Denn wie immer die zoologischen Fakten hinter der Tatzelwurmsage aussehen, er ist eine kulturelle Tatsache, die Beachtung verdient. Moderne Zoologen halten das Tier für ein mythologisches Konstrukt, und auch ich will mich dem Phänomen nicht kryptozoologisch nähern (auch wenn das eine Rolle spielen wird), sondern vor allem mit dem Handwerkszeug des Historikers – wo und wann wurde etwas gesehen, wer hat wann an was geglaubt? Das Ergebnis ist nicht nur eine aufregende zoologische Schnitzeljagd, sondern vermittelt zudem Einblicke in Glaubens- und Lebenswelten, die heute bereits in vielen Regionen verschwunden sind.
Einige abschließende Bemerkungen noch: Redaktionelle Einschiebungen in die Originaltexte sind stets mit eckigen Klammern gekennzeichnet. Einfügungen in runden Klammern stehen so im zitierten Text. Die Übersetzung aller fremdsprachigen Berichte stammt vom Autor.
Ein schwieriges Gebiet war die Geografie: Ortsnamen und Zugehörigkeiten sind im Laufe der Zeit wandelbar, im Alpenraum vielleicht noch mehr als anderswo in Europa. Was heute Österreich heißt, war früher das Habsburgerreich, zu dem unter anderem auch die Lombardei gehörte, und bis 1919 auch Südtirol und das Trentino. Die in diesem Buch verwendeten Staatsgrenzen sind stets die heutigen. Südtiroler Ortsnamen hat der Verlag immer in ihrer deutschen Form eingesetzt, selbst dort, wo in den Quellen politische Zwänge zur Verwendung der italienischen Entsprechungen geführt hatten.
Sagen und Legenden: der Tatzelwurm in Frühgeschichte, Antike und Mittelalter
Wie weit in die Vergangenheit die Geschichte von Drachenbegegnungen in den Alpen zurückreicht, lässt sich nur schwer sagen. Aus der Zeit um 1000 v. Chr. soll das „tönerne Bild einer Eidechse“ aus einem Pfahlbau bei Nidau im Bielersee, Kanton Bern, stammen, zu dem ein Autor des 19. Jahrhunderts anmerkt: „möglicherweise ist aber […] einer jener großen Saurier gemeint, welche zur Pfahlbauzeit wahrscheinlich noch existiert haben.“ 4Erst 2005 wurden im Val Camonica vorgeschichtliche Felsbilder entdeckt, darunter eines aus der Bronzezeit, das „einen kleinen Mensch vor einer riesigen Schlange“ 5zeigt.
Die ersten schriftlichen Nachrichten über die Alpen, oft noch vom reinen Hörensagen her, stammen von den griechischen und römischen Autoren der klassischen Antike. Keiner der alten Schreiber, die sich der Naturgeschichte widmeten, weiß etwas von Drachen in den Alpen. Allerdings wird vom italienischen Stiefel von seltsamen und großen Schlangen berichtet, die dem späteren Tatzelwurm gleichen.
Die römischen Autoren erwähnen in ihren Werken und Annalen nämlich merkwürdige Erzählungen über Schlangen, die die moderne Zoologie nicht bestätigen kann – zum Beispiel Beobachtungen von Schlangen mit Krone, mit Beinen oder von riesiger Gestalt, die als Vorzeichen galten, oder die Gewohnheit von Schlangen, die Kühe auf der Weide zu melken.
Zum Jahr 177 v. Chr. vermerkt Livius in seinem Buch von der Geschichte Roms, „im römischen [sei] ein verstümmelter Knabe zur Welt gekommen und eine vierfüßige Schlange gesehen worden“ 6.
174 v. Chr. versicherten die Bewohner von Caere, „in ihrer Stadt habe sich eine Schlange, bemähnt und mit Goldflecken gesprenkelt, sehen lassen“ 7. Caere ist das heutige Cerveteri in der Toskana, und die Mähne könnte man auch mit „Kamm“ übersetzen.
