„Wie habe ich mich immer vorgesehen“, sagte sie wieder. „Oft habe ich gezittert und mir gelobt, dich nie wiederzusehen. Wenn ich dann aber wieder die Briefe von der Post holte und deine Handschrift sah, — dann war’s vorbei mit allen guten Vorsätzen. Ich mußte dann wieder zu dir gehen, ob die Beine wollten oder nicht. Mein Herz war stärker. Und er war immer so ahnungslos. Sag’ mal — hast du mich nie verachtet?“
„Rede doch nicht so etwas.“
„Nein, sage mir die Wahrheit.“
„Nie. Du bist wie ein Kind.“
Sie lachte unmerklich. „Ich und ein Kind.“
„Aber plage dich doch nicht jetzt damit. Es ist ja alles vorüber.“
Sie seufzte: „Das sagst du so. Vorüber ist eigentlich nichts im Leben. Die Erinnerung kehrt immer zurück. Und sie ist verkörpert in meinem Jungen.“
„Die Zeit wird alles verwischen, bei ihm und bei dir.“
Sie schwiegen eine Weile, dann begann sie wieder: „Ich möchte wohl wissen, was er mir getan hätte, wenn er dahintergekommen wäre.“
„Aber zerbrich dir doch jetzt nicht mehr den Kopf darüber. Freue dich lieber, daß er ahnungslos gestorben ist.“
„Das ist es ja eben. Die Aussprache zwischen uns hat gefehlt. Wir hätten einmal zusammenprallen müssen. Vielleicht wäre dann alles besser gewesen. Er hätte mir gewiß verziehen, wenn ich ihm meine innersten Gefühle geschildert hätte.“
Schwermut sprach wieder aus ihr; ihre Zuversicht war geschwunden.
„Weshalb hast du ihn geheiratet!“ stieß er unwillig hervor.
„Ja, das ist die große Frage. Weshalb heiraten wir Mädchen überhaupt? Wenn wir das selbst manchmal wüßten! Schließlich wollen wir nur versorgt sein und hoffen dabei immer auf das große Wunder.“
„Aber nun ist es ja gekommen“, unterbrach er sie in derselben ungemütlichen Weise wie vorher.“ Was philosophierst du denn noch?“
Sie seufzte aufs neue. „Wir malen uns die Wunder immer anders aus. Das ist gewöhnlich so im Leben; wenn sie dann da sind, gefallen sie uns nicht.“
„Das soll doch nicht etwa auf mich gehen? Dann Adieu. Mein ausführliches Beileid noch schriftlich.“
Er hatte es nicht ernst gemeint, denn er blieb, zugleich aber auch zurückgehalten durch Schmeichelworte von ihr, womit sie alles wieder gutmachen wollte.
„Das sind ja nur alles Redensarten, Dummheiten, die mir so in den Kopf kommen. So schnell gewöhnt man sich nicht an ein neues Dasein. Sei mir nicht böse, Geliebter!“
„Bald dein Verlobter.“ Er hatte übermäßig laut gesprochen.
„Um Gottes willen, sprich leise.“
„Wer sollte es denn hören? Die Toten schweigen.“
„Die Küchenfenster sind auf, sie sind hier dicht nebenbei.“
Er dämpfte seine Stimme, und sie tat dasselbe. Dann aber riß sie der Gegenstand der Unterhaltung wieder hin und sie sprachen laut wie zuvor.
„Heute darfst du dich nicht lange aufhalten, es könnte auffallen,“ sagte sie wieder, „aber morgen vormittags kannst du dreist kommen. Du bist eben mein Verwandter, der aus der Provinz gekommen ist.“
„Muß ich mich auch danach benehmen?“
Sie verstand ihn und ging auf den Scherz ein. „Es gibt doch auch in der Provinz Leute, die Allüren haben. Im übrigen wirst du deine Sache schon machen. Schick mir einfach morgen früh ein Telegramm, dann kann ich auch die Mädchen darauf vorbereiten. Es hat dich ja noch niemand gesehen; selbst Sophie nicht. Nun, daß ich sie heute einmal zu dir schickte, das geht sie gar nichts an. Dienstboten sind überhaupt Sache.“
„Was wird dein Junge zu dem neuen Onkel sagen?“
„Er wird sich freuen…“ Nach einer Weile fuhr sie fort:
„Weißt du … du könntest mich eigentlich im Café Bauer erwarten, in einer Stunde etwa. Dann nehme ich lieber nicht das Auto, und wir erledigen alles gemeinschaftlich. Willst du? … Wenn nur der Arzt erst hier wäre! Ich werde jetzt wirklich nach dem ersten besten schicken. Hier um die Ecke hat sich ja einer niedergelassen. Nun komm aber, ich will dir einmal die Polizze zeigen. Das muß morgen gleich zuerst erledigt werden. Nicht wahr, du bist so gut und schreibst dann sofort. Wo sind denn nur die Schlüssel zu seinem Schreibtisch? Warte — er hatte sie immer am Nachttisch liegen. Hier sind sie. Es muß auch ein Testament da sein. Entweder hier oder auf dem Gericht. Er war ja immer die Ordnung selbst. Nun komm.“
Er hörte aber nicht drauf. „Was wird nun, wenn alles vorüber ist?“ fragte er wieder. „Du mußt doch ans Reisen denken.“
„Wir wollten ja fort, alles war ja schon besprochen. Der Junge bekommt ja bald Ferien. Dann wollten wir an die See. Er selbst hatte es diesmal so verordnet, Hansens wegen. Und ich wäre so gern ins Gebirge gegangen. Da hätte sich der Junge ebenso gut erholt. Die See ist mir zu langweilig.“
„Jetzt kannst du ja machen, was du willst.“
„Die Sache mit der Lebensversicherung muß doch erst geordnet werden.“
„Ach, das wird schnell gehen“, wandte er ein.
