Es ist anzunehmen, dass das Verhalten Rudolfs gegen die Juden und gegen den Rabbi finanzielle Gründe hatte; er forderte für die Freilassung desselben ein bedeutendes Lösegeld, das die Juden nicht zahlen konnten, oder das der Rabbi, wie erzählt wird, ihnen zu zahlen verbot. War die Judensteuer von jeher eine wichtige Einnahmequelle für die Könige gewesen, so war sie es umso mehr für Rudolf, der zerrüttete Verhältnisse ordnen musste und der überhaupt Nachdruck auf die finanzielle Seite seines Amtes legte. Die Umstände waren so, dass er es tun musste; aber es scheint auch seine Anlage so gewesen zu sein, dass er es tun konnte. Auch die Art, wie er die Hand seiner Kinder zu politischen Zwecken ausbot und vergab, hatte etwas von der Geschäftigkeit eines Handelsmannes, selbst wenn man in Betracht zieht, dass fürstliche Ehen niemals zum Vergnügen geschlossen wurden. Er hatte drei Söhne und sechs Töchter; mancher hätte das viel gefunden, allein Rudolf hätte weit mehr verwerten können. Dennoch reihte er sich seinen Vorgängern würdig an, königlich in der Erscheinung, königlich in der Haltung. Er war sehr groß und sehr schlank; das, und der kleine Kopf, die schmalen Hände und Füße, die Adlernase gaben ihm etwas Aristokratisches. Sein Humor und seine Schlagfertigkeit machten ihn beim Volke beliebt, aber er fand auch, wenn die Gelegenheit dazu war, klangvolle Königsworte. Als er in Frankfurt die Huldigung entgegennahm und das Zepter fehlte, ergriff er ein Kruzifix und sagte: »Seht, das Zeichen, in welchem wir und die ganze Welt erlöst worden sind, das soll unser Zepter sein.« Und wenn er bei der Krönung gelobte, »ein Schirmer des Landfriedens zu sein, wie ich bisher ein unersättlicher Kriegsmann gewesen bin«, so war das kein leerer Redezierat, sondern er empfing die Würde, die ihm zugefallen war, als Verantwortung und Vertiefung seiner Lebensauffassung. Der Ritt des dreiundsiebzigjährigen Kaisers, dem die Ärzte gesagt hatten, dass er nur noch kurze Zeit zu leben habe, von Germersheim nach Speyer, damit, wie er sagte, niemand ihn dahin zu führen brauche, wo seine Vorfahren ruhten, wurde von den bewundernden und wissenden Augen eines dankbaren Volkes begleitet und ergreift uns noch heute. Es war der 14. Juli 1291; am folgenden Tage starb er.
Kaum ein Kaiser hat es sich so sauer werden lassen wie Rudolf von Habsburg; man glaubt es von den Linien abzulesen, die sein melancholisches Gesicht durchfurchen. Was ihm fehlte, war die umfassende Bildung, die überlegene Geistesfreiheit der Staufer und war vielleicht mehr als alles die blühende Zeit, die jene trug. Das Reich, dass er kaiserlich vertreten sollte, war keine Weltmacht mehr, der Adler war gerupft und ein etwas schäbiger Vogel geworden. Der Papst und die Fürsten hatten ihn heruntergebracht, und beide wachten darüber, dass der Kaiser ihn nicht wieder schwungkräftig mache. Wenn das Volk Friedrich II. zurückwünschte, der als Person viel weniger volkstümlich gewesen war als Rudolf von Habsburg, viel weniger für Ordnung und Recht gesorgt hatte, so war es, weil die Kaisermacht als solche zu Friedrichs Zeit viel ansehnlicher gewesen war und alle dunkel fühlten, dass sie es nicht mehr war und nie mehr werden würde. Einen mächtigen Kaiser aber wollte das niedere Volk, einen Kaiser, der die Grenzen nach außen und im Inneren den Frieden erhielte, der über den Ständen stehend, einem jeden an Rechten und Freiheiten zuteilte, was ihm zukomme, der die Armen und Schwachen vor den Übergriffen der Großen schütze: Das Bild eines solchen Kaisers sah man an den Ratäusern und an den Toren, mit langem Bart und ernstem, sorgenvollem Antlitz, den Reichsapfel in der Hand, das Reichsschwert an der Seite, daneben der Adler mit herrischem Kopf und zermalmender Klaue, tödlich dem Räuber, dem fürstlichen und adligen wie dem niedriggeborenen. Ein solcher Richter an Gottes Statt, wie man ihn ersehnte, glaubte man gern, dass Friedrich gewesen sei. Da man sein fernes Grab nicht gesehen hatte, konnte man sich einbilden, er lebe noch und werde wiederkommen.
Friedrich II. war über hundert Jahre tot, als das Gedicht eines Meistersängers weissagte, wenn Streit und Krieg übergroß geworden wären, werde Kaiser Friedrich wiederkommen und seinen Schild an einen dürren Baum hängen, der dann erblühen werde. Er werde das Heilige Grab gewinnen, werde das Recht wiederherstellen, er werde nur den siebenten Teil der Pfaffen bestehen lassen, die Klöster zerstören und die Nonnen verheiraten, dass sie Wein und Korn bauten; dann würden gute, glückliche Jahre kommen. Es waren Wünsche aus dem Herzen des niederen Volkes. Aus solchen Kreisen war auch der falsche Friedrich gekommen, kamen auch die meisten seiner Anhänger und diejenigen, die nach seinem Tode dieselbe Rolle zu spielen versuchten. Einer von ihnen, der behauptete, er sei aus der Asche des vor Wetzlar Verbrannten erstanden, wurde in Utrecht erhängt, ein anderer in Lübeck ertränkt. Im Jahre 1295 wurde in Esslingen der letzte falsche Friedrich verbrannt.
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