Das Telefon stand auf einem der Glas- und Chromtischchen. Victor Meller setzte sich auf eine weiße Ledercouch, nahm den Hörer und meldete sich.
»Hallo, hier ist Margie Dyke.«
Er erkannte die Stimme sofort.
»Ich bin froh, daß ich Sie endlich erreiche, Mr. Meller. Superintendent Trugger muß Sie dringend sprechen. Ich verbinde.«
Victor Meller blickte zu seiner Frau hinüber, die sich demonstrativ in Hörweite gesetzt hatte und den Rauch ihrer Zigarette ausatmete. Er drehte das Telefon so, daß seine Frau nicht mithören konnte, als jetzt eine Männerstimme ertönte.
»Hier Superintendent Trugger. Mr. Meller, ich weiß, daß das wahrscheinlich sehr plötzlich für Sie kommt – aber wir haben einen dringenden Fall für Sie!«
»Wann?«
»Morgen mittag!«
Victor Meller versuchte einen Einwand. »Wieso schon morgen? Sie sagen doch sonst immer ein paar Tage vorher Bescheid.«
»Ja, morgen schon. Ich weiß, es ist diesmal sehr kurzfristig, aber dies ist auch ein besonderer Fall. Es soll morgen 12 Uhr mittags sein.«
Victor Meller spürte, wie seine Hände feucht wurden. Er preßte den Hörer fester ans Ohr.
»Mister Meller, ich erkläre Ihnen morgen früh die Einzelheiten. Wir haben einen Platz in der Frühmaschine für Sie gebucht. Das Ticket liegt am Flughafen bereit. Wie immer. Sie werden später mit dem üblichen Wagen abgeholt.«
»Ich komme«, sagte Victor Meller schließlich und fügte eine Phrase hinzu, die ihm sofort selber pathetisch vorkam, »... wenn die Pflicht ruft.«
»Sie ruft«, antwortete der Mann am anderen Ende, grüßte kurz und legte auf.
Victor Meller hielt noch den Hörer in der Hand, als seine Frau mit unüberhörbarer Ironie fragte:
»So, die Pflicht? Immer wenn diese Frau sich meldet, ruft die Pflicht ...«
»So ist es«, antwortete Victor Meller.
Er stand auf, sagte noch wenig überzeugend »Ich muß morgen dienstlich nach Jacksonville« und ging schnell durch die Terrassentür zum Wasser hinunter.
Es sah aus, als ob er vor ihr wegliefe – wie ein Ehemann, der bei der Vorbereitung zu einem Ehebruch erwischt wurde, dachte Helena Meller und drückte ihre Zigarette in einem Kristallaschenbecher aus.
Sie hatte vergessen, wann genau es begonnen hatte: unregelmäßig alle paar Wochen – manchmal dauerte es auch wieder Monate – mußte ihr Mann angeblich für seine Firma nach Jacksonville. Jedesmal hatte zuvor diese Frau angerufen. Ob sie jünger war als sie selbst? Oder mehr ein mütterlicher Typ? Sie kannte seinen Geschmack nicht mehr. Jedenfalls hatte sie nach seinen angeblichen Dienstreisen Übernachtungsquittungen aus einem Motel in einem Ort namens Starke entdeckt. Der aber lag rund 60 Meilen westlich von Jacksonville entfernt. Die Belege waren auf den Namen »Hagman« oder so ähnlich ausgestellt – wahrscheinlich der Name dieser Frau. Manchmal hatte ihr Mann unerwartet Blumen oder kleine Geschenke von diesen Reisen mitgebracht. Es schien so, als wollte er sie geradezu auf seine außerehelichen Abenteuer hinweisen. Aber sie vermied es, ihn zu fragen. Sie hatte selber ein schlechtes Gewissen.
Helena Meller blickte ihrem Mann ohne Zorn nach, bis er wieder in seinem Gartenhaus verschwunden war. Dann rief sie ihren derzeitigen Liebhaber an und fragte, ob er Zeit für sie habe.
Auch Victor Meller empfand seinen schnellen Rückzug als Flucht. Er wollte allein sein. Erst im Gartenhaus wurde er ruhiger. Hier fühlte er sich geborgen. Obwohl er Nichtraucher war, zündete er sich eine Zigarette an, wie immer, wenn er unruhig war. Dann setzte er sich an den gedrechselten Schreibtisch, dicht ans Fenster zum Garten, blätterte noch in Bauplänen und Akten und tat so, als arbeitete er.
Er nahm an, daß seine Frau ihn beobachtete.
