»Superintendent, ich habe jetzt Gouverneur Graham auf Leitung zwei!«
Die Gespräche verstummten, als der Henker eintraf. Alle starrten den vermummten Mann schweigend an. Die quirlige Vorzimmerdame faßte sich als erste.
»Sir«, sagte sie, »der Chef wartet bereits auf Sie.«
Sie öffnete die schallschluckende, gepolsterte Tür. Victor Meller hörte noch, wie Superintendent Trugger das Gespräch mit Robert Graham, dem Gouverneur von Florida, beendete:
»... offen gestanden, Gouverneur, mir ist das ganze Verfahren immer noch schleierhaft, aber wenn Sie und der Präsident persönlich die Verantwortung übernehmen, soll es mir recht sein. Wir tun wie immer unser Bestes, egal wie schwer es uns die Politiker machen ...«
Trugger legte den Hörer auf. Er winkte den Henker heran und drückte eine Taste der Gegensprechanlage.
»Margie, ich will jetzt nicht gestört werden! Nur wenn die Leute aus Washington kommen!«
Der Leiter des Staatsgefängnisses von Florida schob, ohne aufzustehen, seine rechte Hand über den breiten Schreibtisch, an einem großen, gerahmten Farbfoto vorbei, das seine blonde Frau und seine beiden pausbäckigen Söhne zeigte. Trugger sagte: »Sie werden es nicht glauben, Mister Meller, aber nach allem, was in letzter Zeit passiert ist, kommt mir Ihr Anblick wie eine Erlösung vor.«
Victor Meller schüttelte die Hand, die sich ihm entgegenstreckte, und zog umständlich die schwarze Kapuze vom Kopf, bevor er auf dem Besucherstuhl vor dem Schreibtisch Platz nahm. Er war erst zweimal im Büro des Gefängnischefs gewesen. Gewöhnlich wurde er direkt in die Hinrichtungszelle am anderen Ende des Gebäudekomplexes gebracht und nach getaner Arbeit, noch immer mit Kapuze und Robe getarnt, wieder vom Gelände des Staatsgefängnisses geschleust. Niemand sollte wissen, wie er aussah und wer er in Wirklichkeit war. Victor Meller führte seit Jahren schon ein Doppelleben, von dem nicht einmal seine Frau etwas ahnte. Manchmal wunderte er sich noch, wie sehr das Töten für ihn zur Routine geworden war.
»Wenn ich richtig gezählt habe, Mister Meller, dann wird dies unsere siebenundzwanzigste gemeinsame Hinrichtung werden«, begann Superintendent Trugger, »Sie wissen, daß ich Ihre Zuverlässigkeit sehr schätze, aber in diesem Fall wird für Sie, für mich und für alle Beteiligten einiges anders sein als sonst ...«
Charles Trugger zündete sich ein Zigarillo an. Er war ein erstaunlich junger Mann für einen Job wie diesen. Mit 41 Jahren war er der jüngste Gefängnisdirektor von Florida und noch dazu der Leiter des Staatsgefängnisses, in dem die Todesurteile vollstreckt werden. Zuvor hatte er bereits zwanzig Jahre lang im Strafvollzug gearbeitet. Er galt als harter, zuverlässiger Mann, der notfalls mit brutaler Gewalt den Widerstand aufsässiger Gefangener brach; aber auch als effizienter Manager, der die Kosten seines Betriebs unter Kontrolle hielt. 900 Beamte waren ihm unterstellt, und er war verantwortlich für 1300 Gefangene, davon mehr als 500 »Lebenslängliche«. 256 Todeskandidaten, schwarze und weiße Männer, warteten in den Zellen des Todestraktes auf ihre Begegnung mit dem Henker.
»Lassen Sie es mich kurz machen, Mister Meller«, sagte Superintendent Trugger, »denn wir haben nicht viel Zeit. Die Hinrichtung soll, wie ich Ihnen gestern schon sagte, heute um zwölf Uhr mittags sein.«
Trugger blickte auf seine Armbanduhr.
»In zwei Stunden also.«
Um zehn Uhr vormittags klopfte der Gefängnisgeistliche, Reverend Walter P. McCoy mit dem Ehering an seiner linken Hand an das Eisengitter der Tür zur Todeszelle. In den letzten Tagen und Wochen hatte er vergeblich versucht, mit dem jungen Moslem Hussein Ali Bakir ins Gespräch zu kommen.
Reverend McCoy, ein rundlicher, schüchtern wirkender Mann, war noch immer von missionarischem Eifer erfüllt. Er hatte sich um das Amt des Gefängnisseelsorgers beworben, weil er es langweilig fand, jeden Sonntag immer denselben alten Damen immer dieselben salbungsvollen Predigten zu halten. Er war stolz darauf, daß es ihm gelungen war, viele Todeskandidaten noch kurz vor ihrer Hinrichtung bekehrt zu haben.
