Seine Stimme wurde immer leiser, bis sie ihm fast versagte: „Nun müssen wir Abschied nehmen, Herr Doktor, gewissermaßen für immer. Für meine Beine wird’s zu weit nach da draußen. Friede sei mit Ihrer Seele.“
Er schwieg. Ich hatte die Empfindung, als verrichtete er noch ein leises Gebet. Dann aber wurde er wieder lebhaft: „Ach, mein liebes Söhnchen, da bist du ja auch. Immer leise, still! Gewissermaßen schlafen die Toten nur. Und es wäre sündhaft, sie aufzuwecken. Denn selig sind, die im Herrn ruhen. Das wissen wir aus der Heiligen Schrift.“
Es war mein Junge, der sich wieder furchtsam näherte.
„Willst du das liebe Papachen noch einmal sehen? Recht so. Brauchst keine Angst zu haben. Die Toten sind besser als die Lebenden. Gewissermaßen ist das Wahrheit. Sieh nur, liegt er nicht da, als wenn er schliefe? Uns scheint es wenigstens so, als wollte er noch etwas sagen.“
Der Papagei sprach dazwischen, den jetzt erst der Alte erblickte. „Ei, sieh doch, das liebe Tierchen, will wohl auch Abschied nehmen.“
„So ist es, Vater Anton,“ erwiderte Hans zaghaft. „Vater hat ihn so lieb gehabt. Er saß so bedrückt in seinem Bauer, als wüßte er alles. Das macht, weil Vater heute noch nicht mit ihm gesprochen hat. Glauben Sie, daß solche Tiere das wissen?“
„Ob sie das wissen, mein Söhnchen! Wenn die Tiere nur erzählen könnten, was würden wir da zu hören bekommen. Gewissermaßen lauter Wahrheiten, wenn’s auch nur Neuigkeiten wären. Wir wissen das, denn wir haben unser Leben lang mit Tieren zu tun gehabt… Aber nun komm, mein Söhnchen, hier ist nicht der Ort zu solchen Gesprächen. Ich will der guten, lieben Mama noch die Hand küssen. Für das Essen, das ich in der Küche bekommen soll. Und alte Sachen hat sie uns auch versprochen. Sie ist so gut, wie das liebe Väterchen immer war. Gewissermaßen wird sie auch in den Himmel kommen dafür. Nun komm, du darfst sie heute nicht ärgern.“
Das alles brachte er in raunendem Tone hervor, als wollte er einen Schläfer nicht wecken.
Der Junge aber sträubte sich. „Erst muß ihn Jakob noch einmal sehen. Ganz nahe. Nimm du ihn, er beißt nicht, das weißt du ja.“
Plötzlich fing der Papagei an zu sprechen. Er verstand nicht viel, aber um so öfter wiederholte er immer wieder dasselbe: „Frau Doktor, wo ist Ihr Mann? …“ Das war eine der Plappereien, die ich ihm mit viel Geduld beigebracht hatte. Seine Stimme hatte etwas Menschliches; sie war weich und schmiegsam, mit einem singenden Zug, der an das Sprechen eines zarten Kindes erinnerte. Und als der Vogel jetzt „ja, ja“ hervorstieß, hatte ich fast die Empfindung, als müßte noch eine dritte Person anwesend sein.
„So schenk’ doch dem lieben Väterchen noch einen Kuß“, sagte mein Junge wieder. Das Tier sträubte sich nicht. Es verriet keine Angst, sprach nur fortwährend „ja, ja“ und ließ das Rauschen seines Gefieders dicht an meinem Gesicht wahrnehmen.
Plötzlich schallte die Stimme meiner Frau dazwischen. „Aber Hans, bist du nicht recht gescheit? Was machst du da? Bring’ das Tier weg. Sophie, gehen Sie doch mal schnell…“
Der ganze Widerwille sprach bereits aus ihr, den man gegen die unerlaubte Berührung mit einem Toten hat. Ihre sonst so glockenreine Stimme erschien mir hart, grausam, wie von einer kommend, die nie ihr Leben mit dem meinigen geteilt hatte. Nochmals wiederholte sie ihren Zuruf, strenger und abweisender als zuvor, so daß der Junge zu weinen begann. Er fühlte sich beleidigt und ging wimmernd von mir fort, begleitet von dem kreischenden Papagei, den man unsanft angefaßt haben mußte.
