Anschluss fand. Die waren schließlich eingeweiht, manche haben mir im letzten Jahr Unterrichtsmaterialien zukommen lassen und teilweise sogar versucht, mir über Skype Privatstunden zu geben.
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