1 ...8 9 10 12 13 14 ...21 Jesses Handy brummt und erhellt mein Zimmer. Es sind Namen von Bettgeschichten, die ich allesamt nicht kenne. Sie haben ihm über die letzten Stunden einige Nachrichten geschrieben. Manchmal schicken sie ihm Nacktbilder, die er mir dann stolz präsentiert. Das Vibrieren nervt, also stelle ich es auf stumm.
Die Liebhaber reißen sich um ihn und trotzdem könnten sie ihm auch mal eine Verschnaufpause gönnen.
Mist, jetzt liege ich wieder wach und denke über mein ganzes Leben nach. Wie ich das hasse. Normalerweise treffen die Erinnerungen mich nicht so und ich kämpfe eben um meine Ziele, aber ab und zu … Ich weiß auch nicht. Vielleicht macht die Nacht mich sentimental? Wenn ich mir vorstelle, dass Jesse irgendwann weg ist, mit einem süßen Kerl, mit dem er sich ein Haus kauft. Was wird dann aus mir? Ich bin hin und her gerissen, ob er sein Versprechen hält und bei mir bleibt, oder ob er eines Tages doch verschwindet.
Als ich meinen ersten Freund hatte, gab es viele Gerüchte über ihn. Zuerst konnte ich es gar nicht glauben. Zu mir war er immer zuckersüß und hat mir sogar Schokoladenriegel in der Pause gegeben. Schlussendlich wollte er nur Sex von mir und ich eben nicht. Also wurde ich weggeschmissen.
Es ist, als würde ich es ausstrahlen, dass ich nur so lange brauchbar bin, bis ich auf den letzten Tropfen Blut ausgesaugt wurde.
›People pleaser‹ war der Begriff, den ich gelesen habe, als ich auf unzähligen Internetseiten suchte, was eigentlich mein Problem sein soll.
Menschen wie ich brauchen das Gefühl, gebraucht zu werden, sogar so sehr, dass sie sich hintenanstellen und ›ja‹ sagen, wenn sie ›nein‹ denken. Aber ich will auch nützlich sein. Ich will Jesse bei mir behalten. Ist das denn verwerflich? Was ist falsch daran? Dummes Internet. Das hat doch keine Ahnung von meinem Leben!
Genervt schnappe ich mir Jesses Handy, das erneut blinkt. Wer zur Hölle ist Smoochie Poo? Wie kann er denn so jemanden einspeichern?
0210 und das Smartphone ist entsperrt. Es ist das Datum unseres ersten Star-Wars-Kinobesuchs. Als ob ich mir den Code nicht merken könnte. Denkt er wirklich, er wäre nicht zu knacken?
Smoochie Poo hat einen geilen Body und einen kleinen Leberfleck an seinem Bauchnabel. Warum schickt der um die Uhrzeit ein Nacktfoto? Ist der etwa so verzweifelt?
In den ganzen anderen Chats gibt es eine Unmenge an Nacktbildern von attraktiven Kerlen. Verdammt, mit solchen Granaten hängt er rum?
Neben Cupcake und Sweetkins gibt es auch Honey Pie. Was sind das nur für Kosenamen? Ist Jesse so ein Player, dass die Typen alle keine ordentlichen Namen haben? Wobei … Warum rege ich mich auf? Ich kann mir ebenfalls kaum einen Typ merken, den ich im Bett hatte.
Mein Herz hüpft vor Freude, als ich unsere Nachrichten entdecke. Er hat mich als Alek eingespeichert. Na geht doch.
»Was machst du?« Jesse grummelt schlaftrunken und küsst meine Schulter. »Kannst du nicht pennen?«
»Geht so.« Sein Handy lege ich schnell weg, ehe er mein Rumschnüffeln bemerkt. Die feine Art ist das ja nicht.
»Komm her. Na komm, Alek.« Die Arme hält er auf, damit ich mich an ihn kuscheln kann. Eine Hand drückt er unter meiner Taille durch, während er mich mit der anderen zu sich zieht. »Sch. Schlaf jetzt etwas.«
Seine Stimme ist angenehm tief. Ich mag seinen Leder-Zitrus-Geruch und wie ruhig sein Herzschlag sich anhört. Regelmäßig pulsiert es und scheint mein Herz anzustecken.
Langsam fahren seine Finger die Linien an meinem Hals nach. »Lover«, wispert er.
Vor ein paar Jahren habe ich mein Erspartes zusammengekratzt, um mir ein Tattoo zu leisten. Vielleicht haben manch andere Tattoos die größte Bedeutung und die umwerfendste Geschichte, aber ich wollte es schlicht. Alles, was ich immer wollte, war …
Manchmal ertrage ich es nicht, bei Jesse zu sein. So bei ihm zu liegen, zeigt mir nur, wie ein Leben wäre, das ich mit einem Liebhaber führen könnte.
Liebhaber? Von wegen. Wer kann mich schon lieben?