In seiner berühmten „Naturgeschichte“ spricht Caius Plinius Secundus im achten Buch (Kapitel 14) von riesigen Schlangen in Italien: „Die sogenannte Boaschlange in Italien […] wächst zu einer solchen Größe, daß man unter der Regierung des göttlichen Claudius in dem Bauche von einer, die im Vatikanischen getötet wurde, ein ganzes Kind antraf. Sie nähren sich anfangs von Kuhmilch, und daher haben sie den Namen.“ 8
Aus unbestimmter Zeit raunen die Sagen, auch wenn man mittlerweile weiß, dass sie mehr über die Zeit erzählen, in der sie aufgezeichnet wurden, als über die graue Vorzeit, von der sie berichten. Drachensagen trifft man im Alpengebiet fast überall an: „Man hat und zeigt Drachenlöcher, Drachensteine, Drachenklammen und Drachenböden. Diese und der Drachensee [auf dem Mieminger-Hochgebirge] sind die unzerstörbaren Dokumente der Drachensagen und des Glaubens einstigen Vorhandenseins dieser Ungethüme, wozu die Drachenhöhle bei der Sill zu Wilten gehört. Endlich die Drachenzunge, welche im Kloster Wilten aufbewahrt wird, sollte über das einstige vorhandensein [sic] keinen Zweifel übrig lassen“, merkt Ritter Johann Nepomuk von Alpenburg in seinem Buch „Mythen und Sagen Tirols“ aus dem Jahr 1857 ironisch an. 9
Nach Alpenburg habe der typische Tiroler Drache einen Schlangen- oder Hundekopf, kurze Ohren, einen langen Hals und einen gedrungenen Körper mit langem Schwanz, dazu vier Füße mit Tatzen, und er hause bevorzugt in Höhlen neben fließendem Wasser. 10
Von Drachen wird im ganzen Alpenraum erzählt: Man kannte ihn im Eisacktal in Südtirol, 11am Silumer Berg, in Triesenberg und vom Oberfeld bei Mels in Liechtenstein, wo die schuppigen Ungetüme in einer Höhle, in der Nähe der Kirche und in Sümpfen aufzufinden waren, 12in Kärnten ebenso wie in Bayern.
Geschichten, die man von Drachen erzählte, dienten vielen verschiedenen Zwecken – sie mythologisierten die Christianisierung und die Ausrottung des Heidentums (schon in der Genesis gilt die Schlange als Verkörperung des Teufels), sie kündeten von der Urbarmachung des Landes (und daraus abgeleitet dem Anspruch auf den Besitz des Landes durch den Ortsadeligen), sie erzählten von Naturphänomenen wie Lawinen, Erdrutschen, Überflutungen und Gewittern, sie konnten selbst Viehseuchen mit dem Pesthauch eines Untiers verständlich machen.
Erzählen die Menschen der Alpen von Drachen, dann datieren sie die Ungetüme oft in die Zeit zurück, in der ihre Region zum Christentum bekehrt wurde. Als teuflische Kreatur, die vertrieben wird, damit das Land christlich werden kann, begegnet uns der Drache in der Legende vom heiligen Beatus. Der vertrieb ein Untier an der Beatushöhle am Thunersee (Schweiz), das in seiner Einsiedlerhöhle hauste, indem er es zu gehen bat. 13Beatus befuhr den See auf seinem Mantel, dasselbe hören wir vom heiligen Julius vom Ortasee, der dann ebenfalls die Drachen von einer Insel vertrieb, bevor er sich dort niederließ. 14Im 5. Jahrhundert bedrohte der Sumpfdrache von Draguignan (Frankreich) die Pilger auf ihrem Weg zum Kloster Lerins, der heilige Einsiedler Hermentaire – er wurde später der erste Bischof von Antibes – erschlug darauf das Monstrum. Im 7. Jahrhundert wurde der heilige Abt Magnus bei Kempten in Bayern „von einer riesigen Schlange“ angegriffen. Er aber überwand sie durch Gebet und einen wundertätigen Stab. „Später habe ihm auf dem Wege nach Füßen [Füssen] wieder ein Drache den Weg versperrt; diesmal sei er aber voll Gottvertrauen selbst zum Angriff übergegangen, er habe ihm Harz und Pech in den drohend aufgesperrten Rachen geworfen […], daraufhin habe der Drache angefangen zu brennen.“ 15Das ist wohl die biblische Geschichte vom Drachenkampf des Propheten Daniel, allerdings aus dem Zweistromland ins Allgäu verlegt. Der Chronist Konrad von Scheyern (er starb 1245) bezeichnete die Gegend der bayerischen Aschauerklamm als „Drachenlager“; 161273 erschlug ein gewisser Sulpicius Raimond aus Sulpice im Schweizer Jura ein Ungeheuer namens Le Serpent de St. Sulpice. 17
In all diesen Geschichten verkörpert der Drache die Schlange, das Tier des Teufels, das überwunden wird, oft vom jeweiligen Ortsheiligen.
Manchmal gilt nicht der Heilige, dem die Kirche geweiht ist, als Drachenbezwinger, sondern ein Vorfahr des herrschenden Adeligen, oder die Geschichte vom Drachenkampf mythologisiert und erhöht ein authentisches historisches Ereignis. Diese alten Berichte halten sich selten mit Details auf, beispielsweise wie die Drachen ausgesehen haben. Wichtiger ist die Funktion des Drachentöters als örtlicher Heros. In seiner für uns ungewöhnlichen Kleinschreibung bemerkt der österreichische Volkskundler Franz Josef Vonbun (1824–1870) 1852:
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