Er sprach nicht weiter. Seine Augen füllten sich mit Tränen.
„Du bist ein anständiger Kerl“, Michael fuhr schnell mit der Hand über den dunklen Schopf des Jungen, „aber du kannst getrost essen. Ich verspreche dir, wenn sich alles so verhält, wie du mir erzählt hast —“
„Jawohl, es verhält sich so, Herr Heinsigk.“
Blutrot war Frieder geworden. Der Herr, der da, wie vom lieben Gott geschickt, zu ihm gekommen war, schien ihm nicht zu glauben.
Freilich, wie viele mochten den anderen etwas vorschwindeln.
„Ich habe nicht geschwindelt, wirklich nicht.“
„Das weiss ich ja“, beruhigte Michael, „also ich verspreche dir, deine Mutter und deine Schwester werden auch zu essen bekommen. Jetzt musst du erst einmal zu Kräften kommen. Wenn du arbeiten willst, musst du auch kräftig sein.“
„Es gibt ja keine Arbeit“, wollte Frieder sagen. Aber er tat es nicht. Er hatte auf einmal den Glauben, es müsste alles gut werden. Und überdies, das Stück Fleisch, das da braun und glänzend in der goldgelben Buttersauce vor ihm lag, war eine zu grosse Verlockung. Bald hatte er alles vergessen, die Not, die Angst. Er sass da und ass.
„Fühlst du dich nun frisch genug, um nach Hause gehen zu können?“ fragte Michael.
Der Junge nickte mit glänzenden Augen. Aber es war nun nicht mehr der Glanz des Hungers wie vorher.
„Nun schön“ — Michael entnahm seiner Geldtasche einen Zehnmarkschein —, „jetzt fährst du nach Hause. Gib mir deine Adresse. Ihr werdet von mir hören.“
Er stand auf, gab dem Jungen die Hand.
Der beugte sich plötzlich. Michael fühlte ein paar heisse Lippen, die sich in seine Hand pressten.
Michael ging allein durch die frühlingshellen Strassen. Das Erlebnis mit Frieder Heuschner hatte ihn von seinem eigenen Schicksal und seinen eigenen trüben Gedanken abgelenkt. Wieviel Elend gab es doch auf der Welt! Und wie wenig beachtete man es, weil man in seinem eigenen Leben befangen war! Freilich, keinem Menschen mochte es möglich sein, überall zu lindern, so viel auch jetzt von seiten einer endlich zielbewussten Regierung auch in dieser Hinsicht getan wurde. Aber wenn die Not einem einmal in den Weg lief, so erschütternd wie in dem Schicksal des jungen Frieder, dann konnte man helfen. Ganz erfüllt von seinem Erlebnis, kam Michael zu Hause an. Natürlich, der Sicherheit wegen musste man noch nachforschen. Er wusste genau, wie oft gerade sein mitfühlendes Herz getäuscht worden war. An den Mann der Stella Hollmers wie an Stella selbst kamen täglich Hunderte von Bittbriefen, Gesuchen, Verlangen. Noch nicht ein Viertel von all den Schilderungen der Not hielt bei genauen Prüfungen stand. Also konnte man nicht vorsichtig genug sein. Obwohl eine innere Stimme ihm sagte, dieses junge Knabengesicht hatte nicht gelogen. Er fuhr eilig im Fahrstuhl herauf. Er wollte gleich mit Stella beraten, wie man da am besten eingreifen konnte. Mit Geld allein war es nicht getan. Es hatte keinen Sinn, einem Menschen Geld zu geben ohne Gegenleistung. Der junge Frieder schien intelligent und anständig zu sein. Vielleicht dass Stella ihm irgendwo im Filmbüro oder -atelier eine kleine Botenstelle verschaffen konnte. Da stutzte er. Wieder stand er mit seiner Hilfsbereitschaft da und war auf Stella angewiesen. Er selbst, ohne Stella, hätte nicht die kleinste Hilfe gewusst. Ja, sein Gehalt als Schauspieler hätte wohl kaum für ihn selbst gereicht. Wieder war es Stella. Immer Stella. Nicht einmal in solchem Falle war er Manns genug.
Die glückliche Vorfreude auf die Hilfe für die Familie Heuschner wurde schon wieder getrübt! Als Michael jetzt in die grosse Diele der eleganten Wohnung kam, sah er in der Garderobe zwei fremde Mäntel hängen. Selbst wenn er gewollt hätte, hätte er Stella jetzt nicht von seinem Schützling sprechen können.
In dem grossen Salon mit den kostbaren Chippendale-Möbeln sass Stella Hollmers auf einem niedrigen Sofa. Vor ihr ein grosser breitschultriger Mann mit einem mächtigen dunklen Kopf und der ausgearbeiteten Kieferpartie der Angelsachsen. In einem zerkauten nachlässigen Englisch sprach er auf Stella Hollmers ein. Neben ihm sass ein fixer, schmaler Mensch, der ein Notizbuch gezückt hielt. Sein Bleistift schwebte erwartungsvoll in der Luft. Er schien jeden Moment bereit, auf das Papier niederzustossen.
