Verkniffen zeige ich ihr mein schönstes Lächeln. Das würde vielleicht besser ankommen, wenn ich nicht spüren würde, wie mir ein dicker Rotzfaden aus der Nase läuft. Wie kann ich ihn unbemerkt wegwischen? Schnell nehme ich einen tiefen Atemzug, um einen zusätzlichen Tropfen zu verhindern, der bereits auf dem Boden gelandet ist. Ich zupfe an den Fransen meines Schals herum, während ich meine Mundwinkel zwinge, oben zu bleiben.
Ihre Augen huschen über meine Handschuhhände, ehe sie mir den Brief abnimmt.
»Aleksei … Worobjow?«, fragt sie und betont den Namen komplett falsch.
»Das bedeutet ›Spatz‹«, kläre ich sie auf. Sie würdigt mich keines Blickes. Anscheinend ist ihr Gummibaum spannender, dem sie einen Staubkrümel vom Blatt wischt.
»Haben Sie alles richtig ausgefüllt?«
»Natürlich.«
»Sie können keine Unterlagen nachreichen.«
Ich bin den Mist dreimal durchgegangen und ich habe ihn extra noch Jesse gegeben, damit ich sicher nichts vergesse. Trotzdem habe ich gerade Muffensausen. Was, wenn ich etwas übersehen habe? Was, wenn mir Seiten rausgefallen sind?
»Alles vorhanden.« Verdammte Scheiße.
»Dann melden wir uns bei Ihnen.« Warum sagt sie das so, als würde sie sich gleich umdrehen und den Umschlag in den Mülleimer werfen?
»Äh … Also wann höre ich denn von Ihnen?« Ich zupfe mir an den Handschuhen herum, bevor ich noch weiter stammele und mich zum Idioten mache.
»Das kann vier bis sechs Monate dauern.«
Meine Hoffnungen platzen wie Seifenblasen vor meinen Augen. Das ist zu spät. Das Geld brauche ich doch für das Kinderheim und die haben nicht mehr vier Monate!
»Aber es … Im Internet stand, dass man sich noch für jetzt bewerben kann?«
»Das ist nur für herausragende Talente.«
»Ich bin ein besonderes Talent!«, platzt es aus mir heraus. Was sage ich da?
»Wir melden uns bei Ihnen, Herr …« Sie schielt auf meinen Brief herunter. »Worobjow.«
***
»Diese blöde Kacksau!«, brülle ich, als ich bei Jesse ins Auto springe. Den gesamten Weg bin ich nur gestampft. Wenn mir jemand dumm gekommen wäre, wäre ich sicher sofort ausgerastet.
»Was ist denn passiert?« Jesse kratzt sich an der Schläfe und zieht die Handbremse an. »Haben sie dich weggeschickt?«
»Ne.« Schön wär’s. »Die meinte, ich kriege in vier bis sechs Monaten Bescheid! Das ist viel zu spät, Jesse. Die blöde Kuh hat mich gesehen und erkannt, dass ich nur irgend so ein Kneipensänger bin, den man nicht ernst nehmen muss. Verdammte Scheiße.«
»Alek.« Beruhigend sagt er meinen Namen, aber ich bin außer mir. Mit voller Wucht ramme ich die Hände auf das Armaturenbrett, ehe ich meinen Kopf dort ablege.
»Ich werde immer ein jämmerlicher Loser bleiben. Das ist so eine Scheiße. Ich weiß auch nicht, ich habe mir direkt so Hoffnungen gemacht!«
»Hey. Du hast dich angemeldet und das ist toll. Die melden sich sicher bei dir.«
Jesse hat doch keine Ahnung. Bei meinem musischen Lebenslauf rasten die nicht aus. Was sehen sie denn da? Ich bin irgendein Kerl, der von der Realschule geflogen ist und die Ausbildung geschmissen hat. Danach gab es nur Gelegenheitsjobs und … Ach, ich weiß doch auch nicht. Warum habe ich mich da überhaupt hingetraut? Die lachen sich jetzt bestimmt kaputt.
»Die blöden Krücken mit ihren teuren Fummeln.«
»Scheiß auf die Kröten«, sagt Jesse und legt seine Hand in meinen Nacken. »Wenigstens hast du es versucht. Lass dich nicht unterkriegen.« Sein Lächeln ist aufmunternd, aber trotzdem fühle ich mich dadurch nicht besser. Seine Finger sind hingegen angenehm warm und schenken Trost.
»Wir fressen uns gleich bis oben hin zu, okay?«, sagt er und schaltet den Warnblinker aus. »Wir sollten uns verpissen, ehe sie die Polizei holen und uns abschleppen.«
Da hat er recht. Es ist aber auch unverständlich, warum es so wenige Parkplätze gibt. Die meisten sind fürs Personal und die anderen sind alle belegt.
