Mir fiel gar nicht ein, daß es ein Weib sein könnte. Es gibt gewisse Dinge, die uns instinktiv das Richtige ahnen lassen. Doktor Schopp konnte es nicht sein, denn dann hätte sie einfach den Namen genannt. Dasselbe wäre der Fall gewesen, wenn sie jemand aus den uns bekannten Familien hergebeten hätte. Es mußte also eine Person sein, die auch Lina bisher unbekannt geblieben war, die etwas Unbekanntes umgab, auf das sie jetzt nicht mehr Rücksicht zu nehmen brauchte.
Mein brütendes Gehirn wollte eine harmlose Lösung geben. Vielleicht war es ein ganz gleichgültiger Mensch, der ihr plötzlich ins Gedächtnis gekommen war, vielleicht ein entfernter Verwandter, einer von denen, deren man sich nur bei ganz besonderen Gelegenheiten erinnert. Und indem ich dieser Möglichkeit Nahrung gab, grollte ich ihr, daß sie mich, der ich stets offen zu ihr war und ihr mein ganzes Leben geschildert hatte, bisher im Unklaren darüber gelassen hatte.
War er reich, so hätte er sich meiner nicht zu schämen brauchen; war er arm, so hätte ich ihm sicherlich nützen können. Während der Jahre unseres Zusammenlebens mußte sie Gelegenheit gefunden haben, meine Güte in dieser Hinsicht kennen zu lernen.
Dann aber ließ ich diese Möglichkeit wieder fallen. Ich erinnerte mich, oftmals von dem Sanitätsrat gehört zu haben, daß seine Nichte ganz allein stünde, wenn er einstmals die Augen schließen würde. Und deshalb war er beruhigt, als er sie versorgt sah.
Der schlimme Gedanke kam wieder, er verfolgte mich gleichsam wie etwas Störendes, das das reine Denken trübt und immer aufs neue zurückkehrt.
Aus dieser Selbstpeinigung wuchs eine fixe Idee heraus, die meiner Einbildung den weitesten Spielraum gab. Ich sah plötzlich fremde Augen auf mich gerichtet, gegen die ich mich nicht wehren konnte. Etwas wie Haß regte sich in mir, vermischt mit heimlicher Wonne, die Seelen der Menschen num nackt zu sehen. War das Sterben nur dazu da, Enthüllungen entstehen zu lassen, worüber der Abgeschiedene nicht mehr richten konnte. Abermals verspürte ich das furchtbare Drängen nach Bewegung, Licht und Worten; und wiederum empfand ich die Angst vor dem Unbegreiflichen, das in meinem Gemüte Ahnungen wie heraufziehende Nachtwolken schuf.
Die Uhr des Kirchturms ließ zwei Schläge erschallen, die wie verweht herüber klangen. War es halbelf oder halbzwölf? Oder vielleicht noch später? Wie lange lag ich schon? Es wurde mir schwer, dies festzustellen, denn hin und wieder, wenn meine Sinne sich schärften, war es mir, als hätte ich minutenlang ohne Bewußtsein gelegen. Das wiederholte sich mit Unterbrechungen. Es war mir, als gingen über mein stilles Brüten Schlummerwellen, die mich sanft einlullten und mich jeder Einwirkung des Erdengeräusches enthoben.
Dann träumte ich wirklich; und wirklich, es war nichts Beklemmendes, das meine Seele umfing. Herrliche und schöne Träume waren es, oder eigentlich Träumeleien, kleine Übergänge vom Wachen zum Schlaf, die sozusagen an meiner Gefühlswelt vorüberhuschten. Ich verglich sie mit Oasen in der Wüste meines Zustandes, hervorgezaubert von der Schicksalsfee, die mir in dieser entsetzlichen Stunde ihr Mitleid schenken wollte.
Bald sah ich das unendliche, blaue Meer, dessen Farbe mich erfrischte und eine tolle Sehnsucht in mir erweckte; bald sah ich eine Fülle rosenroter Wolken vor mir schweben. Dann war es ein Waldidyll, in dem eine Quelle floß, helles durchsonntes Grün das Auge erquickte und hundertstimmiger Gesang der Vögel das Ohr betörte.
Dann wieder glaubte ich einen Einblick ins Paradies zu haben, mit allen den einfältigen Vorstellungen der Kinderzeit. Ich sah die Urtiere, die ersten Menschen, riesige Blattpflanzen, und plötzlich den Engel mit dem flammenden Schwert, der Adam und Eva den Zorn Gottes fühlen ließ. Violetter Dunst verhüllte zuletzt alles; ein prächtiger Bergkegel stieg aus ihm empor, der Feuergarben nach allen Seiten sprühen ließ.
