Unaufgeklärt blieben fast alle die näheren Umstände, die mit diesem Zwischenspiel verbunden waren. War der Fremdling wirklich Tile Kolup? Was hatte ihn zu dem gefährlichen Abenteuer verleitet? Hatte ihn ein Wahn ergriffen, weil er dem Staufer ähnlich sah? Oder war er von den Feinden Rudolfs gedungen, die seinen Wahn oder seinen Ehrgeiz und seine Geldgier benützten? Woher hatte er die Geldmittel, die sein Auftreten ermöglichten?
Wäre er nichts als ein Abenteurer gewesen, brauchte man seiner nicht zu gedenken. Aber er war etwas ganz anderes: er war eine Vision, die aus der Zerrissenheit der kaiserlichen Zeit aufstieg, der Adler, von dessen Schwingen Kaiserblut tropfte. Der Scheiterhaufen, den Rudolf vor Wetzlar anzündete, verzehrte mit dem Leib des alten Träumers das unwiederbringliche Heldenzeitalter des Reiches, er war ein Symbol wenigstens dieses Unterganges.
So war es gewiss nicht, als sei Rudolf ein unwürdiger Nachfolger der Staufer gewesen, als habe er durchaus andere Bahnen eingeschlagen. Rudolf von Habsburg, der persönliche Anhänger Friedrichs II., der auch seinem Sohn und Enkel treugeblieben war, folgte in der Art, das Reich zu verwalten, der Methode, die Friedrich II. in Sizilien angewandt hatte, soweit das im Reich möglich war, das heißt er versuchte die königliche Macht zu verstärken und durch Leute in beamtenähnlicher Stellung zu verwalten. Er leistete in dieser Hinsicht eine überaus mühevolle und verdienstvolle Arbeit. Die bedeutende Masse des Königsgutes, das die Staufer besaßen, war von den Päpsten, die das eigentlich gar nichts anging, der Habgier der Fürsten preisgegeben. Gesichert durch päpstliche Autorität, raffte jeder so viel er konnte, das meiste, nämlich Österreich, Steiermark, Kärnten, Krain, die Windische Mark und das Egerland, nahm Ottokar von Böhmen. Bayern nahm die Oberpfalz, der Bischof von Worms Burg und Stadt Wimpfen, der Bischof von Basel Rheinfelden und Breisach, der Graf von Jülich Düren, der Graf von Nassau Wiesbaden, andere anderes. Die Verblendung Ottokars und der Hass des österreichischen Adels, den er sich durch ein straff zentralisiertes Regiment zugezogen hatte, sowie die Feindschaft des Erzbischofs von Salzburg und des Patriarchen von Aquileja, die sich durch das neu entstehende böhmisch-österreichische Reich beeinträchtigt fühlten, ermöglichten es Rudolf, Ottokar zu besiegen und sich in Besitz der entfremdeten östlichen Länder zu setzen. Mit einer Urkunde vom 27. Dezember 1282 belehnte er seine Söhne Albrecht und Rudolf mit den Ländern Österreich, Steiermark, Krain und Windische Mark und erhob sie zugleich in den Fürstenstand; ein höchst denkwürdiges, folgenschweres Ereignis. Auch damit führte er aus, was Friedrich II. geplant hatte. Seine Absicht, das Herzogtum Schwaben wiederherzustellen, das den Staufern entrissen war, glückte nicht; doch vergrößerte er sein Eigen zwischen Aare und Reuß und die Besitzungen seines Hauses im Elsaß und am Oberrhein. Gründete er sich eine Hausmacht, die dem König zugute gekommen wäre, wenn er die Nachfolge seiner Söhne und Enkel hätte durchsetzen können, so unterließ er doch auch nicht, entwendete oder verpfändete Königsgüter und Königsrechte wieder an das Reich zu bringen; doch musste das zum Teil an den Verpflichtungen scheitern, die er den Fürsten und ganz besonders den Wahlfürsten gegenüber hatte; denn diese fingen damals an, sich ihre Stimmen ausgiebig bezahlen zu lassen. Zur Verwaltung von Reichsgut setzte er Landvögte ein, die er zugleich als Landfriedensbeamte verwertete. Soweit es die Rücksicht auf die Fürsten erlaubte, hob er auch die ungerechten Zölle auf.