Wenn ich auf der Bühne stehe und den Gästen mein Theater vorführe, sehe ich oft Verliebte im Publikum. Sie sind nicht wie alle anderen, die sich darum reißen, meine Aufmerksamkeit zu erhaschen. Die Paare haben nur Augen für sich. Es ist etwas, von dem ich mich nicht abwenden kann. Ich bin gefesselt von diesen Blicken, die sie sich zuwerfen.
Ich kann nur erahnen, was sie fühlen und beneide sie darum. Ist das nicht skurril? Vor mir drängeln sich meistens dreißig Kerle und ich schmachte dem Pärchen hinterher. Ich wünschte, ich wäre mutig genug, jemanden in mein Herz zu lassen.
Aber was mache ich mir vor? Mein Charakter ist schlecht, ich rede vulgär und meinen Humor habe ich von Jesse geklaut.
Serik
»Wo gehst du hin?«, fragt Alie. »Willst du nicht im Bett bleiben?« Bei den vielen Partys, die wir im VIP-Bereich verbracht haben, hat er schon lange um meine Gunst gebuhlt. Ich nahm an, es wäre eine gute Idee, ihn einzuladen. Etwas Ablenkung war nach diesem Abend dringend nötig.
Seine Augen sind große, dunkle Knöpfe, die mich mustern. Er räuspert sich und wirft mir von unten flüchtige Blicke zu, während er den Arm um seine Körpermitte legt.
Vielleicht gefällt es ihm nicht, dass ich nach unserer gemeinsamen Nacht durch mein Apartment laufe. Aber was soll ich tun, wenn ich nicht schlafen kann?
Der Mann, den ich abgeschleppt habe, ist genau derselbe Typ wie Aleksei. Goldenes Haar und eine ebenmäßige, makellose Haut. Ich habe selten einen Mann wie Aleksei gesehen. Er hat einen strengen, aber gleichzeitig auch unsagbar sinnlichen Mund. Sein reizvolles Grinsen verfolgt mich, ebenso wie ich noch die Wärme spüre, als er mich im Club berührt hat. Die Gänsehaut, die ich hatte, hat bis in meine Lenden geprickelt. Seine Augen sind schwarze Sandstürme, die meine Aufmerksamkeit an sich reißen, während ich ihm auf die leicht geöffneten Lippen starre. Sein markantes Gesicht ist umrahmt von langem goldenen Haar und ich kann nicht aufhören, an ihn zu denken.
Alie geht ins Schlafzimmer zurück und hustet absichtlich laut.
Sie sehen sich ähnlich. Allerdings ist jemand, der nur aussieht wie Aleksei, nicht dasselbe.
Warum habe ich das getan? Ich habe kein Interesse an leichten Männern. Das ist ein Fakt. Aber ich mag hübsche Dinge, mochte sie immer.
Vielleicht wurde ich auch so erzogen. Meine Eltern sind reich und mir hat es nie an etwas gefehlt. Ich habe ein gewaltiges Luxusapartment über den Dächern Hamburgs und so viel Geld, dass ich nicht einmal mehr weiß, wofür ich es ausgeben soll.
»Serik?« Alie kommt mit der Decke um seine Brust auf mich zu. Ansonsten hat er nur die knappe Pants an, die seinen Hintern so gut betont. »Kommst du wieder ins Bett?«
Seine Blicke huschen an mir vorbei zu meinen Bücherregalen, in denen ich alle Klassiker der modernen Literatur habe. Meine Privatlehrer haben auf diese Art der Bildung sehr viel Wert gelegt. Aber auch Größen wie Stephen King, Dan Brown und John Grisham verschlinge ich regelrecht. Mit offenem Mund starrt Alie auf die Vitrine, in der meine Auszeichnungen und Medaillen verstaut sind.
»Sind das alles deine?«
Ja, aber darüber müssen wir nicht reden. Von hinten streichele ich ihm über die schmalen Schultern. Sie sind ganz kalt.
»Wir sollten ins Schlafzimmer zurück.« Bevor ich ihn rauswerfe. Eigentlich liebe ich Jungfrauen ja, aber Alie war eine Enttäuschung. Ein Ersatz kann eben die Gier nach dem Original nicht befriedigen.
Vielleicht sollte ich wirklich die flüchtigen One-Night-Stands aufgeben und mir jemanden für eine Beziehung suchen. Meine Familie nervt ohnehin seit einiger Zeit damit, dass ich mir endlich einen Partner an die Seite holen soll, den ich mit auf Events nehmen kann.
Die neuste Gala mit meinem Lebensgefährten und mir – da würden nicht nur meine Eltern ausflippen. Die Zeitungen wären mit Sicherheit voll mit Klatsch und Tratsch. Bei der Erinnerung an meinen Namen in der Schlagzeile, grummelt mein Magen schmerzhaft. Bindungen sind heikel. Intime Dinge können an die Öffentlichkeit gelangen und vieles ruinieren.
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