Stanford unterbrach ihn: »Möglicherweise müßten wir diese Leute aus Sicherheitsgründen für einige Zeit von der Außenwelt abschirmen, offziell zu ihrem eigenen Schutz, und um Zeit zu gewinnen.«
»Sind diese Zeugen eigentlich schon hier?« fragte McGlawson.
»Sie können ...« Superintendent Trugger blickte auf seine Armbanduhr, die zwanzig Minuten vor elf zeigte, »... sie können jederzeit eintreffen.«
»Ich nehme an, Gentlemen, daß Sie auch Leibesvisitationen und Röntgen-Kontrollen der Leute und ihres Gepäcks vorgesehen haben! Und noch etwas: Mich beunruhigt besonders, daß sogar ein islamischer Geistlicher herkommen soll?«
»Wir können doch einem Delinquenten nicht seine letzte Bitte um geistlichen Beistand abschlagen!« sagte Superintendent Trugger.
»Nun gut, wenn Sie meinen – jetzt wäre es ja ohnehin zu spät.«
Gegen elf Uhr trafen nacheinander fünf Männer und eine Frau am Haupttor ein. Sie waren von bewaffneten US-Marshalls in Zivil – einer Spezialtruppe der amerikanischen Justiz, die gewöhnlich zum Schutz von gefährdeten Zeugen bei Kriminalfällen eingesetzt wird – auf den Flughäfen von Jacksonville und Gainesville abgeholt und zum Staatsgefängnis gebracht worden. Die Besucher wurden in den schmucklosen Konferenzraum im Erdgeschoß des Verwaltungsgebäudes geführt.
Alle sechs hatten einen Brief der Gefängnisleitung erhalten, in dem sie gebeten wurden, den beigefügten, handschriftlichen letzten Willen des Häftlings Hussein Ali Bakir zu erfüllen.
Der Häftling hatte ihnen in einem etwas gestelzt klingenden Brief gleichlautend unter anderem geschrieben: »... so haben sich durch Allahs Fügungen unsere Lebenswege gekreuzt. Viel Leid und Unheil ist geschehen, aber ich bedaure nichts, denn nicht unser, sondern Allahs Wille ist geschehen und wird immer geschehen ... Doch fühle ich mich Ihnen persönlich zu großer Dankbarkeit verpflichtet, weil Sie eine große Bedeutung für mein irdisches und für mein späteres Leben bekommen haben ...«
Der Brief schloß: »Ich bitte Sie deshalb im Namen Allahs, des Allmächtigen und Barmherzigen, zugegen zu sein bei meinem vorbestimmten Übertritt in eine andere, bessere Welt ...«
Daneben nahm sich der von einem Beamten der Gefängnisverwaltung angeheftete Vermerk ziemlich profan, aber deutlich aus. »In der Angelegenheit Exekution des Hussein Ali Bakir wird um Ihr Erscheinen am Freitag, dem 22. März 1986, um elf Uhr im Florida State Prison, Starke, Bradford County, nachgesucht.«
Die makabere Einladung zur Teilnahme an der Tötung eines Menschen wurde den drei in den Vereinigten Staaten lebenden Adressaten von US-Marshalls ausgehändigt. In Beirut, in Tel Aviv und in Hamburg überbrachten Sicherheitsbeamte der US-Botschaften und des Generalkonsulats je einen der versiegelten Briefumschläge.
Alle sechs Empfänger hatten gezögert. Jeder von ihnen hätte viele Gründe gehabt, die Einladung abzulehnen – doch schließlich nahmen alle an –, unabhängig voneinander, aus sehr ähnlichen Motiven: Neugier und Nervenkitzel, auch Anteilnahme am Schicksal des Absenders. Vor allem aber folgten sie geradezu einem inneren Zwang, auch den letzten Akt eines Dramas miterleben zu wollen, bei dem jeder von ihnen eine besondere Rolle gespielt hatte.
In dem stickig nach Bohnerwachs riechenden Konferenzraum des Florida-Staatsgefängnisses, von dem aus Wachttürme, Drahtzäune und Zellengebäude zu sehen waren, klärte Superintendent Trugger die ungewöhnliche Gästegruppe über das Ritual eines Exekutionsablaufs auf. Er tat das mit der emotionslosen Sachlichkeit eines Technikers, der über einen bewährten Produktionsprozeß berichtet. Keiner der Zuhörer aß von den Sandwiches, die aus der Gefängnisküche gebracht worden waren.
Ein blaßblauer Himmel wölbte sich über der von Bäumen und Sträuchern gerodeten, weiten Moorlandschaft, als die fünf Männer und die Frau dann in einen Gefangenentransportwagen kletterten, der sie zum äußersten Ende des 600 Meter langen Gefängniskomplexes bringen sollte. Während der kurzen Fahrt sahen sie zwischen den Stacheldrahtumzäunungen und den Zellengebäuden zwei Dutzend Männer regungslos in der Mittagssonne sitzen. An ihren orangefarbenen T-Shirts, die sich leuchtend gegen die grauen Mauern abhoben, waren die Männer für die Scharfschützen auf den Wachttürmen weithin als Insassen des P- und des R-Flügels zu erkennen. Todeskandidaten, die Hofgang hatten.
