»Gute Nacht.« Ich schubse ihn aus dem Türrahmen und knalle die Tür zu.
»Mach auf!«, schreit er und tritt gegen das klapprige Holz. »Du Mistkerl!«
Die Musik des Clubs ist dumpf zu hören, genau so wie Josephs Gebrüll.
»Aleksei! Ich schwöre, ich mache dich fertig!«
»Ja, ja!« Von wegen! Trotzdem rast mein Herz, die Finger zittern und ich schließe doppelt ab. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Vor allem bei der Delle im Holz kann ich froh sein, dass er nicht mit der Faust auf mein Gesicht gezielt hat.
Ich lecke mir über die trockenen Lippen und hole tief Luft. Joseph flucht noch und ich versuche mein Herz zu beruhigen. Es hüpft ängstlich in seinem Käfig herum, dabei sind wir nicht mehr in Gefahr. Solange ich Männern wie Joseph nicht zeige, wie mich ihre Gestalt einschüchtern kann, bin ich sicher. Sobald sie Angst schnuppern, werden sie noch schneller handgreiflich.
Ich schnappe mir die Tagesdecke vom Boden und lege sie mir um die Schultern. Die drei Kakteen stelle ich auf die Fensterbank zurück und lege die Erdkrümel wieder in ihre Töpfe.
Meine Hüfte tut weh. Keine Ahnung, was der Kerl gemacht hat, aber es war unangenehm. Immerhin hat er ein Kondom benutzt. Alles andere wäre jetzt der Tropfen, der das Fass überlaufen lässt. Die Spuren unserer gemeinsamen Katastrophe werfe ich in den Mülleimer, ehe ich mich ins Bett fallen lasse.
Etwas Gutes hatte diese traurige Begegnung dennoch: Ich habe nicht vor Lust geschrien, also kann ich morgen Abend wenigstens performen. Die Auftritte auf der Bühne sind mir am Wichtigsten. Es gibt nichts, das ich mehr genieße, als die Nächte, in denen ich mein Talent unter Beweis stellen kann. Vielleicht verknallen sich die Typen in mich, weil ich von der Liebe singe? Allerdings wissen sie nicht, wie es in mir drin aussieht. Sie sehen mich und drücken mir ihre Hoffnungen auf, die ich allesamt nicht erfüllen kann.
Sie stellen sich bestimmt keinen Kerl vor, der nachts alleine im Bett liegt und das kalte Laken neben sich streichelt. Für sie bin ich doch eine Fantasie-Gestalt, die immer nur vögelt und hyperaktiv herumhüpft. Niemand kennt mich wirklich.
Mit den Fingern zeichne ich ein Herz auf den weichen Stoff. Es ist komisch, dass ich mich nach Wärme sehne, mich jedoch von ihr erdrückt fühle, sobald sie zum Greifen nah ist.
Genervt kuschele ich mich in die Decken und presse die Augenlider zusammen. Es bringt nichts, sich den Kopf zu zerbrechen. Der Abend ist gelaufen und morgen gibt es wieder andere Männer, die mir nachsabbern. Schließlich bin ich jeden Tag von willigen Kerlen umgeben. Das geht mit meinem Job Hand in Hand.
Das ›MakeMeMoan‹ ist ein Gay-Club, oder eher gesagt eine Bar mit Dancefloors, in der ich arbeite und wohne. Es war nicht mein Traum, in diesem Zimmer unterzukommen, aber manchmal muss man sich an den rettenden Strohhalm klammern, bevor man ertrinkt. Besser, als auf der Straße zu hocken, nachdem ich beim letzten Job rausgeflogen bin.
Es war meine eigene Schuld. Ich habe den sexy Transkerl hinter der Bühne vernascht und na ja, dann habe ich meinen Auftritt verpasst. Ich konnte ja nicht ahnen, dass der Inhaber mich direkt rauswirft. Der hat mir die totale Szene gemacht, obwohl auch er regelmäßig in den Genuss meines Körpers gekommen ist. Dabei hatte er trotz unserer Intimitäten keinen alleinigen Anspruch auf mich. Das hat er nur nicht verstanden. Mistkerl. Außerdem stehe ich nicht auf Typen, die ihre Fäuste sprechen lassen. Wenn Sex sich wie eine Erniedrigung anfühlt, ist es für mich nicht das Richtige.
Meine Augenlider sind schon schwer, aber ich sehe zu meinem Nachtschränkchen hinüber. Die Rosenblätter liegen neben der Vase, als würden sie mich auffordern wollen, den Strauß wegzuwerfen. Es ist nicht so, dass mir ein Liebhaber jemals welche geschenkt hätte. Vielleicht gibt es Blumen ausschließlich für Männer, für die man sich bemüht. Ein Kerl, den man hingegen nur ficken will, bekommt dementsprechend Cocktails oder harte Shots ausgegeben. Der Alkohol fließt, die Hemmschwelle sinkt und somit geht es schnell ins Bett. Willenloser Sex. Rein und raus. Das ist alles, was ich wert bin. Zumindest hat nie jemand etwas anderes behauptet. »Du bist nur so schön, damit es von deinem widerlichen Charakter ablenkt«, sagen die One-Night-Stands, die mich zwar berühren, aber dennoch nur an der Oberfläche kratzen. Liebenswert? Ich wäre es gerne.
