Außerdem hat er ebenfalls Liebhaber wie Smoochie Poo, Cupcake und wie sie nicht alle heißen. Er wäre also der Letzte, der mir eine Szene machen dürfte!
Genervt trete ich die Decke weg und schlüpfe in meine Klamotten. Es ist kaum zu glauben. Warum verhält er sich wie ein beleidigtes Kleinkind, dem das Spielzeug geklaut wurde? Bisher war auch noch kein Streit so schlimm, dass wir uns nicht mehr beim anderen gemeldet haben. Wir konnten es jedes Mal klären und danach waren wir fester zusammengeschweißt, als vorher. Weshalb hält er es diesmal für besser, es totzuschweigen?
Sogar nach seinem Abschlussball haben wir uns vertragen. Da hat mich ein Kerl angegraben und ich fand ihn ganz süß. Ich konnte ja nicht ahnen, dass Jesse ihn hasst und die beiden immer im Konkurrenzkampf miteinander standen. Ben kannte ich zwar von Erzählungen her, aber vom Aussehen nicht. Außerdem hätte ich mich ja nicht auf das Flirten eingelassen, wenn ich es gewusst hätte!
Allerdings ist es nun ganz anders. Serik hat doch nichts mit Jesse zu tun. Ja, ich finde den Securitymann heiß und wir haben geknutscht, aber kann Jesse mir das nicht verzeihen? Verdammt, wenn ich geahnt hätte, was das für Konsequenzen mit sich zieht, hätte ich es niemals gemacht.
Jesse sollte mir die Chance geben, mich zu erklären. Warum kann ich ihn nicht erreichen? Hat der Mistkerl mich geblockt? Will er nie wieder von mir hören?
Meine Nase kribbelt, als mir die Tränen in die Augen steigen. Ich will mir kein Leben vorstellen, in dem er nicht an meiner Seite ist.
Ich verstehe das alles nicht. Wenn er ein Problem hat, dann kann er es mir doch sagen. Denkt er, ich wäre zu blöd, um seine Sichtweise nachzuvollziehen?
Die Wäscheberge schiebe ich beim Gehen aus dem Weg. Vor meiner Tür liegt ein kleiner Haufen Post. Es ist hauptsächlich Werbung.
Mit offenem Mund starre ich einen Brief an. Das Papier ist dicker und die silberne Schrift und das Wappen der Akademie lassen meine Hände zittern. Hastig reiße ich den Umschlag auf und überfliege die Zeilen. Ich kann es kaum lesen, so verschwimmen die Buchstaben ineinander. Ich sehe nur ein dick gedrucktes Datum und eine Uhrzeit.
Es ist ein Vorsingen. Verdammt noch mal, die wollen mich dieses Jahr noch in den Unterricht quetschen? Wie ist das möglich? Das ist der Wahnsinn!
»O Gott!«, schreie ich und hüpfe in die Luft. Endlich habe ich die Chance, es allen zu zeigen! Juhu! Darauf habe ich schon immer gewartet! Wenn Jesse das hört, wird er bestimmt ausflippen!
Ich werfe mich auf das Bett und schnappe mir im Herumkullern das Handy. Ich muss Jesse anrufen. Also drücke ich auf dem Display herum und halte es mir an das Ohr.
»Der gewünschte Teilnehmer ist zurzeit nicht erreichbar. Bitte hinterlassen sie nach dem Signalton eine Nachricht.«
Mir schießen die Tränen in die Augen. Wie konnte ich denn vergessen, dass ich für ihn gestorben bin? Da passiert so etwas Bombastisches und ich will meine Freude mit ihm teilen und er? Bin ich ihm wirklich egal?
Das Schreiben zerknülle ich und werfe es gegen den Mülleimer, den ich leeren sollte, ehe der Berg herunter rieselt wie eine Lawine.
Was für eine Scheiße.
Wackelig setze ich mich auf das Bett und wische mir über die Wangen. Ich weiß nicht einmal sicher, was ich getan habe. Warum verhält er sich wie ein gottverdammtes Arschloch?
Grummelnd packe ich mir das Schreiben vom Boden und stopfe es in meine Jeanstasche. Wenn er mich abwimmeln will, dann soll er das mal persönlich machen. So ein blöder Mistkerl. Was denkt er sich eigentlich? Ich bin nicht irgendeines seiner Liebchen, die er ignorieren kann.
Stampfend stürme ich durch den Club und renne gegen Serik. Dieser hebt die Hand zum Gruß und ringt um Worte, aber ich habe keine Zeit. Mir ist unser Rumknutschen und das bisschen Gefummel unangenehm. Vor allem, wenn das der Grund sein sollte, weswegen Jesse sauer ist.
