Die russische Geheimdienstorganisation in Schweden und die PLO hatten schon früher zusammengearbeitet, manchmal war der KGB Nabeela Rahmans Bank gewesen. Nun waren die Sowjets zum erstenmal ihr Arsenal. Sie hatte eine hervorragende «Waffe» bekommen: einen schwedischen Psychopathen, der alle Behörden, die für Recht und Ordnung sorgten, glühend haßte. Er hieß Leif Brisk, wohnte in Västerhaninge, war 39 Jahre alt und hatte eine Laufbahn in der Armee und bei der Schutzpolizei hinter sich. Er wußte nicht, warum er vor zwei Jahren entlassen worden war. Bald darauf geriet er in wirtschaftliche Schwierigkeiten, und sein Haß gegen die Behörden wurde immer stärker. So nahm er schließlich Kontakt auf zur sowjetischen Botschaft in Marieberg. Die wies ihn natürlich ab, aber gleichzeitig knüpfte der KGB freundschaftliche Bande zu Leif Brisk.
«Ist es sicher, daß er effektiv ist?» hatte Nabeela Rahman ihren russischen Kontaktmann gefragt.
Der KGB-Oberstleutnant hatte gegrinst.
«Natürlich ist Leif ein komischer Kauz, aber er hat im letzten Jahr in Schweden doch das eine oder andere angerichtet. Erinnerst du dich an den Staatsanwalt, der in tausend Stücke gesprengt wurde? Das Attentat auf den Gerichtsvollzieher in Västerås? Die Bombendrohung im Rathaus? Alles Brisk aus Västerhaninge!»
Es war nicht schwer, jemandem, der bereits eine Zielsetzung hatte, neue Anstöße und ein neues Ziel zu geben. Nabeela Rahman erzählte Brisk von Jörgen Blom und beschrieb ihn als einen der neuernannten Chefs in der Abteilung der Reichspolizeileitung, die sich um die vorbeugende Verbrechensbekämpfung kümmern sollte. Zu einer Zeit, in der die Massenmedien immer wieder von Polizeidezernaten, Razzien und Beschlagnahmen berichteten, kamen Leif Brisk keine Zweifel. Er nahm den Vorortzug bis zur Södra Station und spazierte zur Krukmakargatan, um sich mit dem Tatort vertraut zu machen. Er erwägte einen Schuß mit einer Panzerfaust direkt in die Wohnung hinein. Das Rohr der rückstoßfreien Waffe würde er an der Mauer, die den Sportplatz umgab, abstützen können. Dann betrat er das Haus Nr. 48. Sein russischer Freund hatte ihm die Ziffern 10013 für das Türschloß gegeben, den Briefträgercode für diesen Teil von Söder. 1 Brisk entschied, daß eine Bombe mit gerichteter Sprengwirkung vor der Wohnungstür trotz allem am effektivsten war, und er wußte alles über Bomben.
Mit dem Wetter hatten sie Glück gehabt – klare, kühle Luft, Sonne–, Tantolunden draußen vor dem Fenster leuchtete in den schönsten Herbstfarben. Jetzt hatte sich der Himmel bezogen, und sie waren gezwungen, häufiger in der Wohnung zu bleiben. Blom fuhr mit der U-Bahn nach Stureplan und kaufte bei Hedengrens Bücher für Tamara. Während sie sich mit Tom Sharpe amüsierte, spielte er Alton Purnell, Kid Thomas und Miles Davis. Tamara sagte, daß sie Schwedisch lernen wolle. Blom gab ihr Unterricht: ein Haus, mehrere Häuser, eine Maus, mehrere Mäuse, eine Leuchte, mehrere Jörgen Blom.
Tamara war Analytikerin in der Planungsabteilung des Mossad, Blom war im Büro B der spontane Tatmensch gewesen. Die Lust der Israelin, ständig alles in Frage zu stellen und zu diskutieren, machte ihn unsicher. Er wollte akzeptiert werden, wie er war, ob sie ihn auch verstand war zweitrangig, denn er hatte Angst davor, ihr nicht gewachsen zu sein. Er hielt sich für intelligent, aber nicht für intellektuell, Tamara war beides.
Blom war weder ungebildet noch ahnungslos, was die Außenpolitik anging, aber sein berufliches Interesse lag auf einer anderen Ebene als das von Tamara. Da die politischen und strategischen Probleme Schwedens und Israels sehr unterschiedlich waren, schienen ihre Anschauungen globaler zu sein als seine, andererseits überraschte sie hin und wieder durch ihre eingeschränkten, beinahe chauvinistischen Ansichten zu internationalen Fragen. Blom begann sich zu fragen, ob er denn niemals ein normales und harmonisches Verhältnis zu Frauen haben würde. Entweder störte er sich an Kleinigkeiten, Zahncremetuben, die in der Mitte umgeknickt worden waren, oder wie jetzt, an Tamaras ständiger Lust zu diskutieren. Trotzdem bewunderte er ihre Persönlichkeit und ihre Begabung, liebte ihren Körper und vermutlich auch ihre Seele.
