Von dem restlichen Geld würde ich mir eine Wohnung suchen. Meinen eigenen Rückzugsort. So etwas hatte ich noch nie.
Nach meinem letzten Song verneige ich mich und lasse mich von dem Applaus berauschen. Ich hüpfe von der Bühne, anstatt die Treppe zu nehmen, da rückt mir schon jemand auf die Pelle.
»Gute Show.« Neben mir steht ein Traum von einem Mann. In der Hand hält er einen Drink, den er mir fast in den Brustkorb rammt. Ist der für mich? Und was ist das überhaupt für ein Kerl? Habe ich gesagt, dass ich genug Sex für heute hatte? Mamma Mia, das habe ich mir doch flott anders überlegt.
Er sagt mit tiefer Stimme: »Ich sollte mich vorstellen, ich bin …«
»Super heiß.«
Lächelnd springe ich an der Bühne hoch, um mich auf die Kante zu setzen. Von hier oben kann ich ihm doch eine bessere Vorstellung geben. Für meinen fremden Traumprinzen raune ich ›Only You‹ ins Mikrofon und räkele mich lasziv auf dem Parkettboden. Vielleicht ist es nicht so fesselnd, als wäre ich auf einem Klavier, trotzdem weiß ich, wie ich mir seine Aufmerksamkeit sichern kann.
Allerdings zieht der Mann nur eine Augenbraue hoch. Sein Blick liegt zwar auf mir, aber er leckt sich nicht lüstern über den Mund, sondern wartet, bis ich mit meiner Vorführung fertig bin. Langweile ich ihn?
Ich stehe jedenfalls auf seine sehnigen Hände und die Adern, die seine Unterarme zieren. Sein Gesicht ist hingegen übertrieben ernst, was ihn ziemlich sexy macht. Es sind der Dreitagebart und die Narbe am Kiefer, die mich gaffen lassen.
Ich befeuchte mir die Lippen und schlucke schwer.
Über den mandelförmigen Augen sind dunkle Brauen, die er zusammenkneift, als ich weiter zu ihm herüber rutsche. Näher und noch näher.
Die braunen Haare sind an den Seiten kurz und oben länger, sodass er sie sich mit etwas Haargel nach hinten stylen kann. Ob er ein Geheimagent ist? Wo kommt denn der lebende Augenschmaus her? Ah, das kann nicht sein, aber …
»Bist du der neue Securitymann?«, raune ich und lege das Mikro auf den Boden der Bühne. Wenn es stimmt, dann werden wir sicherlich viel Spaß miteinander haben. Schließlich sehen wir uns dann jeden Abend. Das Haar werfe ich mir über die Schultern, als wäre ich in einer Shampoowerbung aus einem Wasserfall herausgesprungen, um ihm meine feuchten Lippen hinzuhalten.
»Serik Yazdani«, stellt er sich vor und platziert den roten Cocktail vor meiner Nase. Irre ich mich, oder hat er einen russischen Akzent? Das ist wohl meine größte Schwäche. Der Geruch von Orangen entzückt mich, ebenso wie der herbe, der Serik umgibt.
»Ich bin Aleksei.« Und mehr als heiß auf dich.
Wo hat sich so ein Schnuckel nur verkrochen? Unverschämt lege ich ihm die Arme um den Hals und flechte die Finger hinter seinem Nacken ineinander.
»Soll ich dir den Club zeigen?«, frage ich ihn, aber Serik wirkt nicht so angetan wie alle anderen Männer, die jetzt sabbern würden, wenn ich ihnen mein bestes Lächeln präsentiere.
»Mir wurde alles gezeigt.«
»Ausführlich? Ich kann mir vorstellen, dass es die eine oder andere Ecke gibt, die …«
»Wie gesagt.« Räuspernd drückt er meine Beine weg, die ich um sein Becken klammern wollte. Als ob so ein muskulöser Kerl mich nicht tragen könnte. Was ist nur mit ihm?
Schmollend schiebe ich die Unterlippe nach vorne. »Sei doch kein Spielverderber.«
Seine Augen sind so unreal. Es sieht aus, als wären die Polarlichter in ihnen gefangen. Sind sie grün? Oder ist das nur das bunte Licht der Scheinwerfer, das mich träumen lässt?
»Du benimmst dich unangemessen«, sagt er mit einem Unterton in der Stimme, der mir gar nicht passt. »Du solltest ein gewisses Schamgefühl entwickeln, ehe du dich einem Mann, noch dazu einem Clubmitarbeiter, an den Hals wirfst.«
Was redet er da? Und warum unterdrückt er überhaupt seinen Akzent? Was für eine Verschwendung! Laut schnalze ich mit der Zunge und hopse ihm auf die Hüfte. Tatsächlich lässt Serik mich hart auf die Bühne herunter plumpsen. Autsch, mein Arsch! Was für ein uncharmanter Penner. Warum hat er mich nicht gefangen? Ich sehe gut aus und niemand sagt ›nein‹ zu mir. Niemand. Außerdem hätte ich beinahe den Cocktail unter meinem Hintern zerdrückt. Diesen schiebe ich weiter hinten auf die Bühne.
