Diedrichsen also fand diese undramatischen Szenen besonders schön, während Wyndthausen sie als Stimmungsschwindel bezeichnete, Beleuchtungseffekte, Farberzählungen »mit nichts drin«. Für Christine war es schwer, mit einem anderen Schauspieler zu spielen, nachdem sie sich an Wyndthausen gewöhnt hatte, an seine scharfe, schnelle, leise, an seine aus tausend winzigen Elementen zusammengesetzte Darstellung. Bossard – der Pluto – war ein ausgezeichneter Schauspieler, ein gutmütiger Riese mit einem dröhnenden, dunklen Baß, zur Bequemlichkeit und Fülle neigend. Ein Mann von fünfzig Jahren, der, in zweihundert Rollen erprobt, sich einen guten Namen erworben hatte, der »den ganzen Schwindel« kannte und durchschaute, der auf dreihundert Bühnen gestanden hatte, der nicht gewillt war, mehr zu tun, als er seinem Ruf schuldete. Für Christine ein ungewöhnlich langweiliger Partner. Sie hatte sich beim Studieren gerade auf diese Szenen gefreut. Aber jetzt konnte sie nur wenig damit anfangen. Dabei »standen« diese Szenen sehr bald. Auch Körner, der Unternehmer, fand sie am besten, am sinnfälligsten. Sie kamen mit ihren Breitwandeffekten dem Geschmack des durchschnittlichen, kinogeschulten Publikums am weitesten entgegen. Für ihn war Bossard der weitaus beste Schauspieler des ganzen Ensembles.
Mit Mumbo Petersen hatte Christine ihre einzige, heftige Auseinandersetzung. Sie standen nach der Vormittagsprobe im Speisesaal. Die Kellner, unter dem Befehl von Gustav, deckten tellerklappernd den Mittagstisch. Durch die schmalen Fenster an der Seite fiel ein wenig verschleierter Sonnenschein. Petersen hatte seinen Arm um sie gelegt und redete ihr gut zu. Sie werde diese Szene ebensogut spielen wie alle anderen. Aber Christine bat ihn dringend, die Flußüberquerung zu kürzen. Sie bat ihn, Bossard zu dämpfen und auf eine Linie mit ihr und Wyndthausen zu bringen. Sie mußte gleichzeitig für Henri sprechen. Mumbo wehrte mürrisch ab. Sie solle nur ihre Person und ihr Können verteidigen und es Wyndthausen überlassen, sich nach seiner Rückkehr durchzusetzen.
Ja – Wyndthausen war für drei Tage verreist. Grußlos, lautlos verschwunden. Er war nach München gefahren zu seiner Frau. Schuldete er Christine etwa Rechenschaft? Unsinn! Mumbo berichtete tückisch: »Wahrscheinlich wollte er seinen ›psychischen Fehltritt‹ beichten, seine Sünden mit Gertrude Schwarz. Er kann’s ohne Beichte nicht aushalten. Er braucht die Absolution seiner Frau. Wie finden Sie das?« Christine sagte unbefangen: »Nicht sehr angenehm für die Damen seines Herzens.« – »Das ist auch ein Standpunkt«, knurrte Mumbo. »Sie stehen also auf der Seite der Liebhaberinnen. Genau wie meine Frau. Aber gleichzeitig auch auf der Seite von Henri. Warum verzeiht ihr ihm eigentlich alles? Versteh’ ich nicht. Oder kannst du mir’s erklären?« Christine sagte leichthin: »Da ist nichts zu erklären. Es gibt Menschen, die sind wie sie sind. Mach was. Ändere sie. Geht nicht. Man kann nur ja sagen oder nein. Und Ihre Frau sagt eben ja.« Der Regisseur zuckte die Achseln: »Für meine Frau ist das Leben ’ne Bühne. Sie hat sich einen Stuhl in den Zuschauerraum gesetzt. Sie sieht sich alles neugierig an und findet es lustig. Kunststück! Es geht sie nichts an, was Wyndthausen treibt. Da läßt sich leicht ›ja‹ sagen.«
Die Schauspieler kamen lärmend zum Mittagessen. Christine ging zur Theke, um sich ihren Orangensaft zu holen. Gustav, der Kellner, hatte auch ein Glas für Henri hingestellt. Sie nahm die beiden Gläser. Es war ein gewisser Trost für sie, Wyndthausens Glas in der Hand zu halten. Er würde wiederkommen. Sie würden zusammen die gemuldete Treppe hinaufgehen, den Orangensaft schlüfen. »Sunkist«, würde er sagen. Der Regisseur trat noch einmal zu ihr. Er legte zärtlich seinen Arm um sie: »Manche Menschen möchte man in Watte wickeln und in einem Osterei verstecken«, sagte er und verbarg seine Rührung hinter heftigem Sächseln. Christine hob ihr Glas: »Na, dann Prost«, sagte sie lustig. (Das hatte sie am ersten Abend zum Schatten Wyndthausens gesagt.) Petersen wehrte ab: »Nee, nicht mit Orangensaft. Das kannste mit Wyndthausen machen. Mit mir trinkste heute abend ’n soliden Korn, Demeter – nach meiner Frau genannt. Verstanden?« Christine nickte. Und Petersen: »Du denkst immer, ich will dich warnen. Irrtum, mein Engel. So dumm bin ich nicht. Aber wenn du ja sagst, dann ist es kein Schauspiel wie bei meiner Frau. Es ist ernst. Es geht um Leben und Tod.«
Christine saugte scheinbar vertieft ihren Orangensaft durch den Strohhalm. Sie wollte ausweichen. Mit welchem Recht sprach Petersen so offen zu ihr? Sie sagte friedlich, als müßte sie ihn trösten: »Nanana. Höchstens um Oberwelt und Unterwelt. Um die Wiesen im Sonnenlicht – unvergeßlich – und die Weiden am eisigen Lethe-Fluß. Stimmt’s?«
Gustav, der Kellner, kam mit einer großen Schüssel vorüber. Mumbo hob den Deckel ab und sagte befriedigt: »Gulasch gibt’s heute. Solltest du auch mal essen. Statt eurer ewigen Orangen. Wie wär’s wenn du dich mal der Allgemeinverpflegung anschlössest?« Christine stellte das eine ausgetrunkene Glas auf die Theke. Sie sagte: »Ich dank’ Ihnen schön. Aber dies bekommt mir besser.« Damit ging sie hinaus.
