Na ja, trotzdem kam sein Freund nach ein paar schönen Momenten um die Ecke gerannt und hat mir ein Glas Alkohol ins Gesicht gekippt.
»Du widerliche Hure!«, hat er geschrien und jedem Gast damit erklärt, dass ich mal wieder irgendeine Beziehung zerstört habe.
Ich habe wahrscheinlich gar kein Gefühl mehr für liebenswerte Männer. Immer, wenn ich annehme, sie wären eine Ausnahme, werde ich vom Gegenteil überzeugt. Aber vielleicht war auch der Alkohol zum Teil schuld an meiner Wahrnehmung.
Danach hat Jesse sich auf den Kerl geschmissen und sich mit ihm geprügelt. Er wollte meine Ehre verteidigen. Es war wie damals im Kinderheim. Wenn alle mich fallen lassen, ist Jesse jederzeit für mich da.
»Steigst du bald aus oder machst du blau?«, fragt Jesse und reißt mich aus den Gedanken raus. Der Blinker klackt im gleichmäßigen Rhythmus und ich nehme Jesse noch einmal fest in den Arm.
»Ich gehe.«
Aleksei
Der Kerl, der seinen Schwanz an meinem Arsch reibt, ist ein echter Hingucker. Zwar schwinge ich auf der Tanzfläche meine Hüfte, um Serik aufzufallen, aber er straft mich mit Desinteresse. Ich streiche mir das Haar aus dem Gesicht, die Hände werfe ich in die Luft und trotzdem schaut er nicht ein einziges Mal zu mir herüber, egal, wie ich vor ihm herumhampele.
Es klingt bescheuert, aber es törnt mich dennoch an. Es ist ein Katz- und Mausspiel, das ich mit Sicherheit gewinnen werde. Er nimmt doch nicht an, ich würde ihm abkaufen, dass er schwer zu haben ist? Ich kriege ihn. Ich kriege jeden.
Lippen gleiten über meine Schulter, während sich Hände auf meinen Bauch legen. Gekonnt presst der Kerl seinen Schritt gegen meinen Hintern und ich spüre, wie hart er ist. Nicht nur halb, sondern steinhart.
Jordan, oder Joe, hat dunkelbraune Haut und hellblaue Augen, als wäre er der verwunschene Sohn eines Sonnengottes.
»Du bist so schön«, flüstert er mir zu und will mich anscheinend damit willig machen. Wenn nicht mit Worten, dann mit den Shots, die er mir kauft. Dafür zieht er mich zur Bar hinüber. Der Erste ist für die Seele, der Zweite für die Hemmschwelle und der Dritte? Damit erlaubt er sich, mir die Zunge in den Rachen zu rammen.
Ich streichele ihm über den Bauch und lasse mich von ihm verführen. Warum auch nicht? Sex verdrängt die Dunkelheit, die sich in mir wie Nebel ausbreitet. Außerdem ist Jesse nicht da und ich will nicht allein sein. Neuerdings fressen mich die Fragen auch nachts auf, wenn ich genialen Sex hatte. Irgendetwas stimmt nicht mehr mit mir. Irgendwas hat sich verändert und das bereitet mir Bauchschmerzen.
»Aleksei, du kannst die Beine echt hinter den Kopf verbiegen?«, fragt Jordan und quatscht mir noch zwei Kurze auf.
»Finde es heraus.«
Warum bin ich so unendlich müde? Vor mir steht ein echt reizvoller Kerl, aber ich wäre lieber im Bett. Vielleicht habe ich mich überfressen. Die Idee von Sport am Abend macht mich in diesem Fall nicht gerade an.
Mein Blick wandert zu Serik, der den Kopf wegdreht.
Bilde ich mir das ein oder hat der mich angegafft? Kaum zu glauben. Oder doch? Nein, er muss die Umgebung im Auge behalten und dazu gehöre auch ich.
Ich hasse den Gedanken, die leise Stimme, die flüstert: »Er hat kein Interesse an dir.« Was habe ich zu bieten? Guten Sex und weiter? Was sonst? Ich verdränge die unangenehmen Gefühle mit einem Shot und straffe die Schultern. Vielleicht muss Serik auch zu seinem Glück geführt werden.
»Ich muss mal eben zum Securitykerl«, erkläre ich Jordan mit einem niedlichen Augenaufschlag. Wer kann mir schon widerstehen? Seltsamerweise niemand, außer Serik. Was ist nur mit ihm? Ach ja, der hat davon gefaselt, dass ich kein Schamgefühl hätte. Aber das kann ich mir nicht leisten. Ich verkaufe meinen Körper. Die Leute wollen mich auf der Tanzfläche und auf der Bühne sehen. Sie kommen absichtlich her und ich biete ihnen eine aufreizende Show mit knappen Outfits. Sex sells. Das macht es aber auch schwer, zu meinem Traumprinzen zu gelangen.