Wenn Rudolf in der Verwaltung an die Staufer anknüpfte, wich er ganz von ihnen ab in seinem Verhalten zum Papst. Die Niederlage der Kaiser in ihrem Kampf mit dem Papsttum war so entschieden, dass er nicht anders konnte als sie anerkennen und sich von ihrer Politik förmlich lossagen, indem er auf Sizilien verzichtete. Damit war die Möglichkeit friedlichen Zusammenwirkens zwischen Papst und Kaiser gegeben, wie es die mittelalterliche Anschauung eigentlich erforderte und wie es einst Kaiser Lothar durch Zugeständnisse erreicht hatte. Wenn Rudolf die Kaiserkrönung in Rom nicht erlangte, so lag das nicht daran, dass er ihren Wert unterschätzt, sie nicht aufrichtig angestrebt hätte. Während seiner Regierung wechselte fast regelmäßig ein italienischer Papst mit einem französischen ab, entsprechend der Parteiung unter den Kardinälen. Alle die italienischen Päpste, wie leidenschaftlich sie auch unter Umständen einen deutschen Kaiser bekämpften, gingen doch davon aus, dass ein Kaiser da sein und dass er deutscher Nation sein müsste; das war ein Stück ihrer Weltanschauung, abgesehen davon, dass sie mit einem deutschen König am ehesten fertig werden zu können glaubten. Die französischen Päpste waren im Grunde gar keine Päpste, sondern französische Geistliche, die die Deutschen hassten und das Kaisertum an Frankreich bringen wollten. Hatte sich Rudolf eben mit einem italienischen Papst verständigt und war eben der Termin der Krönung festgesetzt, so machte ein französischer Papst alles rückgängig und türmte neue Hindernisse auf. Vielleicht, wenn Rudolf länger gelebt hätte, wäre er doch zum Ziele gekommen und dann, wie so mancher Kaiser in früherer Zeit getan hatte, entschiedener aufgetreten, hätte vielleicht sogar den Verzicht auf die Romagna, die er auf päpstliches Drängen abgetreten hatte, zurückgenommen. Dass er seine Stellung dadurch verbessert hätte, ist nicht anzunehmen; zu einem ernsten Aufschwung der Kaisermacht waren keine Kräfte mehr zu schöpfen. Am meisten beleidigt das deutsche Empfinden, dass Rudolf dem Papst zu Gefallen eine seiner Töchter einem Enkel Karls von Anjou verheiratete. Als die Königin bald nach Vollzug dieser traurigen Ehe noch nicht fünfzigjährig starb, schrieben es viele dem Gram über eine solche Erniedrigung zu.
Die Veränderung, die stattgefunden hatte, zeigte sich in der Behandlung der Juden. Schon zurzeit Friedrichs II. war der Ausdruck Kammerknechte auf sie angewandt worden, was damals nur besagen sollte, dass ihre Abgaben, da sie unmittelbar unter dem König standen, der königlichen Kammer gehörten. Jetzt wurde er in dem Sinne gebraucht, als wären sie Sklaven des Königs, und als mit solchen verfuhr man mit ihnen. Als im Jahre 1286 eine Anzahl von Juden aus den rheinischen Städten, darunter ihr berühmtester Gesetzeslehrer, Rabbi Meir ben Baruch, nach Syrien auswandern wollte, zog Rudolf die Güter derselben ein und setzte den Rabbi, der unterwegs erkannt und festgehalten worden war, gefangen. Obwohl sich selbst Papst Nikolaus IV. für ihn verwendete, ließ der König ihn nicht frei; er ist nach ihm in der Gefangenschaft gestorben.
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