Zum Nachmittagsschlaf hatte sich Christine das Chaiselongue mit der türkischen Decke ans Fenster gerückt. Sie lag sehr unbequem. Denn die Sprungfedern waren ausgeleiert. Sie quietschten bei der kleinsten Bewegung. Die Kopfstütze war so hoch, daß sie eher saß als lag. Aber sie brauchte die dünnbeinigen Stühle nicht zu sehen, nicht das Riesenbett mit den Muschelornamenten. Nicht den Schreibtisch in der dunklen Ecke. Sie konnte in den sanften Frühlingssonnenschein hinausschaun, in die Landschaft, die sich durch den leichten Dunst, schon hundert Meter vom Dorf entfernt, bläulich verfärbte. Sie schlief ein paar Minuten. Sie träumte von Carolus Magnus, ihrem Mann. Er ging eingehakt mit Wyndthausen über die Wiesen von Grönefeld, dem Gut ihrer Mutter. Die Wiesen waren noch steingrau, grüngrau und am Rande verschneit wie an dem Tage, an dem sie weggefahren war. Aber überall, wo die beiden hingelangten, schmolz der Schnee unter ihren Schritten. »Plätteisenfüße«, sagte Wyndthausen lustig. Er blieb mit Magnus stehen, wandte sich um und zeigte auf die Fußspuren, die sie hinterlassen hatten. In allen Spuren blühten Krokusse.
Die Männer lachten. Seltsamerweise Wyndthausen mit dem Lachen von Magnus und Magnus mit dem Lachen Wyndthausens. Das war eine teuflische Synchronisation. »Bitte, benutzt eure eigenen Stimmen«, bat Christine böse und erwachte.
Sie sprang auf. Sie riß ihren roten Regenmantel vom Haken. Sie lief aus dem Hotel, über die mittagsstille Dorfstraße, am Friedhof vorbei, am Mühlbach entlang, wasserabwärts in den Wald hinein. Sie ging querwaldein durch kleine Mulden, die vom Laub zugeweht waren und in deren Grund noch etwas Schnee schimmerte. Sie durchquerte ein weißes Birkenwäldchen, Stamm an Stamm glänzend. Sie fand am Südhang ein Weidengebüsch und gleich daneben eine Mulde. Hier waren Leberblümchen aufgeblüht, ein ganzer Teppich von blauen Blumen, in der Farbe etwas heller als ihre Augen. Sie breitete ihren roten Mantel daneben aus. Sie lag ganz geschützt vor Blicken und Winden. Sie warf ihre Kleider ab und legte sich nackt zwischen die blauen Blumen. Endlich ließ der Druck ihres Herzens nach. Sie lag lächelnd mit geschlossenen Augen. Das war das Ende des Winters. Und sie gab zu, daß es ein entsetzlich kalter, kahler, unendlich trüber Winter gewesen war. Warum eigentlich? Sie hatte ihren Mann aus freien Stücken geheiratet, aus einer großen Zuneigung, aus einer tiefen Hochachtung, aus dem Wunsch, geschützt und gesichert zu sein. Aber ist man in der Dunkelheit geschützt? Und es war unmöglich, die Dunkelheit seines Gemütes aufzuhellen, die kühle Melancholie aus seinem Herzen zu vertreiben, seine Trauer über die Welt, über die Unzulänglichkeit des Lebens aufzuheben. Denn – so hatte er ihr einmal gesagt – wenn man die Wirklichkeit betrachtet, ist es nicht möglich, unbeschwert zu leben. Man kann also nur die Augen schließen oder die Welt betrauern.
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