Ein scharfer Duft von Veilchen erfüllte das Zimmer und strömte in sanften Wellen dem von vornherein stumm gemachten Sonter entgegen, der mit seinem Napoleonblick die elegante, in Seide knisternde, wenn auch nicht mehr ganz junge, so doch noch immer einladende, plappernde Modepuppe umfasste, ohne sie vorerst mit dem Herrscherauge zur Ruhe zwingen zu können.
„Gnädige Frau haben sich wohl im Hause geirrt“, kam er endlich zu Worte. „Sicher wollten Sie Justizrat Samter nebenan in Anspruch nehmen. Eine Verwechslung der Namen liegt sehr nahe.“
Frau Birkenheimer lachte, so dass die kleine Goldplombe an dem Seitenzahn aufblitzte.
„Nein, nein, ich komme direkt zu Ihnen, Herr Landgerichtsrat. Ich habe wohl ganz vergessen zu sagen, dass ich die Schwester von Frau Goland bin, wie? Dann bitte ich vielmals um Entschuldigung.“
Sie hätte das nicht erst zu bestätigen brauchen, denn die Ähnlichkeit mit ihrer Schwester war unverkennbar, wenn sie auch eine mehr lädierte Schönheit war, die unstreitig das Bestreben zeigte, sich durch kosmetische Mittel in den früheren Zustand zu versetzen. Jedoch war Sonter durch diesen Überfall so verblüfft, dass er sich durchaus ratlos vorkam. So stand er unter den Gefühlen eines Mannes, der zwischen Freude und Ärger schwankt und erst überlegen muss, was ihm vorteilhafter sein würde.
„Ich wollte es dem Fräulein nicht gleich sagen, sonst hätten Sie mich vielleicht gar nicht vorgelassen“, fuhr Frau Birkenheimer eifrig fort. „Ich seh’s Ihnen nämlich schon an. Seien Sie mir nur nicht böse, Herr Landgerichtsrat.“
„Durchaus nicht, gnädige Frau“, warf Sonter nun verbindlich ein, beinahe schon erfreut darüber, dass sie Käthe für sein Fräulein gehalten hatte; denn er sah gleichsam ein Hindernis fortgerückt, wonach er sich freier äussern dürfe.
„Ich weiss ja, dass Junggesellen immer etwas ungnädig sind, wenn man sie in der Arbeit stört“, sprach Frau Birkenheimer weiter und nahm ohne Aufforderung wieder Platz, weil sie eine längere Aussprache für selbstverständlich hielt.
Sonter wurde zwar etwas rot, erhob aber auch dagegen keinen Einspruch, weil er sich dazu nicht für verpflichtet hielt. Halb gezwungen setzte er sich ebenfalls, neugierig, was nun weiter kommen würde.
„Jedenfalls gibt es Ausnahmen, gnädige Frau“, bemerkte er leichthin, um über diesen Punkt doch etwas zu sagen.
„Cilly hat Sie für einen so scharmanten Herrn erklärt, dass mir der Gang dadurch bedeutend erleichtert wurde, wollen Sie glauben?“ ermunterte ihn Frau Birkenheimer, eine bessere Laune zu zeigen, denn seine Zurückhaltung konnte ihr nicht entgehen. „Wissen Sie, was sie gestern abend erst sagte? Sie sagte, dass sie bei der letzten Zeugenvernehmung ganz entzückt gewesen wäre von Ihrer Liebenswürdigkeit, mit der Sie sich ihrer angenommen haben, als Golands Anwalt allerlei unschöne Bemerkungen fallen liess. Das soll ja geradezu ein Patentekel sein. Ich bitte Sie! Es so hinzustellen, als könnte meine Schwester ihre Zofe und das übrige Dienstpersonal beeinflusst haben! Das ist doch überhaupt eine Unverschämtheit. Blaue Flecke am Arme macht man sich doch nicht zum Vergnügen. Ich habe das selbst gesehen. Mein Mann wollte nur nicht, dass ich mich da hineinmische. Drei ganz unparteiische Zeugen genügen ja auch schon ... Glauben Sie denn nun, Herr Landgerichtsrat, dass die greuliche Sache bald zu Ende sein wird? Sie können sich gar nicht denken, wie dankbar Ihnen Cilly ist, dass Sie ihren neuen Beweisanträgen immer stattgegeben haben.“
„Das erfolgt durch Gerichtsbeschluss, Frau Doktor“, sagte nun Sonter ziemlich kühl, obwohl ihm das Herz bei alledem ein wenig bebte. „Ich tue lediglich meine Pflicht als Referent, ganz ohne Ansehen der Person, nur im Interesse der Sache.“