Abermals entstand ein anderes Bild. Eine saftige Wiese dehnte sich vor meinen Augen, auf der langstielige Glockenblumen, sanft vom Winde angeweht, sich hin- und herwiegten. Die Kelche wuchsen sichtbar, während die Stengel immer kleiner wurden. Blühende Mädchenleiber entstanden aus den bunten Blumenkronen; sie warfen sich Kußhändchen zu, entstiegen ihrem Thron, pflückten Blümlein und wanden sie zu Kränzen. Dann tanzten sie einen Reigen, verschämt und stolz, ihre Bewegungen wurden lebhafter, bis sie in einem tollen Wirbel verschwanden.
Die Erde öffnete sich und ich sah einen schneeweißen Abgrund, in dessen Tiefe purpurfarbene Wolkenringe schwammen. Ich folgte einem unwiderstehlichen Locken, stieg hinab auf weichen Sohlen, die keinen Schall von sich gaben. Und als ich tief unten stand und nur die Öde mich umgab, senkten sich die Wolkenringe auf mein Haupt, zogen sich immer dichter um meinen Leib zusammen und trugen mich wieder sanft nach oben, wobei ich schaurige Wonne empfand.
Es war wie ein großes, herrliches Wanderpanorama der Seele, das an mir vorüberzog.
Aus einer dieser Minutentäuschungen erwachend, hörte ich sonderbares Gemurmel an meinem Bette, aus dem sich erst allmählich abgebrochene Worte herausrangen. Es kam mir wie das Gebet eines Mannes vor, der mit unterdrückten Lauten seine Andacht verrichten wollte. Zuerst glaubte ich, es wären zwei im Zimmer, denn zeitweilig hörte sich das Selbstgespräch wie die Beantwortung der Frage eines anderen an. Dann aber erkannte ich die Stimme des alten Kutschers des Sanitätsrates, der sich durch irgendeinen Umstand eingefunden hatte.
„Nun sind wir gewissermaßen noch verlassener, Herr Doktor“, sagte er im Pluralis majestatis, der seiner Sprechweise immer eine komische Würde gab. Bisher hatten wir in dem Herrn Doktor immer noch einen guten Freund — gewissermaßen seit des Herrn Sanitätsrat Tod noch den einzigen. Nun ist’s auch damit vorbei. Der alte Anton wird den Herrn Doktor nicht vergessen, nein, das tun wir nicht. Wir haben den Herrn Sanitätsrat zwanzig Jahre lang gefahren, und den Herrn Doktor beinahe an die acht Jahre, und das immer, wie sich’s gehörte. Gewissermaßen ohne Angst vor der Polizei und mit Vorsicht. Laßt doch, das versteht ihr gar nicht, ihr andern! Ihr seht in dem Herrn den Feind, gewissermaßen den großen Brotkorb. Ich aber sah in dem Herrn Sanitätsrat und auch in dem Herrn Doktor die Menschen mit ihren Klagen. Gewissermaßen hatten sie auch ihre Sorgen, große und kleine. Sie hätten’s besser gehabt, als ich? Wer sagt das? Wieso sollten sie es? Sie sind beide tot, und wir leben noch. Gewissermaßen noch, obwohl unsere Knochen schon mürbe sind wie Zunder. Und die Beine versagen uns sogar den Dienst. Aber wir, Anton Puhl, leben doch und wenn wir unser Kreuz auch elend tragen, uns schmeckt doch ’s Essen noch. Gewissermaßen noch.“
Man hätte ihn für betrunken halten können, wenn nicht seine Sprechweise so zusammenhängend gewesen wäre. Leute, die viel mit Tieren zu tun haben, werden unwillkürlich zu derartigen Selbstgesprächen verführt; sie unterhalten sich mit den Geschöpfen und da diese stumm bleiben, gewöhnen sich ihre Freunde allmählich daran, sich selbst Rede und Antwort zu stehen. Die Anwesenheit der Tiere, die sie lieben, erweckt in ihnen das Bedürfnis zu Mitteilungen, was für sie etwas Befreiendes hat.
Wie oft hatte ich den Alten überrascht, wenn er sich beim Striegeln des Braunen im Stalle die seltsamsten Geschichten mit ihm erzählte. Und nun, nachdem er lange hatte geistig fasten müssen, holte er alles doppelt nach.
Er sprach weiter, immer in derselben Weise, bald geradezu, dann sich wieder unterbrechend, nach seitwärts, als spräche er schließlich vor einer großen Versammlung. Etwas Rührendes lag in dieser Ausdrucksweise, etwas mannhaft Offenes und zugleich Einfältiges, so daß ich ihm am liebsten die Hand gedrückt hätte.
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