Sie hat mich immer glauben lassen wollen, dass ich es schaffen werde. Schon ganz zu Beginn, als alle um mein Bett gestanden sind und gerätselt haben, mit was für einem seltenen Tumor sie es da zu tun haben, hat sie Zuversicht ausgestrahlt. Als die erste Chemo nicht angeschlagen hat und die zweite auch nicht. Als selbst der Kamp die Augen aufriss und mir klar war, dass auch er keine Ahnung hatte, was er mit so einem seltenen Fall wie mir machen sollte.
Denn das hatte ich. Etwas ganz Seltenes. Etwas, das eigentlich gar nicht vorkommt. Nierentumoren treten bei kleinen Kindern auf. Die überleben meistens. Oder bei Erwachsenen. Die überleben meistens nicht. Wie die Überlebensrate bei Jugendlichen war, war unbekannt. Die kriegten sowas normalerweise nicht.
„Aber es gibt nichts, was es nicht gibt“, sagte der Kamp, so als würde das etwas helfen.
Und die Psychologin wollte mir erzählen, dass ich meine Besonderheit als Ressource nutzen sollte. Ich wollte aber nicht besonders sein. Wenn schon Krebs, dann bitte eine 08/15-Leukämie, so wie Maria, die mit mir im Zimmer lag, aber doch ständig zuhause sein konnte. Irgendwas, wo die Ärzte sich auskannten. Keinen seltenen Tumor, den noch nie jemand bei einer Jugendlichen gesehen hatte. Annette war die Einzige, von der ich mich ernstgenommen fühlte. Ich verstehe nicht, warum in meinen Träumen ständig sie diejenige ist, die mir schlechte Nachrichten überbringt.
Ruckartig setze ich mich auf und schalte das Licht an. Fahre mir mit den Händen über das Gesicht, dann über den Hinterkopf, die Schultern, den restlichen Körper. Alles noch da.
Ich lasse meinen Blick nach unten gleiten, auf die lange Narbe an meiner Seite, unterhalb des Rippenbogens. Denke an die Niere, die dahinter nicht mehr ist. Und an meine zweite Niere, die sich angeblich vergrößert und die Aufgaben der anderen übernommen hat, so dass mich nichts von einem gesunden Menschen unterscheidet. Nichts, bis auf die Narbe. Und die Träume. Und das Wissen, dass ich besser mal keine Kinder wollen sollte.
Nichts also.
ANSTATTmein neues Leben zu feiern, feiern wir Lunas Geburtstag bei mir zuhause. Ich habe mir gedacht, dass das eine gute Idee wäre. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Meine Eltern lernen meine Freundinnen kennen und wir bringen Lunas Geburtstag hinter uns. Am Ende des Tages könnte ich erleichtert aufatmen und hätte es hinter mich gebracht. Nicht dass Lunas Geburtstag an sich eine schlechte Sache wäre. Aber sie hat sich von ihren Eltern einen Smoothie-Mixer gewünscht. Einen von diesen teuren. Mit Ice-Crush und Turbo-Funktion, Soft-Step-Geschwindigkeitsregulierung, integriertem Messbecher, Anti-Rutsch-Füßen und einem patentierten Öffnungsmechanismus zur leichten Reinigung.
Ich weiß das so genau, weil sie uns ausführlich davon erzählt hat. Luna will nämlich Grüne Smoothies machen. Alle wollen Grüne Smoothies machen. Alle sind plötzlich ganz wild darauf, Grünkohl, Brennesseln und Sellerie in ihre Getränke zu mischen.
Der Plan ist, dass Luna zuerst mit ihren Eltern essen geht und sich dann mit dem Mixer unter dem Arm geklemmt auf den Weg in unsere Wohnung macht. Shirin und Julia sind schon zwei Stunden vorher bei mir. Wir wollen eine Torte backen und Geburtstagsdeko aufhängen. Dann wollen wir ihr ein Buch über Grüne Smoothies überreichen. Wilde Grüne Smoothies. Also welche, wo man sich davor durch die Büsche schlagen und Kräuter sammeln muss. Oder zum Biomarkt gehen, wenn man Geld hat.
Meine Eltern habe ich vorgewarnt, sie freuen sich. Ich suche noch das Regal mit den Kochbüchern ab, um sicherzugehen, dass meine Mutter das Himbeerbuch und die anderen Scheißbücher auch tatsächlich weggeworfen hat. Bin beruhigt, dass ich sie nicht finde. Dann klingeln Shirin und Julia auch schon. Ich höre sie im Stiegenhaus lachen und dann stehen sie außer Atem vor der Wohnungstür.