»Aleksei, bock zu tanzen?«
»Komm, ich lad dich ein, Süßer.«
Die Kerle können ihre Finger nicht von mir lassen, aber ich habe jemand ganz anderen im Auge.
»Sorry, keine Zeit«, sage ich jedem. Trotzdem brennen sich ihre Blicke in meinen Nacken, als ich an ihnen vorbei gehe.
»Er tut mal wieder auf schwer zu haben, dabei darf jeder ran.«
»So eine arrogante Hure.«
»Ich wollte sowieso nicht mit einer lebenden Geschlechtskrankheit tanzen. Abartig.«
Die weiteren Schimpfworte ignoriere ich und setze mein hübsches Lächeln auf.
»Guten Abend, Serik!« Oh, wie er dasteht, wie ein Fels in der Brandung. Was spricht mich an ihm eigentlich nicht an?
Serik mustert mich überaus ausführlich von oben nach unten. Für ihn drehe ich mich sogar einmal, damit er auch bloß nichts übersieht.
Anscheinend gefällt es ihm, denn sein rechter Mundwinkel gleitet nach oben.
»Aleksei.« Nur ein kurzes Nicken, trotzdem prickelt die Anerkennung in meinen Adern. Das ist ein Fortschritt! Letztens hat er mich noch weggeschoben und wütend gestarrt, aber jetzt wirkt er offener.
Wobei … Warum ist er so wortkarg? Ist es Provokation? Nach dem Motto: ›Gib dir mehr Mühe, Schätzchen‹ oder so etwas? Hadert er, mich anzugraben? Aber ich sehe doch das Glühen in seinen Augen und wie starr er den Blick auf mich gerichtet hält. Das kann ich mir unmöglich einbilden. Nur wie kann ich ihn aus der Reserve locken? Soll ich mich etwa nackt vor ihn hinknien? Könnte ich natürlich. Das ist eine Vorstellung, die mir ziemlich gut gefällt.
Ich würde sein Hemd hochziehen und seinen Bauch herunter küssen, bis zum Bund der Hose. Dort würde ich einen Moment verweilen und mich von seinem Geruch bezaubern lassen. Ich mag den Duft von Moschus und um ehrlich zu sein, würde ich gerne erfahren, wie Serik schmeckt. Wenn ich die Zunge über seine Haut gleiten lasse und seine Hose runterziehe, dann …
»Wo ist dein Wachhund?«, fragt er und reißt mich aus meinem Kopfkino raus. Ich blinzele mehrmals und zwinge mich, den Blick von seinem Schritt hochzureißen. Verdammt, hat er mitbekommen, wie offensichtlich ich geschmachtet habe? Wenn ja, spielt Serik es cool. Er drückt sich den Knopf tiefer ins Ohr und schaut sich im Club um. Es nervt, dass er so tut, als wären die Gäste spannender als ich.
Und wen meint er überhaupt mit Wachhund? Es gibt nur einen Mann, der öfters bei mir ist.
»Jesse? Der hat etwas anderes vor.«
»Oh? Ein heimlicher Geliebter neben dir?« Wie verhöhnend er das sagt, passt mir ganz und gar nicht. Mir schießt die Hitze in die Wangen, während ich mich an einem unverfänglichen Lächeln übe.
Noch so ein Spruch und ich ramme ihm die Faust ins Gesicht. Mich sollte das nicht so wütend machen, aber irgendwie bin ich es dennoch.
Was sieht Serik in mir? Bin ich ein Spielzeug für ihn? Will er mich nur ärgern?
Wenn ich ihn betrachte und ihn so nah vor mir stehen habe, schaltet mein Kopf aus. Der Hebel für rationales Denken kippt um und ich lasse mich von dem leisen Gedanken zu ihm schieben, der von ihm festgehalten werden will.
Es ist ungewohnt, dass ich so verbissen bin, jemanden von mir zu überzeugen. Allerdings ist Serik der Erste, der mich nicht ansieht, als wäre ich ein Silvesterknaller. Die meisten genießen mich einen Moment und dann lande ich im Müll. Aber Serik ist ein ernster Mensch. Ich mag sein Lächeln. Er zeigt es so selten und nur, wenn er es auch ehrlich meint. Außerdem hat er letztens seinen Teamkollegen vorm Inhaber gedeckt, als dieser zu spät zur Arbeit kam. Das war echt toll. Zuerst dachte ich, Serik würde ausrasten oder den Typen feuern, aber er hat ihn zur Seite genommen und ruhig mit ihm gesprochen. Serik ist so anders, als all die Männer, die ich bisher kennengelernt habe.
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