„Tag, Micha“, sagte Stella Hollmers. Sie unterbrach sich mitten im Gespräch mit dem grossen, dunklen Mann, stand auf und ging ihrem Mann entgegen.
„Gut, dass du kommst“, sagte sie, „erlauben Sie, Mr. Dadson, dass ich Ihnen meinen Mann, Michael Heinsigk, vorstelle, Micha, das ist Mr. George Dadson, Direktor der North-South-Film-Korporation. — Dies sein Sekretär, Mr. Edgers.“
„Aha, der Mann der berühmten Frau“, sagte der amerikanische Filmgewaltige mit einem etwas herablassenden Lächeln. In dem Blick, mit dem er und auch sein fixer Sekretär Michael mass, lag etwas überlegenes.
Michael fühlte es sofort. Er erbleichte. Diese Worte von Mr. Dadson mochten vielleicht harmlos gemeint sein. Aber bei ihm trafen sie auf die immer brennende Wunde seines Selbstgefühls.
So fiel seine Begrüssung steifer aus, als er vielleicht gewollt. Er spürte ganz genau, dass er in diesem Augenblick wieder eine hilflose Figur machte, und das erhöhte seine Unsicherheit.
Stella tat, als bemerkte sie dies nicht. Aber die Bewegung, mit der sie Michael neben sich auf das Sofa zog, schien um eine Nuance zu betont.
„Gut, dass du kommst, Liebling“, wiederholte sie. „Mr. Dadson macht mir ein Angebot für drüben. Er will in Holywood eine Stella-Hollmers-Produktion machen. Wie denkst du darüber?“
„Aber ich bitte Sie, darüber ist doch gar nichts weiter zu denken“, sagte Dadson entschieden und schnitt Michael das Wort einfach ab, als wäre dessen Ansicht vollkommen unwichtig.
„Ich mache Ihnen mein Angebot zum letzten Male, Mrs. Hollmers. Die amerikanischen Stars, die ich bis jetzt hatte, haben ein bisschen abgewirtschaftet. Gerade Ihre Stimme ist für die Tonfilme ausserordentlich gut. Ich kann mich aber nicht auf allzu lange Verhandlungen einlassen. Ich will in wenigen Wochen mit der Produktion beginnen. Wollen Sie nicht, nun, dann muss ich eben mit jemand anders abschliessen.“
„Aber, das solltest du doch annehmen, Stella“, sagte Michael.
Er zwang sich, ruhig zu bleiben. Er wollte nur an Stella denken, an ihr Fortkommen, an ihren Ruhm. Solange sie noch nicht in Holywood gefilmt hatte, fehlte das letzte zu ihrer Weltgeltung.
„Warum willst du es nicht annehmen, Stella, wenn die Bedingungen von Mr. Dadson so sind, dass sie dir annehmbar erscheinen?“
Stella schwieg. Und Michael fühlte aus diesem Schweigen ganz genau, es ging Stella um ihn. Er wusste, dass Stella bisher nur Kontrakte abgeschlossen hatte unter der Bedingung, dass auch er beschäftigt würde. Wie, wenn der amerikanische Filmmann nicht darein einwilligte?
„Handel es sich etwa da um meine Person?“ fragte er plötzlich entschlossen, „darauf solltest du keine Rücksicht nehmen, Stella. Es geht hier um dich.“
„Das ist ein vernünftiges Wort, Mr. Heinsigk.“
Der amerikanische Filmmagnat sah Michael zum ersten Male mit einer gewissen Achtung an.
„Tatsächlich sind Sie, wenn ich offen sein darf, der Haken. Etwas komischer Vergleich“, lachte er kurz auf, „aber es ist so. Mrs. Hollmers besteht darauf. Sie mit engagiert zu wissen. Aber sehen Sie, das ist ganz unmöglich.“
„Warum unmöglich?“ fragte Stella, ihr schönes zartes Gesicht wurde unmutig, „was in Deutschland möglich ist, Mr. Dadson, müsste in Amerika auch möglich sein.“
Dadson schüttelte energisch den Kopf. Das wäre es eben nicht. Mrs. Hollmers wüsste zu wenig von der seelischen Mentalität der Amerikaner. Wenn Mr. Heinsigk ein Star wäre, so wie sie selbst, ausgezeichnet! Aber dass der Mann der Stella Hollmers nur kleine Rollen zu spielen bekäme, und bei aller Wertschätzung für Mr. Heinsigk wüsste er doch, dass das nicht anders sein könnte, das würde auch Mrs. Stella Hollmers im Kurs drücken. Auf keinen Fall könnte er es geschäftlich verantworten, sie beide zusammen herauszustellen.
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