»Ich muss gleich auftreten«, flüstere ich ihm gegen die Finger, die über meinen Mund fahren.
»Ich weiß.«
»Also …« Mehrmals ziehe ich die Augenbraue anzüglich hoch. »Willst du noch mal?«
»Gerade nicht.« Seine Hände umrahmen mein Gesicht, ehe er sich auf mich rollt und meine Lippen mit seinen versiegelt. Jesse versteht nicht, wie sinnlos es ist, bei mir zu sein. Ein leerer Mensch kann einem nichts wiedergeben.
Seine Küsse erzählen von einer Sehnsucht, die sein ganzes Herz in Dunkelheit reißt. Es sind schwarze Fäden, die sich ausbreiten und selbst an mir kleben bleiben. Sie suchen Nähe, Wärme und etwas, das sie für sich haben können. Aber ich bin nicht derjenige, den er sucht. Würde Jesse sich noch weiter vergessen, würden wir alles verlieren.
Ich wünschte, Jesse würde mich nicht wie seine Bettgeschichten behandeln. Als bester Freund bin ich eigentlich etwas Wertvolleres. Ich habe doch einen anderen Platz in seinem Herzen.
Jesse lehnt seine Stirn an meine und schließt die Augen.
»Singst du gleich für mich?«, fragt er und zupft an meinem langen Haar.
»Was denn?«
»Lips of an angel?«
Jesse zieht die Bettdecke höher und reibt mir über den Oberarm. Manchmal würde ich gerne sagen: »Komm, wir brennen durch, wie in einem dummen Teenie-Film und hoffen auf das Beste!« Wir könnten ein anderes Leben führen, unsere Namen ändern und all den Kummer vergessen. Wir hätten die Chance, die Person zu werden, die wir sein wollen.
Aber es geht nicht. Egal, wie oft ich davon träume, die Schatten der Vergangenheit hinter mir zu lassen. Jesse und ich sind Nichtschwimmer in einem tobenden Ozean, die sich verzweifelt aneinander krallen. Merkt er nicht, dass wir ertrinken?
»Ich singe dir ein anderes Lied, versprochen.« Grinsend wuschele ich ihm durchs Haar. »In der Zwischenzeit fallen dir sowieso die heißen Tänzer um den Hals. Meinst du, ich habe nicht gesehen, wie Timmy dich anstarrt? Der hat sich heute in sein kürzestes Outfit geschmissen.«
Jesse stößt die Luft aus der Nase und gackert. »Der hat sich gestern drei Mal vor mir umgezogen, als ich auf dich gewartet habe.«
»Auffällig unauffällig.«
Mein Handywecker will mich aus dem Bett reißen, aber Jesse hält mich fest.
»Bleib doch noch einen Moment.«
»Ich muss arbeiten, du Nase.« Lächelnd streichele ich seine Arme, die mich zu zerdrücken scheinen.
»Hast du schon einmal über eine Beziehung nachgedacht?«, flüstert Jesse und der Kloß in meiner Kehle wird so riesig, dass ich nicht mehr atmen kann.
»W-was?«
»Nur ein Spaß.« Lauthals lachend steht er auf und kneift mir in die Wange. »Du hast echt blöd geglotzt!«
»Ja.« So schnell ich kann, ziehe ich mich an und flüchte aus dem Zimmer. Was war das denn jetzt? Das war richtig unangenehm. Ich kratze mir über die Brust und spüre meinen flatternden Herzschlag unter den Fingerspitzen. Normalerweise reden wir nicht über so etwas. Vor allem nicht in so einer Situation. Beziehungen sind gefährlich. Wie kann er mir nun also eine derart bescheuerte Frage stellen? Außerdem muss ich auf die Dancefloors. Ich kann es mir nicht leisten, mir den Kopf über Blödsinn zu zerbrechen. Jesse weiß doch ganz genau, was so eine Andeutung in mir auslöst.
***
Zusammen mit meiner Kleidung rücke ich die Maske in meinem Gesicht zurecht. Die Dancefloors erwarten mich und die Scheinwerfer schnappen gierig nach mir.
In meinem Kopf kippt ein Schalter um und ich mache mich für die grabschenden Hände und die gefräßigen Blicke bereit. Niemand sagt, dass es leicht ist. Es macht Spaß, das will ich nicht leugnen. Dennoch ist es ein Job, auf den ich mich einstellen muss. Besonders, wenn Jesse mir nachläuft, als würde er auf mich aufpassen, kann ich nicht wirklich abschalten.
Verdammt, was will ich eigentlich? Mir sollte es fantastisch gehen. Ich habe One-Night-Stands, einen Job, bei dem ich singen darf und einen besten Freund. Was könnte ich also mehr wollen? Was fehlt mir nur, dass ich nicht zufrieden bin?