Und Serik? Der denkt jetzt anscheinend, er wäre meine große Liebe. Der eiert andauernd um mich herum, als würde er fragen wollen, ob ich in ihn verknallt bin. Nein, bin ich nicht. Ich wollte nur Sex. Aber das Thema ist durch.
»Aleksei?«, bringt er schließlich hervor und zieht sich seine Weste zurecht. »Ich weiß, wir hatten so unsere Probleme. Wir arbeiten jedoch miteinander, demzufolge …«
»Was willst du?«
»Darf ich dich zum Essen ausführen?«
Ist der übergeschnappt? Ich verziehe das Gesicht und lasse ihn dumm stehen.
Es wäre besser, wenn ich direkt die Finger von ihm gelassen hätte. Er ist schuld an all dem und jetzt muss ich seine Visage jeden Tag ertragen, weil wir im selben Club arbeiten. Wie konnte ich nur so einen Fehler begehen? Und warum sieht Serik auch so verdammt gut aus? Das ist doch unfair. Niemand hätte bei ihm widerstanden, wenn er einem so erregende Blicke zuwirft.
Aber was macht der überhaupt so früh hier? Ist es ein Meeting mit dem Inhaber?
Mir wäre es lieb, wenn die Security wieder ausgewechselt wird. Egal, ob sie ihren Job gut machen oder nicht.
Im letzten Moment erwische ich den Bus auf der anderen Straßenseite und zwänge mich zwischen die ganzen kleinen Schulkinder, die gerade Schluss haben. So ein Mist. Die Lautstärke zerfetzt mir fast das Trommelfell und ich habe meine Kopfhörer vergessen. Das ist die größte Strafe. Es ist nicht nur arschkalt, sondern auch ungemütlich, eingequetscht zu stehen.
Drei Jungs versuchen, an den Griffen zu turnen, die dafür gedacht sind, dass man sich an ihnen festhält. Was ist nur mit denen los? Das kann saugefährlich sein.
Genervt verdrehe ich die Augen und starre auf mein Handy. Irgendwie muss ich die zwanzig Minuten rumkriegen, bis ich bei Jesses Wohnung bin. Vielleicht ist er noch nicht zu Hause, aber er sollte bald Feierabend haben.
Mit dem Bus ist es ätzend zu ihm zu fahren. Ich muss umsteigen und rennen, damit ich den nächsten überhaupt kriege, denn der fährt nur alle Viertelstunde.
***
Vor Jesses Haus hibbele ich hin und her. In der zweiten Etage brennt Licht. Also ist er schon da?
Ich war so lange nicht mehr hier. Das macht mich auch zu einem miesen Freund. Braucht es also einen Streit, damit ich den Arsch bewege?
Den Schal ziehe ich höher, dass mein Gesicht nicht einfriert. Es ist kaum fünf Uhr, aber so dunkel, als wäre gleich Mitternacht.
Mehrmals klingele ich, bis die Tür summt und ich sie aufdrücken kann. Das Treppenhaus ist bitterkalt, wie eine Tiefkühltruhe. Die Wände sind beschmiert mit Graffiti und in der Ecke sind drei Fahrräder angekettet.
Mein Herz hüpft immer schneller, während ich direkt zwei Stufen auf einmal nehme.
Jesse steht vor der geöffneten Wohnungstür und starrt mich mit gerunzelter Stirn an. Na also! Jesse ist da! Wie kann er sich dennoch zu fein sein, um an sein Telefon zu gehen? Mistkerl!
In seiner grauen Jogginghose sieht er aus, als hätte er gerade auf dem Sofa herumgelümmelt. Dazu ist er oberkörperfrei, sodass ich seine trainierte Brust sehen kann.
»Aleksei?«, fragt er, als hätte er mit jedem gerechnet, außer mit mir. Wäre ihm ein Postbote etwa lieber gewesen? Meine Augenbraue zuckt.
»Schönen guten Abend«, sage ich und streiche mir den Schnee von den Schultern und der Mütze. »Hast du mich schon vermisst?«
»Was machst du hier?«
Wow, warum sagt er das so?
»Ich komme dich besuchen?« Wozu sollte ich sonst hier sein? Lächelnd wickele ich mir den Schal herunter, aber Jesse weicht nicht zur Seite, als ich in seine Wohnung will. Hinter ihm ist der Flur in einem warmen Gelb beleuchtet. Auf der Kommode stehen Kerzen und da ist doch auch Weihnachtsdeko und ein Teller voller Kekse. Der Wahnsinn!
Es sieht unglaublich einladend und gemütlich aus, warum war ich so lange nicht mehr hier? Ach ja, der Rückweg zur Bar dauert ewig. Mit meinem Bus verpasse ich knapp den nächsten, sodass ich rumstehe, bis ich bis zur Nasenspitze eingeschneit bin.
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