»Are you a foreigner?«, fragte er freundlich.
Ich schüttelte den Kopf. »Wir kommen aus Deutschland«, stotterte ich auf Türkisch. Ich bin eine Türkin der vierten Generation. Soll heißen, dass mein Türkisch ziemlich mies ist. Englisch oder Französisch liegen mir da schon eher.
»Ah, Almancilar «, stellte der Typ sachlich fest.
»Ich bin kein Deutschländer!«, blaffte ich wütend zurück. Deutschländer, Menschen, die weder richtig deutsch noch richtig türkisch waren, Zwischenmenschen. Deutschländer. Abschaum.
»Hey, ich habe das doch nicht böse gemeint!«, versuchte er jetzt auf Deutsch zu erklären, aber das konnte er sich sparen. Ich hatte längst die Tür zugeknallt und war wieder in mein Zimmer abgedampft.
»Ich will wieder nach Hause!«, schluchzte ich in meine Kissen. Mama setzte sich auf meine Bettkante.
»Ach, Schätzchen. Ich verstehe ja, dass du Heimweh hast. Aber findest du nicht, du solltest mit dem Trübsalblasen aufhören?« Mama, die ich unbeabsichtigt geweckt hatte, strich mir sachte über den Rücken. Ich schlang die Arme um ihren Hals. »Ich spreche ja nicht einmal richtig Türkisch!«, heulte ich. »Wie soll ich hier überhaupt zur Schule gehen?«
»Mach dir darüber keine Gedanken. Wir melden dich am deutschen Gymnasium an, die Schulsprache ist also bis auf wenige Fächer Deutsch«, tröstete Papa mich. »Und nun wasch dir das Gesicht und zieh dir was Frisches an, dann gehen wir zum Frühstücken aus!«
Ich schlüpfte in marineblaue Shorts und ein blau-weiß geringeltes T-Shirt und verschlang wenig später unter dem neidischen Kreischen der Möwen ein riesiges Frühstück aus knusprigem Weißbrot, verschiedenen Käsesorten, Oliven, tiefroten Tomaten und echtem Wabenhonig. Ich merkte, wie es mir allmählich besser ging.
»Wenn du willst, kannst du die Gegend erkunden, deine Mutter und ich kümmern uns inzwischen um die Wohnung«, schlug Papa vor.
Ich nickte erfreut. Sicherheitshalber schrieb Paps mir die genaue Adresse auf und mahnte: »Wenn irgendetwas ist, ruf mich auf dem Handy an, okay?«
Ich nickte. »Klaro, Paps!«
»Gut, dann viel Spaß.« Er überreichte mir ein paar Scheine.
»Für den Fall, dass du etwas siehst, was dir gefällt!«, zwinkerte er mir vergnügt zu und ich steckte das Geld begeistert ein. Na, mal schauen, vielleicht würde das Leben hier nicht ganz so mies sein, wie ich befürchtet hatte.
Ich spazierte die Strandpromenade entlang und sog die salzgetränkte Luft ein, bis es mir zu langweilig wurde. Dann stiefelte ich eine scheinbar endlose, in den Fels gehauene Treppe hinauf, die vor einem riesigen, lärmerf ü llten Spielplatz endete, dem alte Eichen Schatten spendeten. Ich schlenderte weiter, bog mal hier ab, mal da, trank starken türkischen Mokka in einem orientalisch eingerichteten Café und ließ mir die Zukunft aus dem Kaffeesatz weissagen, etwas, das hier in vielen Cafés zum Service gehörte, wie mir die junge Kellnerin erklärte. Eine Zigeunerin in den Vierzigern setzte sich vor mich, nahm erst mich, dann die kleine Tasse genauestens in Augenschein und murmelte: »Ich sehe einen jungen Mann, der in Liebe zu dir entbrannt ist.«
Bei dieser Bemerkung hatte ich Mühe, nicht in Gekicher auszubrechen. Wie vielen Leuten erzählte sie wohl täglich dasselbe? »... aber ich sehe auch große Gefahr. Hüte dich vor dem Mann mit den grünen Augen.« Okay, das reichte jetzt, Pauschalitäten konnte ich mir auch woanders anhören. Ich dankte artig und machte, dass ich davonkam.
Als es allmählich dämmerte, merkte ich, dass ich schrecklichen Hunger und keinen Schimmer mehr hatte, wo ich überhaupt war. Keine Ahnung, wie ich hier gelandet war, in einer engen dunklen Gasse, die mir nicht ganz geheuer war. Im Fernsehen ist das genau die Art von Gasse, in der Leute ermordet werden. Besser, wenn ich hier so schnell wie möglich verduftete. Unsicher blickte ich mich um, als eine Gruppe Rocker auftauchte, zumindest sahen sie so aus. Alle waren in Leder gekleidet, gepierct, tätowiert. Und alle grölten. Verängstigt wich ich ein paar Schritte zurück, in der Hoffnung, dass sie mich nicht bemerken würden, wenn ich mich im Schatten der Hauseingänge versteckt hielt. Aber dafür waren sie beinahe schon zu nahe. Eine kräftige Hand packte mich plötzlich und zog mich in einen dunklen Hausflur. Ich hatte das Gefühl, mir vor lauter Angst in die Hosen zu machen.
