Ebenso wie Pflanzen und Tiere suchte er den Menschen zu erforschen. Er dachte nach über den Traum, bemerkte, dass man seltener von Gerüchen als von Gestalten und Farben träume und suchte das zu deuten, er glaubte, dass es prophetische Träume gebe, zweifelte aber, ob man sich darauf verlassen könne. Er war überzeugt, dass Mensch und Tier durch die Eigenart des geografischen Ortes beeinflusst werden, und meinte, dass die Germanen wegen der größeren Kälte ihrer Heimat groß, stark, mutig und ursprünglich ungeschickt zum Studieren seien, dass sie aber, wenn sie es einmal beginnen, mehr ausdauerten als andere. Als Beispiel führte er die Mailänder an. Von den romanischen Völkern sagte er lobend, dass sie die schöne Mitte bilden zwischen der Wildheit des Nordens und der Weichlichkeit des Südens. Er beobachtete, dass die Bergbewohner häufig »knotige, skrophulöse Hälse und Schlünde haben« und führte die Auswüchse auf das Wasser zurück. Dass die Physiognomie die herrschende Naturanlage des Menschen anzeige, glaubte er, aber nicht immer und nicht mit Notwendigkeit. Die Gegend an den Polen hielt er im Allgemeinen für unbewohnbar wegen der Kälte; gebe es aber dort Tiere, so müssten sie große, fleischige Körper haben, damit die Kälte sie nicht so schnell durchdringe, und ihre Farbe müsste weißlich sein. Die andere Hälfte der Erde sei bewohnt, meinte er; wenn noch keiner der Bewohner zu uns gekommen sei, so liege das an der Größe des dazwischen ausgebreiteten Ozeans.
Wenn Albert die Natur aus sich selbst und ihren eigenen Bedingungen zu verstehen suchte, so sah er sie doch nie als etwas von Gott Geschiedenes oder Gott Entgegengesetztes an, sondern als von Gott erfüllt. Er glaubte fest an die Unsterblichkeit der Seele, und zwar der Einzelseele eines jeden. Heftig bekämpfte er die Ansicht der Araber, dass die Menschheit nur eine Seele habe, die nur durch die Körper individualisiert werde. Jede Seele, meinte er, sei unmittelbar von Gott erschaffen; da sie wesentlich vom Körper verschieden sei, nehme sie am Tode desselben nicht teil. Die Seele ist nach ihm die Form des Körpers und das Prinzip der Bewegung.
Fast noch bedeutsamer als das, was von Alberts philosophischer und naturwissenschaftlicher Wirksamkeit berichtet wird, sind die Sagen, die im Volke über ihn umgingen. Sie knüpfen zum Teil an mechanische Versuche, die er wohl wirklich angestellt hat. Einmal, so heißt es, habe sein Schüler Thomas von Aquino in seiner Abwesenheit die geheime Zelle betreten, wo er zu feilen und zu drechseln pflegte. Dort habe er allerlei ihm unbekannte Instrumente und Apparate und ein seltsam gestaltetes Tier und in einer Ecke einen feuerroten Vorhang gesehen. Da er es nicht habe lassen können, den Vorhang zurückzuschlagen, habe er ein wunderschönes Frauenbild erblickt, das ihn mit magischer Gewalt gefesselt habe. Das habe ihm zugerufen: Salve! Salve! Salve!, worüber er so entsetzt gewesen sei, dass er einen Stab genommen und darauf geschlagen habe. Unter wunderlichem Klirren und Stöhnen sei es zusammengebrochen. »Thomas«, habe der eben eintretende Albert ausgerufen, »was hast du getan? Das Werk dreißigjähriger Mühe hast du vernichtet.« Auch als Bischof von Regensburg soll er in dem Schlösschen Donaustauf, wohin er es liebte, sich zurückzuziehen, ein Laboratorium gehabt haben, wo er geheime Künste trieb. Womit er sich dort beschäftigte, kann man daraus schließen, dass er gelegentlich davon sprach, wie man durch Dampf das Entstehen eines Erdbebens veranschaulichen und dass man einem darauf bezüglichen Apparat die Gestalt eines blasenden Menschen geben könne. Indem er erzählte, Dädalus habe nach der Überlieferung aus Holz ein Minervabild gemacht, das beweglich gewesen sei und gesungen habe, erklärt er, auf welche Art sich das bewerkstelligen lasse. An den Besuch des Königs Wilhelm von Holland in Köln knüpft sich die Sage, wie Albert ihn und sein Gefolge im Dominikanerkloster empfing und sie einlud, im Klostergarten ein Mahl einzunehmen, wie den ungern Eintretenden statt des gefürchteten Frostes warmer Sommer, Blumenduft und Vögelgesang entgegenblühte, und wie Albert seine Gäste mit köstlichem Wein, jeden mit dem gewünschten, bewirtete. Die Zauberkunst, Menschen anzuziehen, übte Albert tatsächlich an dem jungen König aus, der sich von ihm, um seinen Umgang länger zu genießen, nach Utrecht begleiten ließ und ihm dort für seinen Orden ein schön gelegenes Haus schenkte. Medizinische Studien Alberts mögen der Sage zugrunde liegen, dass er einen Becher besessen habe, mit dem, bald mit Wasser, bald mit Wein gefüllt, er alle Kranken geheilt habe. Wenn es ferner heißt, dass er die Tochter des Königs von Frankreich durch die Lüfte nach Köln entführt habe, dass er auf dem Rücken des Teufels nach Rom geritten sei, um den Papst von einer Sünde abzuhalten, dass er sich von Gott erbeten habe, einige Tage im Fegefeuer zubringen zu dürfen, damit er auch diese Region kennenlerne, nachdem er auf Erden alles erforscht habe, glaubt man nicht wiederum aus Nebelgewölk die Gestalt Fausts auftauchen zu sehen? Aus dem Schoße des Volkes ringt sich ein deutsches Urbild los, der Himmelhochstrebende, Unersättliche, Niebefriedigte, auf den ein flackernder Schein aus der Hölle fällt. Wie neben Gottvater beinah kameradschaftlich der Teufel steht, so steht er auch neben dem genialen Menschen, halb mächtiger Gegengott, halb betrogener Kobold. Im Bunde mit dem Teufel selbst erscheint der Verwegene doch nicht schuldig, solange er kämpft und strebt und die Götterkraft in sich fühlt, den Bösen zu überwinden.
Wenn Albert nicht wie Goethes Faust wünschte, dem Meere Land abzugewinnen, um mit freiem Volk auf freiem Boden zu stehen, so beschützte er doch die Rechte und Freiheiten des Volkes so viel er konnte. Als Erzbischof Konrad von Hochstaden mit der Stadt Köln in einen schweren Streit geriet, gelang es Albert zweimal, eine Vermittelung herbeizuführen, wobei jedem das Seine gegeben wurde, was bei der Masse verwickelter Rechtsfragen und übergreifender Ansprüche außerordentlich schwierig war. Das Vertrauen, das beide Teile in Alberts Gerechtigkeitsliebe, Unbestechlichkeit und Sachkenntnis setzten, lässt seinen Charakter im schönsten Licht erscheinen. Bei der Sühne, der die verhängnisvolle kriegerische Auseinandersetzung folgte, fehlte seine Mitwirkung. Auch in Würzburg wurde er bei einem Streit zwischen Bischof und Bürgerschaft zur Vermittlung herangezogen und hat sie nicht versagt. Gerade diese Teilnahme an wichtigen öffentlichen Akten zeigt die frische Tätigkeit des gelehrten Dominikaners und seinen unbefangenen Sinn für die weltlichen Lebensverhältnisse.
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