„Na, na, Herr Landgerichtsrat, — ein wenig Sympathie bringen Sie uns armen, gequälten Frauen in einem solchen Falle doch wohl entgegen“, sagte Frau Birkenheimer ganz dreist und erhob den schelmischen Blick zu ihm. „Cilly hat wenigstens so die Auffassung, als betrachteten Sie ihre Angelegenheit auch von der rein menschlichen Seite. Und mit Recht, das sage ich. Würden Sie nun einmal die grosse Liebenswürdigkeit haben, mir ganz offen zu sagen, ob die Ehe zu Cillys Gunsten geschieden werden wird? Das Urteil muss doch bald herauskommen. Ihr Mann will die Sache jedenfalls nur verschleppen. Und bis dahin verpulvert er ihr Geld. Der Junge muss ihr doch auf alle Fälle zugesprochen werden, nicht? Denn aus dem würde ja was Schönes werden, wenn er bei seinem Vater bliebe. Er neigt jetzt schon zu allerlei Dummheiten. Wissen Sie, was er neulich sagte? Er bliebe nach der Scheidung nur da, wo das meiste Geld wäre. Wenn Sie wüssten, wieviel Tränen Cilly darum schon vergossen hat. Und dann faltet sie die Hände und betet förmlich zu Gott: ‚Käme doch noch der rechte Mann, der dir Erziehung beibrächte.‘ Meine Schwester ist recht zu bedauern, wollen Sie glauben.“
Darauf liess Frau Doktor Julia Birkenheimer das Händespiel von der rotseidenen Schmuckschleife ihres langstieligen Sonnenschirmes, den sie wie eine Lanze vor sich aufgepflanzt hatte, holte ihr Spitzentüchlein aus der silbernen Panzerhandtasche und tupfte sich damit auf die feuchtgewordenen Augen, aber doch vorsichtig genug, um den Eindruck der kosmetischen Mittel nicht zu verwischen. Dann zog sie den Schmerz durch die feine Nase und plinkerte ein wenig mit den schönen Augen, was so alles der Ausdruck ihrer durch die Tränen verursachten Stimmung war. Und zu alledem kam noch ein tiefer Seufzer über ihre schmalen Lippen, als sie hinzufügte: „Ja, ja, so ist das im Leben.“
Obwohl Sonter den Verlauf der Dinge schon ziemlich zu kennen glaubte, hielt er es mit seiner Amtsverschwiegenheit doch nicht vereinbar, aus seiner Zurückhaltung herauszugehen. Es wurde ihm nicht leicht, das fühlte er; denn je mehr ihm Frau Birkenheimer das Bild ihrer Schwester enthüllte, das ihm nun körperlicher vor Augen trat, als alle Schriftsätze es zu tun vermocht hätten, desto mehr fühlte er sich zu Cilly Goland hingezogen und versucht, ihr seine Anteilnahme zu beweisen.
„Das Schicksal Ihrer Frau Schwester tut mir ungemein leid, aber Sie werden es wohl begreiflich finden, dass ich mich über den Stand der Sache in keiner Weise äussern kann.“
„O, das ist recht schade“, warf Frau Birkenheimer ganz betrübt ein. „Und meine Schwester glaubte gerade, dass Sie sich für ihr Schicksal besonders interessierten. Sie kannten sie doch schon als Mädchen, nicht wahr?“
„Ich habe Fräulein Hoffmeister allerdings mehrfach in geselligen Kreisen gesehen, irre ich mich nicht, so war es zuletzt bei Geheimrat Frank.“
„Sehen Sie, Ihr Gedächtnis!“ rief nun Frau Birkenheimer lebhaft aus. „Mit Lydia Frank war sie ja eng befreundet.“
„Das heisst, ich kann mich auch irren“, wandte Sonter rasch ein. „Das sind schon mindestens zehn Jahre her; nach dem Tode des Geheimrats wurde es dort sehr still im Hause.“
„Nein, nein, es hat schon seine Richtigkeit, Herr Landgerichtsrat. Haben Sie nicht meiner Schwester damals den Hof gemacht? Ein Wunder wäre es ja nicht, denn Cilly war wirklich ein hübsches und nettes Mädel. Na, na, besinnen Sie sich einmal. Ein Verbrechen wäre es jedenfalls nicht gewesen, denn an einen Herrn Goland dachte sie damals noch gar nicht. Sie können sich ja wohl denken, wie das so ist bei uns jungen Mädchen. Wir träumen mit offenen Augen vom Himmel, und dann greift ein kecker Kerl zu und führt uns in eine Ehehölle. Das heisst, — ich kann mich ja nicht beklagen, Gott sei Dank nicht. Meinen Felix sollten Sie kennen lernen, der ist die Aufopferung selbst, der wird schon vorher rot, ehe er ein böses Wort herausbringt. Manchmal ist es mir schon zu viel Nachgiebigkeit, wollen Sie glauben?“
Frau Birkenheimer beschäftigte sich nun wieder mit der Schmuckschleife an ihrem Schirme, die sie über den Griff eine kleine Rutschbahn machen liess, abwechselnd von oben nach unten und umgekehrt. Ihre Nervosität zwang sie zu andauernder Unruhe, wodurch sie den ruhigsten Menschen anstecken konnte.
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