Julia stützt sich an Shirin ab und keucht. „Vierter Stock ohne Lift ist echt hart.“
„Aber gutes Workout.“ Shirin deutet auf mich. „Die macht das jeden Tag“, sagt sie zu Julia. „Kein Wunder, dass die so schlank ist.“
Ich küsse die beiden auf die Wangen und sage nichts, mache nur die Tür so weit auf wie möglich, so dass die beiden nebeneinander hereinkommen können.
Vierter Stock ohne Lift, das fällt dir so richtig auf, wenn du im Rollstuhl sitzt, weil du so schwach bist, dass du nicht mal mehr gehen kannst. Wenn deine Eltern dich rauf- und runtertragen müssen. Deine Eltern. Mit sechzehn.
Zum Glück war das zeitlich begrenzt, aber seither frage ich mich immer wieder, wie das Leute machen, die ständig im Rollstuhl sitzen. Die alte Frau Cermak über uns geht schon seit langem nicht mehr raus. Dabei ist die in meiner Kindheit noch durch den Park gejoggt, da kann ich mich dran erinnern. Es kann so schnell gehen, dass man plötzlich nicht mehr kann. Aber niemand will daran denken.
Ich auch nicht, nicht mehr. Mit einer Kopfbewegung schüttle ich mir die Haare aus der Stirn und die Gedanken aus dem Kopf, und Shirin und Julia schütteln artig die Hand meiner Mutter, die sich wie vereinbart nur kurz blicken lässt.
„Es ist peinlich, wenn du dich mit meinen Freundinnen unterhalten willst“, hab ich gesagt und ihren traurigen Blick ignoriert. Sie hört uns in der Küche hantieren, reden und lachen, das muss ihr reichen als Information darüber, dass mein Leben sich normalisiert hat, dass alles okay ist, dass sie sich jetzt keine Sorgen mehr machen muss.
Julia packt Döschen und Beutelchen aus. Shirin und ich öffnen sie und inspizieren ihren Inhalt. Chia Samen. Goji Beeren. Acai Pulver.
Ich schnuppere an einer geöffneten Dose. Riecht nach nichts. Skeptisch sehe ich Julia an. „Bist du im Superfood-Store eingebrochen oder was?“
„Hab ich alles zuhause“, klärt mich Julia auf.
„Und das kommt alles in die Torte?“
„Je mehr, desto besser.“
Ich lache auf. „Einfach nur zusammen schmeckt sicher eklig.“ Ich hebe eine andere Dose an meine Nase und schnuppere wieder. „Oder einfach nach nichts.“
Shirin wischt auf ihrem Handy herum. „Keine Panik, wir haben ein Rezept.“ Sie hält mir den Display vor die Nase. Raw Goji Maca Cake .
„Vegan and gluten-free“, lese ich vor. „Ich wusste nicht, dass Luna ein Problem mit Gluten hat.“
„Hat sie nicht“, erklärt Julia. „Aber zum Geburtstag kann man schon mal was Besonderes kriegen.“
Ich seufze und mache mich daran, Schüsseln aus Laden und Kästen zu räumen, die brauchen wir vielleicht.
Brauchen wir dann aber gar nicht, denn Julia hat ganze Vorarbeit geleistet. Cashewnüsse über Nacht eingeweicht, Walnüsse und Datteln geschreddert. Wir müssen das Ganze nur noch zu einem Brei mischen. Was unser billiger Küchenmixer aber nicht kann. Ich verstehe nicht, warum wir Luna keinen Kuchen backen, sondern einen mixen, wo sie doch erst den Power-Mixer mitbringt.
Aber ich sage nichts und Shirin grinst nur und sagt, dass wir Luna extra deswegen einen Bröselkuchen machen, damit sie ihr Geburtstagsgeschenk erst richtig zu schätzen lernt. Nach mehereren erfolglosen Versuchen, aus Julias Zutaten eine zusammenhängende Masse zu machen, schmeißen wir das Ganze in den Tiefkühler und hoffen, dass alles zumindest so zusammenfriert, dass wir es als Torte dekorieren können.
Die Wartezeit, bis Luna kommt, verbringen wir damit, bunte Happy-Birthday-Fähnchen aufzuhängen und alte Zeitschriften zu lochen, um genug Konfetti zu bekommen. Noch während wir wie wild herumlochen, klingelt es. Luna.
Ich sehe auf die Uhr. „Verdammt, die Zeit vergeht schnell.“
„Scheiße.“ Shirin schlägt sich die Hand vor den Mund und reißt die Augen auf, bevor sie zu lachen beginnt. „Der Kuchen ist noch im Tiefkühler.“
Julia sieht sie verständnislos an. „Da soll er auch sein, oder?“
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