Der Gefangene hockte mit verschränkten Beinen auf dem Boden. Er blickte auf ein Foto, das in seinem Schoß lag. Aus zwei Metern Entfernung konnte Reverend McCoy eine junge, hübsche Frau erkennen, eine hellhäutige Orientalin offenbar, die ein lachendes kleines Mädchen in die Luft geworfen hatte und es gerade mit ausgestreckten Armen wieder auffangen wollte.
»Sind das Ihre Frau und Ihr Kind?« fragte McCoy.
Der kahlgeschorene Mann, der nun die schwarz-weiße Kleidung der Todeskandidaten trug, antwortete nicht. Doch dann erhob er sich und kam zur Gittertür der Zelle. In gutem Englisch, mit melodisch klingendem arabischen Akzent sagte er überraschend höflich: »Ich hoffe, Sie wollen nicht noch in letzter Minute einen Christen aus mir machen, Reverend?«
Der Seelsorger schwieg, bevor er erwiderte: »Vielleicht bin ich einfach nur ein neugieriger Mensch. Sie sind nämlich der erste Mohammedaner, den ich in dieser Situation erlebe.«
Der Mann hinter den Gittern hielt das Foto hoch und sagte:
»Das waren meine Frau und mein Kind, Reverend – christliche Amerikaner haben die beiden umgebracht ...«
Der Seelsorger erschrak. Er wartete darauf, daß der Gefangene fortfuhr, aber der wechselte abrupt das Thema: »Da Sie schon mal hier sind, Reverend: Was ist Ihre persönliche Meinung – gibt es ein Leben nach dem Tod?«
Reverend McCoy hatte diese Frage schon oft von Männern in der Todeszelle gestellt bekommen, doch er antwortete so langsam, als überlege er noch, als suche er noch nach den richtigen Worten: »Es gibt nach meiner christlichen Überzeugung ein Leben nach dem Tod – vorausgesetzt, man hat in diesem Leben trotz allen persönlichen Leids seinen Frieden mit Gott geschlossen!«
Hussein Ali Bakir lächelte flüchtig.
Bevor er sich abwandte und in die Zelle zurückging, sagte er:
»Ich habe mehr für meinen Gott getan. Ich habe Krieg für ihn geführt ...«
Im Büro des Gefängnisdirektors schlürfte Victor Meller einen dünnen Kaffee, den man ihm aus der Anstaltsküche gebracht hatte. Er hatte seine schwarze Kapuze auf die Schreibtischplatte gelegt.
»Superintendent, warum ist die Exekution diesmal so überstürzt angesetzt worden?«
Trugger antwortete, er habe erst vor wenigen Tagen Anweisung bekommen, die Hinrichtung so schnell wie möglich zu organisieren. Sie sei ursprünglich erst für den nächsten Monat geplant gewesen. »Die Hintergründe werden wir gleich erfahren, Mister Meller. Ich erwarte nämlich hohen Besuch aus Washington.«
»Um was für einen Mann geht es eigentlich«, fragte Victor Meller.
Trugger blätterte in einer bereitliegenden Aktenmappe und reichte ein paar Fotos über den Tisch. Sie blieben unter dem kleinen Sternenbanner liegen, das auf seiner Schreibtischplatte stand. Die üblichen Farbbilder des Erkennungsdienstes zeigten frontal und im Profil einen gutaussehenden jungen Mann mit beinahe langweiligem, ebenmäßigem Gesicht: große Augen, eine gerade Nase, braunes, gewelltes Haar. Alter: etwa Mitte Zwanzig. Eine kleine rote Narbe zwischen den beiden Augenbrauen war das einzige besondere Kennzeichen. Und ein auffallend weicher Mund unter einem gepflegten Schnauzbart. Vor der Brust mußte er auf den Bildern das Schild mit seiner Gefangenen-Nummer halten: FLA DOC A 086590.
Der Henker sagte: »Ein netter junger Mann.«
»Sehr nett«, antwortete Superintendent Trugger, »er heißt Hussein Ali Bakir. Ein Mörder, Flugzeugentführer, Geiselnehmer und Erpresser. Wahrscheinlich der gefährlichste Terrorist, der je hinter amerikanischen Gittern gesessen hat.«
»Ein Araber?«
»Ein Libanese. Ein Schiit, einer von diesen religiösen Fanatikern, die glauben, dieser verrückte Chomeini sei der neue Herrgott auf Erden. Er war der Chef eines Selbstmordkommandos. Er wollte unbedingt für Allah sterben.«
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