Serik
Ich habe Sodom und Gomorra betreten.
Mein Onkel hat uns hergeschickt, um die alte Security zu ersetzen, aber ich bin geschockt vom ersten Eindruck des Ladens. Was sollen wir ausgerechnet in diesem Schwulenclub? Die Luft ist so feuchtwarm, als wären wir in einem Tropenhaus. Das Kondenswasser tropft von der Decke und von den Spiegeln, die überall aufgehängt wurden.
Hier verhalten sich alle wie Prostituierte, die erwartungsvoll einen Freier suchen. Zwar habe ich schon einiges vom ›MakeMeMoan‹ gehört, aber tatsächlich hier zu sein, ist kaum mit den Erzählungen vergleichbar.
Es ist ein Nachtclub, in dem der Boden klebt, als wäre er die letzten Monate nicht gewischt worden. Die Wände sind beschmiert mit Sprüchen und Namen, die teilweise wieder heruntergekratzt wurden. Neben der viel zu lauten Musik, kann ich nur die Gäste grölen hören. Es ist unterste Schublade. Die Lichter blenden, die Musik ist abgehackt elektrisch und außerdem stinkt es.
Die süßlichen Frucht-Parfüms kratzen in meinem Rachen, obendrein bin ich mir sicher, Terpene von Hanfpflanzen im Zigarettenqualm zu riechen. Dass die Kerle heimlich auf den Toiletten rauchen, zeigt nur, dass hier niemand richtig durchgreift. Das Rauchen in Diskotheken ist seit Jahren nur noch in gesonderten Räumen erlaubt. Und davon sehe ich hier keinen.
Der Club ist ganz und gar nicht meins. Wenn mein Onkel mich nicht gebeten hätte, den Auftrag anzunehmen, hätte ich in der Sekunde abgelehnt, als ich den Namen gelesen habe.
›MakeMeMoan‹ es klingt so billig, wie es auf den ersten Blick rüberkommt.
Dass ich meine neuen Stiefel angezogen habe, bereue ich spätestens, als ich in etwas Dickflüssiges trete. Mir rennt eine Gänsehaut die Beine hoch und kribbelt in meinem Rücken weiter. Ekelerregend.
»Herr Yazdani! Ich freue mich, Sie zu sehen! Schön, dass Sie es so kurzfristig einrichten konnten!«
Herr Meyer ist der Inhaber des Clubs. Er ist ein kleiner, rundlicher Mann mit sonnengegerbter Haut, der uns herumführt. Anstatt uns das Ambiente vorzustellen, wenn keine Gäste hier sind, bevorzugt er es, uns ins kalte Wasser zu werfen. Aber damit habe ich kein Problem.
Für diesen Club bin ich der Sicherheitschef. Meine Angestellten laufen uns nach und sehen sich ebenfalls um. Es sind gute Jungs, mit denen ich schon viele Jahre zusammenarbeite. Sie wissen, worauf ich Wert lege und wie wichtig es ist, aufmerksam zu sein.
An den Ecken, die problematisch sind, nicke ich ihnen zu. Jeder nimmt einen Platz ein und überwacht diesen.
Eigentlich ist es nur ein Job und trotzdem bin ich angespannt, wenn ich mich hier umsehe.
Die Tänzer und selbst die Kellner tragen hautenge Kleidung oder Stofffetzen, die ich nicht einmal als solche bezeichnen kann. Die Gäste schieben Trinkgeld in ihre Tangas oder Höschen und gieren das Personal an, als wären wir in einem Strip-Club.
Wie können sie sich das bieten lassen? Und warum wurde ausgerechnet unsere Firma beauftragt hier aufzupassen? Natürlich ist es eine Herausforderung, die ich gerne annehme, aber ich habe eine private Differenz mit solchen Clubs. Meine Sexualität behalte ich strikt für mich, doch die Fassade könnte bröckeln bei der Unmenge an attraktiven Männern. Normalerweise meide ich Schwulenbars komplett. Ich möchte außerdienstlich nicht in diesen Kreisen gesehen werden. Aber nun muss ich jedem Gast meine Aufmerksamkeit schenken und kann mich nicht von dem Gedanken abhalten, dass ich sie um ihre Offenheit beneide.
Verflucht, woran denke ich da nur? Ein Job ist ein Job.
Mir zwinkert ein Kellner zu, der sich seine braunen Locken aus dem Gesicht pustet. Im Vorbeigehen wirft er mir einen Handkuss zu und er beobachtet mich selbst noch, als er hinter der Bar verschwindet, um neues Bier zu holen. Seine Blicke liegen auf mir und er grinst mich wissend an, während mein Mund so trocken wird, als hätte ich seit Stunden nichts mehr getrunken. Er winkt mich zu sich herüber, doch ich drehe mich weg. Ich habe keine Zeit für Spielereien.
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