Gegen Mitternacht, als im Haupthaus das Licht gelöscht worden war, packte er seine kleine Reisetasche. Er mußte früh am Flughafen sein. Dann zog er aus einem der Bücherborde, die mit Werken über Parapsychologie, Traumdeutung und religiöse Themen überfüllt waren, die alte Familienbibel hervor. Er las lange Zeit darin, besonders die Stellen, die schon durch Lesezeichen gekennzeichnet waren. Drittes Buch Mose, Kapitel 24, Vers 16 bis 20: »... wer den Namen des Herrn lästert soll des Todes sterben. Die ganze Gemeinde steinige ihn, sei es ein Fremder oder ein Einheimischer ... Bringt jemand seinem Nächsten eine körperliche Verletzung bei, soll ihm getan werden, wie er getan hat ... Bruch um Bruch, Auge um Auge, Zahn um Zahn ...« Manchmal bewegte er beim Lesen seine Lippen.
In dieser Nacht zum 22. März 1986 schlief Victor Meller wenig. Er warf sich auf der Couch hin und her und versuchte wach zu bleiben. Er fürchtete, der Traum vom Nachmittag würde wiederkommen. Ja, er hatte jetzt sogar Angst, der Traum könne eine Art Vorahnung gewesen sein.
In dieser Nacht fand auch Hussein Ali Bakir keine Ruhe. Er saß auf der Pritsche in der lindgrün gestrichenen Zelle und las – »Von hinten nach vorne«, wie der diensttuende Beamte Dennis Scott später berichtete – in einem billig gebundenen Buch, dessen blauer Umschlag schon abgegriffen war, und sprach einige Texte mit monotoner Stimme halblaut vor sich hin. Sergeant Scott verstand kein Wort. Der junge Mann sprach Arabisch.
Nachdem alles vorüber war, übersetzte ein Dolmetscher die Seiten aus dem Koran, die der Gefangene aufgeschlagen liegengelassen hatte. Es waren die Seiten mit der 25. und 26. Sure. Sie handeln vom Jüngsten Gericht, vom »Tag der Katastrophe«, von dem Tag, an dem das Leben auf der Erde endet und das wahre Leben im Jenseits beginnt, von dem Tag, an dem die wahren Gläubigen, die Kämpfer für Allah, den einzigen und barmherzigen und gnädigen Gott, ihren Lohn erhalten und die Sünder ihre gerechte Strafe. Auf die Märtyrer aber, so heißt es, warte das Paradies: Ein unermeßlich großer grüner Garten, in dem Quellen sprudeln und in dem Milch und Honig fließen; in dem es nach Moschus duftet; in dem großäugige Jungfrauen die Männer empfangen, die ihr irdisches Leben im Kampf für Allah hingegeben haben. Sie warten unter blühenden Apfelbäumen.
Der Mann in der Zelle machte einen ruhigen, manchmal sogar fröhlichen Eindruck. Nach Aussagen von Sergeant Dennis Scott schien es so, als freue sich Hussein Ali Bakir regelrecht auf den kommenden Tag.
Gegen fünf Uhr tauchte die Sonne groß und rot aus dem Atlantik auf und warf erste Lichtstrahlen gegen die Fassaden der Hotels von Miami Beach.
Victor Meller war froh, daß die nahezu schlaflose Nacht vorüber war. Er duschte kalt, schäumte sein Gesicht ein und rasierte sich mit unsicherer Hand, bevor er seinen dunklen Anzug, ein weißes Hemd und eine schwarze Krawatte anzog. Er sah aus wie ein Mann, der zu einer Beerdigung muß. Er trank koffeinfreien Kaffee und schluckte zwei Anecin-Tabletten gegen seine anhaltenden Kopfschmerzen. Um sieben schloß er die Tür des Gartenhauses hinter sich ab.
Im Wohnhaus rührte sich noch nichts. Vor dem Schlafzimmerfenster seiner Frau waren die Jalousien heruntergelassen.
Der Bauunternehmer stieg in den alten Buick Riviera, der sich in der Doppelgarage neben dem silbernen Mercedes-Coupé von Helena Meller wie ein Arme-Leute-Fahrzeug ausnahm. Er fuhr den Bay Drive hinunter zum Surfside Boulevard. Kurz vor der Brücke, die links über den Indian Creek zum Golf- und Country-Club führt, sah er den roten Porsche, den der Liebhaber seiner Frau geparkt hatte. Er vermutete, daß der sportliche junge Mann noch bei ihr war.
Victor Meller steuerte seinen Wagen über die breite Collins Avenue, die an der endlosen Reihe von Luxushotels und Apartment-Häusern nach Süden führt. Vor dem »Fountainebleau« wässerten Gartenarbeiter Palmen und Oleanderbüsche. Aus dem Autoradio klang der Schlager »I just call to say I love you ...« Der Discjockey versprach den Frühaufstehern einen schönen Tag: Wolkenloser Himmel, 32 Grad, leichter Westwind vom Atlantik.
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