Ein elektrisch betriebenes Gittertor glitt vor dem Gefangenentransporter mit den Zeugen zur Seite. Ein paar Meter dahinter hielt der Wagen über einer Art Autowerkstatt-Rampe. Zwei uniformierte Aufseher untersuchten mit Neonleuchten den Unterboden. Auch der Kofferraum und der Motorraum wurden kontrolliert. Dann erst rollte der Wagen die letzten hundert Meter bis zum Q-Flügel. Er hielt direkt vor einer fensterlosen, drei Stockwerke hohen Fassade, in die im Erdgeschoß nur eine einzige Tür eingelassen war. Davor wartete Sergeant Dennis Scott auf die Gruppe.
Er führte sie durch die Tür über verwinkelte Gänge in einen Kontrollraum. Wie an Flughäfen mußten sie ein Röntgengerät passieren. Anschließend wurde jeder von ihnen abgetastet. Schlüssel, Kugelschreiber, Taschenmesser, Ausweispapiere wurden eingesammelt. Die Besitzer erhielten numerierte Pappkartonkarten. Weiter ging es durch kahle Zellengänge, in denen jeder Schritt nachhallte. Sergeant Scott blieb schließlich vor einer lindgrün gestrichenen Tür stehen: eine unscheinbare, gewöhnliche, dicke Stahlblechtür, wie sie auch zum Schutz gegen Feuer und Einbrecher in Wohnhäusern installiert wird. Auf die Außenseite war mit gelber Farbe die Ziffer 43 gepinselt. Zwei Wachtposten standen davor.
Einer von ihnen öffnete die Tür. Dahinter lag ein etwa zwölf mal sechs Meter großer, rechtwinkliger Raum. Die Wände waren blaßgrün gestrichen, ebenso wie die Rolläden, die vor den beiden einzigen Außenfenstern heruntergelassen waren. Der Raum wurde in der Mitte durch eine Zwischenwand mit großer Panorama-Glasscheibe in zwei etwa gleich große Hälften geteilt.
Im vorderen Teil standen ein Dutzend harter, hölzerner Stühle mit runden Lehnen, in die herzförmige Löcher geschnitten waren, Sitzgelegenheiten, die an Bauernhausküchen erinnerten, dahinter zwei Reihen billiger brauner Kunststoff-Klappstühle.
Der Raum war bereits gefüllt. Zwölf offizielle, von der Justiz eingeladene Zeugen – achtbare Bürger aus Florida, die später das Hinrichtungsprotokoll mit unterzeichnen sollten – und außerdem ein paar beruflich interessierte Zuschauer: Juristen, Kriminalisten, Ärzte und Kirchenvertreter, unter ihnen Befürworter und Gegner der Todesstrafe. Sie waren nach oft jahrelangen Voranmeldungen als Beobachter einer Exekution zugelassen worden. Sie sollten sich einen persönlichen Eindruck über den Vollzug der Todesstrafe machen.
Sergeant Dennis Scott wies den sechs Neuankömmlingen die sechs letzten freien Plätze zu. Sie mußten sich zwischen die besetzten Stuhlreihen drängen und voneinander getrennt sitzen. Offenbar sollten sie keinen Kontakt untereinander haben können.
Vom Zuschauerraum aus richteten sich alle Augen auf die eigentliche Todeskammer hinter der Trennscheibe.
Auf den ersten Blick wirkte der Arbeitsplatz des Henkers wie eine veraltete Zahnarztpraxis. Der Behandlungsstuhl im Zentrum der zweiten Raumhälfte war fest in den Boden montiert; ein klobiger dunkelbrauner Eichenstuhl, hochlehnig mit vier querlaufenden Rippenstreben und mit stabilen Beinen, die auf einer dicken dunkelroten Gummimatte standen. An der Kopfstütze, an den Stuhlbeinen und an den Armlehnen waren breite Lederschlaufen angebracht. Zwei fingerdicke Starkstromkabel endeten am Kopf und am Boden. Sie führten zu einem schrankgroßen Sicherungskasten.
An der Rückwand der Todeskammer waren ein graues und ein rotes Wandtelefon installiert. Unter der Decke hing ein Mikrofon, mit dem Worte und Geräusche zum Lautsprecher im Zuschauerraum übertragen wurden. In einer Nische auf der linken Seite befand sich der eigentliche Arbeitsplatz des Henkers: eine quadratmetergroße Kabine mit halbhoher Brüstung. Unterhalb dieser Brüstung – vom elektrischen Stuhl und vom Zuschauerraum aus nicht zu sehen – waren Elektrokästen mit Volt- und Ampereskalen angebracht und ein armlanger, armdicker roter Hebel. Diesen Hebel muß der Henker innerhalb von zwei Minuten achtmal von links nach rechts bewegen. Achtmal werden jeweils bis zu 2240 Volt starke Stromstöße durch die Kabel in den Körper des Mannes auf dem Eichenstuhl gejagt.
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