»Ich futter mich so voll, dass ich mich danach nie wieder bewegen kann«, sage ich und schwärme innerlich schon von den Köstlichkeiten, die mich erwarten werden.
»Solange du nicht platzt.« Schmunzelnd zwinkert Jesse mir zu, ehe er in den Verkehr einschert. Sein Golf ist nicht wirklich High-Class, aber er hat eine funktionierende Heizung und er fährt. Mir reicht das. Ich brauche keinen Luxus.
»Weißt du noch, als Khurtin so hart gekackt hat, dass niemand mehr auf Klo wollte?«, frage ich Jesse, dem die Luft aus der Nase schießt.
»Explosionsartiger Durchfall«, bestätigt er mir und stimmt in mein Gackern mit ein.
»Der hat sein Sushi anscheinend nicht vertragen.«
»Eher die totale Lebensmittelvergiftung.«
»Ich fand’s lecker«, sage ich und drehe das Radio lauter, um mitzusingen. Die Autofahrten mit Jesse sind die besten. Wir grölen die Songs mit und geben uns nichts dabei. Bei ›Griechischer Wein‹ trommeln wir auf den Armaturen herum, während Jesse auf einem imaginären Glockenspiel herumklimpert. Ich kann gar nicht mehr aufhören zu lachen.
Zum Glück hat er mich zur Akademie gefahren. Alleine hätte ich niemals die Eier dazu gehabt. So einen tollen Kerl wie ihn habe ich gar nicht verdient.
Wann wohl der Moment kommt, in dem er mich zurücklässt? Vielleicht ja für Smoochie Poo, oder Cupcake? Die waren zum Anbeißen. Ich würde es ihm nicht einmal krummnehmen, wenn er wieder eine Beziehung hat. Seine letzte ist ungefähr fünf Jahre her. Von mir kann ich da nicht reden. Nach meinem ersten Freund wollte ich niemanden mehr so an mich ranlassen.
Damals fand es ich cool, dass jemand mit mir zusammen sein wollte, aber Ekki hat mir echt wehgetan. Wie wäre es dann, wenn ich richtig Schmetterlinge im Bauch gehabt hätte? Nein. Verlieben ist ein zu hohes Risiko.
»Sie werden sich bei dir melden«, sagt Jesse und zwinkert mir zu. »Wenn du erst mal singst, dann kippen die sicher um.«
»Meinst du?«
»Klar. Denen fliegen die Perücken runter!«
Prustend ramme ich ihm den Ellenbogen in die Seite. Ganz genau. Weil ja jeder reiche Macker mindestens ein Toupet hat, damit man die Glatze nicht sieht.
Die Hände halte ich vor die Heizung und lasse sie anpusten. Wenn wir jetzt nur zum Burgerladen fahren würden, um uns etwas mitzunehmen, wäre das auch in Ordnung. Wir könnten uns bei mir hinlegen und den restlichen Tag witzige Videos schauen. Da hätte ich Lust drauf.
»Hüpf schonmal raus«, befiehlt Jesse und hält am Straßenrand. »Ich suche einen Parkplatz und komme nach.«
Serik
»Und deswegen sollte man es vermeiden, Kirschkerne zu essen«, faselt Maik, der mir gegenüber am Tisch sitzt. Ich weiß nicht, wie lange er noch einen Monolog führen will, aber er dauert eindeutig mein halbes Leben.
Meine Eltern haben mich gezwungen, auf eins dieser Treffen zu gehen, das ihnen einen Schwiegersohn verspricht. Es ist ein Verkuppeln auf ganz hohem Niveau mit dem einzigen schwulen Sohn eines Geschäftspartners, den ich schon zweimal aus Mitleid mit ins Bett genommen habe.
Wir harmonieren nicht. Kein bisschen. Trotzdem sitze ich hier in diesem Sushi-Restaurant, in dem es keine feste Bedienung gibt. Das Ambiente ist zwanghaft aufpoliert worden, aber dadurch wirkt es leider noch billiger. Die wenige goldene Deko an den schwarzen Tischen ist aus Plastik und die dunkle Farbe blättert an den Stuhllehnen bereits ab. Die Kellner knallen uns Teller mit Häppchen vor die Nase und Maik bestellt alles auf einem Tablet. Wenn er eine romantische Atmosphäre schaffen wollte, hat er es nicht geschafft.
Maik hat mich hergelotst, weil das Restaurant in einer Zeitschrift gelobt wurde. Das kann ich ehrlich gesagt nicht nachvollziehen. Maik hat braune Locken und einen Bart, der ihn aussehen lässt, wie einen Baumfäller. Was soll ich nur mit ihm? Er ist in keiner Weise mein Typ. Wir teilen nicht einmal denselben Humor.
Читать дальше