»Keine Gegend für junge Almancis «, flüsterte eine Stimme.
»Lass mich auf der Stelle los!« Aufgebracht befreite ich mich aus dem eisernen Griff und drehte mich um. Da stand mein Nachbar und schaute mich abschätzend an. »Du hast mir heute Morgen keine Gelegenheit gelassen, mich vorzustellen. Ich bin Noyan.« Spöttisch verbeugte er sich vor mir.
»Mir doch egal, wer du bist.« Achselzuckend wollte ich wieder auf die Straße zurück, doch Noyan hielt mich zurück. »Bist du dir wirklich sicher, dass du das willst? Nur mal so zur Info: Der Kerl da mit dem rasierten Schädel ist einer der meistgefürchteten Leute hier in der Gegend. Unberechenbar und fast immer bekifft. Und seine Kumpels sind auch nicht viel besser.«
»Ich muss jetzt aber gehen!«
»Aber nicht allein! Komm, ich kenne eine Abkürzung. Wie sagtest du noch gleich, wie du heißt?«
»Ich sagte gar nichts.«
»Ihr Deutschländer seid ja nicht besonders höflich, was?«
»Hör gefälligst auf, mich so zu nennen! Lara, mein Name ist Lara.«
»Lara, soso. Wasserfee, das bedeutet er, nicht wahr? Na, dann komm, kleine Nixe, bringen wir dich heim.«
Wir warteten, bis die Gruppe der lärmenden Männer vorbeigezogen waren, dann nahm Noyan meine Hand und zog mich mit sich fort. Ich nahm erstaunt wahr, wie warm seine Handfläche war.
Durch verwinkelte Gassen, die so eng waren, dass wir kaum nebeneinandergehen konnten, führte er mich schnell und sicher wieder zurück nach Hause.
»So, pass auf, dass du da nicht wieder hingerätst. Mädchen wie dich sieht man hier nur selten, mach dich also bitte nicht selbst zu Freiwild, okay?«
Er wandte sich zum Gehen.
»He, warte! Ich meine ... Noyan! Ich wollte ... äh ... danke.« Ärgerlicherweise wurde ich rot.
Er lächelte. »Keine Ursache!«
»Muss ich das wirklich anziehen?«, grollte ich am nächsten Morgen, während ich kritisch mein Spiegelbild beäugte.
»Ja, Schuluniform ist hier Pflicht, genau wie in Großbritannien«, erklärte meine Mutter.
»Und die Kniestrümpfe? Ich sehe aus wie zwölf! Wenn ich doch nur ein wenig Make-up auflegen dürfte!«
»Nein, Schminken ist auch nicht erlaubt, in keiner der mir hier bekannten Schulen übrigens. Und außerdem siehst du ohne das ganze Zeug im Gesicht viel hübscher aus. Zu den Strümpfen: Alternativ dürftest du noch schwarze Strumpfhosen tragen, aber in Anbetracht der Tatsache, dass es heute über dreißig Grad warm werden soll, dachte ich, das willst du vielleicht nicht.«
»Schon gut!«
Wenn meine Mädels mich so sehen könnten, lägen sie vor Lachen auf dem Boden.
»Auf nach Hogwarts!«, murmelte ich ironisch und musste wider Willen grinsen.
»Zur Schule kommst du mit dem Shuttlebus, er hält gleich vor der Tür, am besten, du gehst schon mal runter«, schlug Papa vor. Ich hatte ihm gegenüber noch immer ein schlechtes Gewissen, deshalb gab ich ihm einen besonders liebevollen Kuss auf die Wange. »Bis heute Abend, Paps.«
Als ich vor die Tür trat, stand der Shuttlebus schon bereit. Ich holte tief Luft und stieg ein. Neugierige Gesichter wandten sich mir zu, denen ich nur ein unverbindliches Günaydin , »Guten Morgen«, entgegenmurmelte, während ich nach einem freien Platz Ausschau hielt, auf dem ich mich unsichtbar machen konnte.
»Du kannst dich hierhersetzen, kleine Nixe.« Noyan, der in seiner Schuluniform wie eine verbesserte Fassung von Robert Pattinson aus Twilight aussah, klopfte auf den Platz neben sich. Ich merkte verärgert, dass meine Wangen sich wieder erwärmten und ich schon wieder rot im Gesicht wurde. Hätte ich gekonnt, hätte ich mich liebend gern woanders hingesetzt, doch der Sitz neben Noyan war der einzig freie.
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