»Gib’s zu, du findest mich geil.« Gereizt recke ich Serik den Kiefer entgegen, während in mir der Trotz brodelt und meinen Körper glühen lässt. Wie kann er mich eiskalt fallen lassen?
Egal. Das ist nur ein kleiner Rückschlag. Die Beine spreize ich und mache somit genug Platz für ihn. Serik gibt sich reserviert, aber ich erkenne an seinen leuchtenden Augen, dass er nicht so sein will. Die Hände stütze ich zwischen meinen Oberschenkeln an der Bühne ab und lehne mich zu ihm vor.
»Na, zu schüchtern? Fehlt dir die Sprache?«
»Herr Meyer bat mich, dir eine Erfrischung zu bringen und mich dir vorzustellen. Das habe ich hiermit erledigt.«
Unvorstellbar!
»Hat dir mein Gesang nicht gefallen?«
Serik betrachtet mich lange und ruhig, ehe er überhaupt darüber nachdenkt, zu antworten. Um uns herum sind so viele Kerle und dennoch liegt mein Fokus nur auf ihm. Ihm kleben einige nasse Strähnen an der Schläfe und der Stirn, die er so herrlich runzelt. Seinen Bartschatten kann ich ebenso genau erkennen. Frisch rasiert und trotzdem sind die Stoppeln so dunkel, dass er aussieht wie ein verwegener Biker. Um ehrlich zu sein, habe ich ewig keinen Mann gesehen, der mir direkt zusagt. Außerdem … Was ist das bitte für ein Blick, der mich durchdringt und mich ganz kribbelig macht?
Seine Zungenspitze befeuchtet kurz die Oberlippe und ich erschaudere. Er könnte mir ruhig zeigen, was seine Zunge noch alles kann. Von der Geschicklichkeit von meiner bin ich jedenfalls überzeugt. Das könnte ihm gefallen.
»Die Gäste sind hier, um deinen Auftritt zu sehen. Es wäre gut, sie nicht zu enttäuschen, indem du deine Pause überziehst«, sagt er monoton.
War das gerade ein Korb? Ist der denn verrückt? Als ob es einen Kerl auf der Welt gäbe, der mich nicht will? Es kribbelt mir in den Fingern, ihn anzufassen. Die breiten Schultern, das enganliegende Hemd und die Muskeln, die sich darunter verbergen. Wie würden sie sich anfühlen? Hart? Heiß? Wenn er Haare auf der Brust hat, könnte ich meine Finger zwischen den Knöpfen in sein Hemd fahren lassen und sie berühren? Und wenn die Klamotten erst einmal weg sind, dürfte ich dann meine Zunge benutzen, um seinen Bauch runter zu küssen? Er riecht jetzt schon so unwiderstehlich, wie würde es erst sein, wenn wir Körper an Körper liegen, eng umschlungen, in meinem Bett?
Vielleicht gibt er vor, mich nicht gut zu finden, aber ich kann ihn mit Sicherheit überzeugen.
»Es ist doch so kalt heute, soll ich dir wirklich nicht ein paar warme und gemütliche Ecken zeigen?« Der Winter steht vor der Tür und es schneit seit einigen Tagen. Als ob Serik lieber heimgehen würde, wenn er seine Nacht bei mir verbringen könnte? Schwachsinn!
Den Kopf neige ich, um ihm meine Kehle zu präsentieren, da streicht er sich über die Stirn.
Serik starrt mich an. Allerdings nicht so wie die anderen Kerle. Sein Blick ist undurchdringlich, die Augenbrauen zieht er dabei zusammen. Ohne mir auch nur eine Erklärung zu bieten, legt er die Finger an sein Ohr, sagt etwas zu seinen Kollegen und dreht sich weg. Er präsentiert mir sein Kreuz und ich schmachte ihm nach wie ein abservierter Dummkopf. Wie kann er mich wortlos sitzen lassen?
Einige Gäste haben sich schon umgedreht und beobachten die peinliche Szene. Es kribbelt in meinem Nacken, so unangenehm, dass ich mir die Hand auf die Haut drücke. Meine Gelassenheit verschwindet und macht einem anderen Gefühl Platz, das sich aus den Tiefen meines Herzens an die Oberfläche kämpft. Es reißt die Gedärme zur Seite, zersprengt meine Rippen und lässt mich aufspringen. Ist es Sehnsucht oder doch die Angst, nicht gut genug zu sein? Ich wage es gar nicht, zu benennen.
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