Es kommt mir vor, als würde sich mein Leben nie ändern. Ich stecke fest in diesem Loch aus gierigen Händen, die nach mir grabschen und Mündern, die mich küssen wollen. Der Ausweg ist in so weite Ferne gerutscht, dass ich ihn nicht einmal erahnen kann. Um mich herum ist nur Finsternis, die mich eingeschlossen hält. Und trotzdem hoffe ich, den Ausgang mit Hilfe der vielen Männer zu finden, die mir für einen Moment Wärme versprechen.
Ich vergrabe das Gesicht im Kissen und wische mir über die brennenden Augenwinkel.
Blumensträuße sind hingegen ein anderes Kaliber. Es ist ein Zeichen der Anerkennung, nicht wahr? Eine Aufmerksamkeit, ein ›ich bin froh, dass es dich gibt‹. Wie wäre es wohl, wenn mir jemand Rosen schenken würde? Eigentlich bin ich nicht kitschig und auch kein hoffnungsloser Romantiker, aber manchmal …
Ab und an, wenn ich einkaufen gehe, stehen direkt am Eingang schwarze Eimer, gefüllt mit bunten Sträußen. Ich kann mich meistens gezielt an ihnen vorbei quetschen, nur manchmal … manchmal kann ich nicht widerstehen.
Ich streichele mir über die Seite und nehme mich selbst in den Arm. Ist es heute nicht kälter als sonst?
Aleksei
Es riecht nach Theaterschminke und billigem Parfüm, das fies in der Nase kribbelt. Irgendjemand dachte anscheinend Marshmallows und Vanille wären zusammen ein himmlisches Aroma. Da hat er sich aber geirrt.
Von den Decken hängen rote und pinke Tücher, die nur von den runden Glühbirnen beleuchtet werden, welche die vielen Spiegel umrahmen. Jeder Tänzer hat seinen eigenen Platz, an dem er sich zurechtmachen kann. Meiner ist der am Ende des Raumes. Hier ist die Musik nur dumpf zu hören und es gibt ein Sofa und mehrere Sessel, auf denen wir nach einem harten Arbeitstag entspannen können. Außerdem will ich nicht direkt neben den Zicken sitzen und mir macht es nichts aus, halb in der Garderobe zu stehen. Draußen, auf den Dancefloors, haben sowieso alle nur Augen für mich. Das erklärt auch den großen Konkurrenzkampf zwischen den anderen und mir.
Klingt es dumm, dass ich erleichtert bin, weil ich nicht gemobbt werde? In meinem Alter sollte ich da eigentlich drüber stehen. Manchmal bin ich eben doch nur ein eingeschüchterter, kleiner Junge, der denkt, nichts wert zu sein.
An meiner Schminktasche lehnt ein Kondom neben einer Karte, die jemand mit einer Büroklammer festgeklemmt hat. Darauf wurde eine Handynummer in wackeligen Buchstaben gekritzelt. Wer weiß, von wem die schon wieder ist. Ich bekomme Dutzende Nummern von Namen, die mir allesamt nichts sagen.
Die Tür wird aufgezogen und das darauffolgende, begeisterte Quietschen lässt mich aufhorchen.
»Guten Abend!«, begrüßen die Tänzer den Mann, der den Raum betritt und uns sein schiefes Grinsen präsentiert. Wie die Schmeißfliegen werfen sie sich auf meinen Kindheitsfreund.
»Siehst du mir nachher zu?«
»Kommst du zum zweiten Dancefloor? Da trete ich heute auf!«
»Natürlich«, verspricht er ihnen, während er nur mich ansieht.
Jesse hat sich die Haare weinrot gefärbt, was seine grünen Augen unreal aussehen lässt. Sie sind zu hell für seine sonnengebräunte Haut. Vielleicht ist es das, was die Tänzer verrückt nach ihm macht?
Er hat ein eckiges Gesicht mit einem runden Kinn, das in der Mitte ein tiefes Grübchen ziert. Die Narbe an der gezupften Augenbraue, verdankt er mir. Damals bin ich von einem Baum heruntergefallen und habe ihm den Fuß direkt auf die Zwölf geschmettert. Es war eine Platzwunde, die geblutet hat, als wäre er kurz vorm Sterben. Ich hatte schreckliche Angst um ihn. Die anderen Narben sind von den Windpocken. Es sind kleine auf der Stirn und eine neben seinen breiten Lippen. Generell hat er unzählige Schrammen, die seinen Körper zieren. So oft, wie Jesse sich geprügelt hat, ist es ein Wunder, dass noch alle Körperteile dran sind.
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