„Ich kann mich doch nicht mit dem ganzen Geld schleppen. Das muß doch wieder untergebracht werden.“
„Das geht schneller als du glaubst. Geld nimmt man immer gern. Er hat doch seinen Bankier.“
Sie seufzte: „Ach, ich weiß ja gar nicht, wie diese Dinge stehen. Darüber sprach er selten. Es müssen Papiere vorhanden sein — Konsols oder so etwas. Es wird sich schon alles vorfinden. Lassen wir das nur jetzt. Du peinigst mich damit.“
„Wieso peinigen? Das sind doch nicht gleichgültige Dinge, — jetzt, wo du plötzlich allein stehst. Schlimm genug, daß er dich nicht in alles eingeweiht hat. Es kann ja ebenso gut gar nichts da sein.“
„Aber, so hör’ doch nur davon auf, denk’ doch nur an diese Stunde. Geldsachen waren immer fürchterlich.“ Wiederholtes Seufzen kam über ihre Lippen, während sie unruhig auf- und abschritt. Sie mußte unter diesen Fragen leiden, die ihr mein Bild wieder lebendig machten.
„Mit dreißigtausend Mark kommt man nicht weit“, fuhr er unbeirrt fort.
Sie schwieg. Eine Pause der Beklemmung trat ein, die nun beide durch denselben Gedanken ausfüllten, den er aber rasch aufgriff. „Das heißt, du hast mich ja noch.“
„Wer weiß auch.“ Diesmal hörte sich ihr Seufzen wie ein leises Stöhnen an, aus dem der Zweifel wie ein Schmerz sprach.
„Weißt du,“ sagte er, indem er unvermittelt wieder auf die Reise zu sprechen kam, „ihr geht diesmal nach Tirol, und wir treffen uns dort. Ganz unauffällig. Oder besser noch — ich erwarte euch dort.“
„Nein, nein, das geht nicht — um keinen Preis. Da wimmelt es ja von Berlinern.“
„Ach, du Dummchen — es gibt verschwiegene Nester, wo sich kein Teufel um uns bekümmert. Wir müssen eben unsern Plan machen.“
„Nein, aber das geht nicht“, warf sie nochmals ein. „Wir dürfen uns eine Zeitlang nicht sehen. Vergnügen hätten wir ja doch nicht, die Trauer stünde immer dazwischen.“
„Ach, das ist ja äußerlich. Geliebt hast du ihn ja doch nie.“
„Du bist unbändig in deiner Leidenschaft. Manchmal fürchte ich mich vor dir. Deshalb wäre es gut, wenn ich einmal ganz allein mit meinem Jungen bliebe.“
„Du würdest dich ja riesig freuen, wenn ich plötzlich auftauchte.“
„Diesmal nicht, ich schwöre es dir.“
Er verschluckte ein Lachen. „Was sind Weiberschwüre! Chloroform der Seele. Der Körper bleibt hübsch munter, und die Sinne opfern nach wie vor.“
„Weißt du, du bist ein Scheusal!“
„Aber doch ein süßes, das bitte ich mir aus.“
Ihr Widerspruch war nicht mehr so lebhaft. Sie schien es aufzugeben, gegen seine Überlegenheit zu kämpfen, unter der sie sich scheinbar machtlos fühlte. Vielleicht reizten sie seine Lockungen, vielleicht empfand sie die Wahrheit in seinen Worten, daß sie doch mächtige Sehnsucht nach ihm empfinden würde und ihn dann vergeblich rufen müßte.
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