„Aber so hör’ doch, was Muttchen sagt“, versuchte ihn Sophie zu beruhigen. „Das Tier könnte ja krank werden, und dann wir andern auch.“
„Wovon denn? Mein liebes, gutes Väterchen tut doch keinem was.“
„Ach, das verstehst du noch nicht. Das brauchst du auch nicht. Du mußt nur gehorsam sein.“
Sie zog ihre Stimme beim Sprechen, so daß ihre Worte unendlich gleichmäßig vorkamen. Ich stellte mir wieder ihre Verschlossenheit vor, mit der sie den ganzen Tag emsig herumging, nur um ihre Arbeit zu verrichten und einsilbig zu antworten. Sie sagte nie zu viel, sprach aber stets treffend und sicher, was von der Schärfe ihres Verstandes zeugte.
Ich dachte, sie würde noch einmal zu mir zurückkehren, um mich allein zu betrachten, aber sie blieb im Nebenzimmer, dessen Tür noch immer geöffnet war. Ich hielt sie plötzlich für roh, bis ich mir einredete, sie könnte schon vor meinem Lager gestanden haben, ohne daß es mir bewußt gewesen wäre.
Anton hatte sich mit demütigen Beileids- und Dankesbezeigungen verzogen. Dann begann meine Frau wieder: „Haben Sie den Brief abgegeben, Sophie?“
„Ja, Frau Doktor. Eine Dame öffnete und sagte nur, daß es gut sei.“
„Schön.“
Sie wollte noch etwas hinzufügem, brach aber ab. Nach einer Pause fuhr sie fort: „Nun gehen Sie schnell aufs Telegraphenamt, und dann gehen Sie gleich ins Handschuhgeschäft mit heran. Es wird bis dahin auf sein. Ich habe keine schwarzen mehr. Bringen Sie mir gleich zwei Paar mit Sechseinviertel — kurze Finger … Hans, du kannst mitgehen, zieh’ dich rasch an!“ rief sie dann lauter. „Die Luft wird dir auch gut tun. Sophie wird dir helfen.“
Der Junge wollte nicht. „Ich gehe mit Sophie nicht gern“, gab er aus einem Nebenraum zurück. „Ich bleibe lieber hier.“
Die Mutter fuhr ihm laut über den Mund. „Wirst du wohl! — Wenn du nicht folgst, sperre ich dich im Sterbezimmer ein.“
Davon wollte der Junge nichts wissen. Ich merkte seiner Gegenrede die Angst an, die diese fürchterliche Drohung in ihm hervorrief. Sofort kam er bittend angeschlichen, und die Worte „Muttchen, liebes Muttchen, hab’ mich doch lieb“, perlten wie süße Schmeicheleien über seine Seele, wie immer nach derartigen kleinen Zänkereien.
Mit Sophie ging er allerdings nicht gern, weil sie für sein übermütiges Geplauder kein Verständnis hatte. Sie war zu wortkarg, was Kinder nicht vertragen können.
„Nun spute dich, Sophie kann dir auch einen Windbeutel kaufen.“
Er trampelte laut auf, immer ein Zeichen seines erwachenden Vergnügens, was ihm aber diesmal die Mutter mit einem raschen Zwischenruf verbot.
Trotzdem hielt Irma die beiden noch zurück. „Sehen Sie doch mal, Sophie,“ begann sie wieder, „steht mir der Trauerhut noch?“
„Vortrefflich. Frau Doktor halben sich ihn wohl umarbeiten lassen ?“
„Es ist noch der alte vom Begräbnis meines Onkels.“
„Wie lange sich doch so ’n Hut halten kann, Frau Doktor.“
„Man trägt ihn ja doch nur bei Gelegenheiten. Die Fasson ist jetzt wieder in Mode! Sie wissen doch — ich ließ ihn mir vor zwei Monaten neu garnieren, als Frau Theiß gestorben war. Dann konnte ich doch nicht mitgehen, weil ich erkältet war. Auch das Kleid ließ ich mir extra anfertigen.“
„Ja, ich entsinne mich, Frau Doktor. Es sitzt Ihnen noch wie angegossen.‘
„Ich kann mich also drin sehen lassen?“
„Aber Frau Doktor! Ihnen sitzt eigentlich alles. Sie haben die Figur danach.“
Abermals trat ein Pause ein. Dann sagte Irma wieder seufzend: „Wer hätte das gedacht, daß ich das nun noch alles verwenden könnte.“
„Sie müssen sich trösten, Frau Doktor“, gab Sophie zurück. „Es ist ja doch nur alles Bestimmung im Leben. Wie’s kommen soll, so kommt’s.“
„Meinen Sie? Sie haben immer eine Entschuldigung bereit. Darin bewundere ich Sie.“
„Das ist eine Art Selbsttäuschung, Frau Doktor, und das beruhigt. Wir Frauen sind ja nun doch einmal die Stärkeren, weil wir zäher sind.“
„Wie kommen Sie denn gerade darauf?“
Ihre weinerliche Stimmung war verschwunden, die sonderbare Unterhaltung hatte ihr wieder Festigkeit gegeben.
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