«Bin ich dir eigentlich genug?»
«Ich beklage mich nicht, Jorgen.»
«Nein, das nicht, aber du jubelst auch nicht vor Begeisterung.»
«Du singst mir auch keine Loblieder.»
«Doch! Jedesmal, wenn ich dich streichele. So wie jetzt.»
«Ich juble auch, wenn ich dich so streichele.»
Sie jubelten und sangen zwanzig Minuten lang. Als er sich eine Zigarette ansteckte, wollte sie wissen, vor welcher ihrer Fragen ihm denn am meisten bange war.
«Jorgen, wann fängst du wieder an zu arbeiten?»
Leif Brisk benutzte Plastiksprengstoff für seine Bomben. Der war leicht zu beschaffen, es gab ihn in den meisten militärischen Depots, und deshalb wurde er auf den Straßen rund um Norra Bantorget verkauft. Mit Sprengteig zu arbeiten machte ihm Spaß, man konnte ihn wie Tonerde modellieren, und er roch sogar angenehm. Er wußte, welche Menge er brauchte, um die Wohnung in Krukmakargatan hochgehen zu lassen und wieder einen von denen aus der Räuberbande da oben unschädlich zu machen.
Brisk ging beim Herstellen seiner Bomben immer sehr sorgfältig vor, knetete die Sprengkapsel behutsam ein und befestigte sie außerdem mit Isolierband. Das Experimentieren machte ihm Freude, nicht nur der Abwechslung wegen, sondern weil seine Bomben immer effektiver werden sollten. Er hatte schon verschiedene Zünder ausprobiert, hatte mit Zündschnüren begonnen, mit Zündhütchen weitergemacht, mit ätzenden Säuren und mit Zeitzündern. Seit einem halben Jahr versuchte er es mit Funkfernzündern, auf diese Weise hatte man Francos Polizeiminister in Madrid in die Luft gesprengt. Funk war natürlich das Sicherste, man zündete seine Bombe selbst im richtigen Moment aus 200 Meter Entfernung.
Brisks neuer russischer Freund hatte ihm einen Radiosender und einen Mini-Empfänger beschafft, frequenzgesteuert auf 49000 MHz. Das waren Geräte! Der Empfänger war kleiner als eine Taschenuhr und hatte eine nadelfeine Antenne von 90 Millimeter Länge. Mit solchen Werkzeugen konnte er sich sicher fühlen, da machte die Arbeit erst richtig Freude, und jetzt konnte Brisk sich eingestehen, daß er Angst vor den chemischen Zeitzündern gehabt hatte.
Er steckte den Empfänger in den ausgehöhlten Sprengstoff, den er wie eine Hantel geformt hatte. Als er die winzige Antenne montierte, schob er den Küchentisch ganz ans Fenster, um soviel Licht wie möglich zu haben.
Tamara und Blom diskutierten am nächsten Morgen erneut seine Situation, und auch am Abend kamen sie mehrfach darauf zu sprechen. Die Israelin befolgte die Anweisungen, die ihr die Psychologen von Mossad mit auf den Weg gegeben hatten, sie provozierte, setzte ihn unter Druck. Sie behauptete, daß derjenige, der im Leben keine Aufgabe hat, auch nicht harmonisch leben kann. Blom protestierte nicht dagegen, wandte aber ein, daß viele Menschen unzufrieden mit ihrer Aufgabe seien.
«Die meisten, die ich so kenne, sehnen sich aus der Gegenwart zurück in vergangene Zeiten. Glücklich und ausgeglichen zu sein heißt nämlich auch, daß man weiß, ob man es ist und daß man es ist. Aber erkläre mir doch mal eine Sache, Tamara. Ein Mann und eine Frau lernen sich kennen. Sie stellen fest, daß sie sich mögen und kommen einander näher. Und plötzlich fängt die Frau an, obgleich sie ihn vielleicht monatelang in ausgebeulten Cordhosen hat herumlaufen sehen, ihn zu kritisieren. ‹Mußt du immer so ungepflegt aussehen?› Oder so wie du: ‹Jorgen, sei nicht so faul! Fang an zu arbeiten, Jorgen!› Bin ich dir nicht mehr gut genug?»
Blom hatte ihren Tonfall perfekt getroffen, aber sie lächelte nicht mal. Sie saß in seinem großen roten Ledersessel, angespannt und aufmerksam. Sie trug, was er gerne an ihr sah, ein olivgrünes Armeehemd und einen Gabardinerock, war barfuß, und ihr Haar, das die Farbe einer alten Geige hatte, war zerzaust.
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