Ich streichele ihn und versuche es nochmal. Ist ja immerhin ein Anfang. Endlich wirkt er beschäftigt, doch er schluckt lediglich meine Originale und wirft quietschend viele weiße Blätter heraus. Dafür mag er meine Kopiervorlagen nicht mehr hergeben. Das komplette Display blinkt feuerrot und eine blecherne Stimme erklärt mir immer wieder: »Papierstau, Papierstau!«
Als wenn ich selbst nicht darauf gekommen wäre! Ich öffne die Plastikhaube und betrachte das Innenleben der modernen Technik. Glücklicherweise sehe ich die Originale, der Kopierer fand es wohl lustig, alles wie ein Akkordeon zusammenzufalten. Das Spanferkel wird das nicht lustig finden, da bin ich mir sicher. Ich streiche die Seiten geduldig glatt und lege sie dem Kopierer wieder ins Maul. Er spuckt wieder nur eine Seite aus.
Da höre ich schon die Stimme der Kollegin Meier, die hat mir gerade noch gefehlt! »Sie bekommen ja auch gar nichts auf die Reihe, Frau Teufel, nichts für ungut. Sie dürfen Kritik nicht negativ verstehen, ich meine es nur gut mit Ihnen.«
Ich ziehe eine Grimasse. Bestimmte Menschen auf unserem Planeten leben nur, weil es auch Klugscheißer geben muss.
»Lassen Sie mich mal ran, ich habe es eilig.« Frau Meier kann alles, weiß alles besser und ist perfekt. Das denkt sie jedenfallsj und ich finde es zu mühselig, sie eines Besseren zu belehren. Soll sie es doch versuchen, sie wird schon sehen, was sie davon hat! Ich trete stumm beiseite. Lässig legt sie ihre Blätter ein, drückt ein Knöpfchen und stellt sich abwartend daneben. Der Kopierer gibt vor so viel geballter Autorität nach und vervielfältigt sorgfältig ihre Seiten. Kaum zu fassen! Ich gehe lieber wieder an meinen Platz und verschiebe das Kopieren auf später.
Frustriert hacke ich auf meiner Tastatur herum, als das Telefon klingelt.
»Vorzimmer Dr. Tiefengrund, mein Name ist Teufel?«, melde ich mich automatisch.
»Hallo, Frau Teufel! Schön, dass Sie da sind! Ich bin gerade in der Stadt und wollte meinen Mann besuchen. Ist er da?« Frau Tiefengrund ist Mutter von drei Kindern, Präsidentin des Museums in der Nordstadt und eine ungeheuer kultivierte und erstaunlich nette Frau.
»Er ist ähm ... gerade in einer Besprechung ... kann er Sie nicht gleich zurückrufen?«, stottere ich unbeholfen. Wie, bitte, hält man eine Ehefrau davon ab, ihrem Mann einen spontanen Besuch abzustatten?
»Es ist ein äußerst wichtiges Meeting, wissen Sie, es geht da um die Fusion ... und, äh, es sind auch noch externe Gäste dabei, das ist immer eine ernste Sache, ich weiß nicht, ob sie bis zur Mittagszeit schon fertig sein werden ... «, versuche ich Zeit zu schinden.
»Ach, ich bin mir sicher, er wird nichts gegen eine nette Unterbrechung haben«, sagt seine Frau leichthin.
»Oh, na ja, nein, eigentlich nicht, aber vielleicht doch, aber wie wäre es denn ... wollen wir Sie nicht lieber zum Mittagessen einplanen, ja? Dann hätten Sie ihn ganz für sich und müssten nicht so zwischen Tür und Angel Hallo sägen, das ist doch eine echt tolle Idee, oder?«, frage ich atemlos. Allmählich gerate ich ins Schwitzen.
»Ach was! Ich stehe ja schon so gut wie vor der Tür. Ich wollte nur mal nach ihm sehen. Ich halte ihn schon nicht zu lange auf.«
»Aber er will auf gar keinen Fall gestört werden ...«
»Bis gleich!«, ruft die Ehefrau freundlich und legt auf.
Oh Gott! Ich muss Pipi. Was soll ich nun machen? Jetzt ist mir auch noch übel.
In panischer Angst greife ich noch einmal nach dem Telefonhörer, der durch meine nassen Finger gleitet und trotzig auf die Glasplatte meines Schreibtisches plumpst.
»Mistding!«, fahre ich den Hörer nervös an, klemme mir den Hörer zwischen Kinn und Brust und lasse das Telefon des Spanferkels Sturm klingeln.
»Jetzt nicht!«, schreit eine gedämpfte Stimme hinter der Tür.
Ich warte fünf Minuten, dann wähle ich noch einmal. »Jetzt nicht!«, wiederholt die dumpfe Stimme eine Spur ärgerlicher.
Nach weiteren fünf Minuten klopfe ich energisch an die Tür. Niemand antwortet. Ich klopfe wieder laut und werfe einen hektischen Blick auf die Uhr. Mistmistmist.
» Chef ...«, setze ich zaghaft an.
»Ich sagte, ich will nicht gestört werden! Sind Sie denn so schwer von Begriff?«, brüllt er.
»Aber Chef, es ist wichtig ...«, versuche ich es verzweifelt.
»Schnauze halten!«
So! Ende! Was nun? Ich muss diese nette, unschuldige Frau Tiefengrund unbedingt davor bewahren, ihren Mann in Flagranti zu ertappen! Es wird ihr das Herz zerreißen! Die armen Kinderchen werden ohne ihren Papa auskommen müssen! Ich habe null Zweifel daran, dass die Ehe und das traute Familienleben der Tiefengrunds schlagartig vorbei sein werden, wenn seine Frau ihn ertappt.
Was soll ich nur tun? Ich streiche mir immer wieder dieselbe Locke aus der verschwitzten Stirn und denke fieberhaft nach.
»Hallo Frau Teufel!« schreckt mich eine freundliche Stimme hinter mir auf.
Erschrocken kreische ich leise auf und wirbele herum.
Frau Tiefengrund lacht.
»Ich wollte Sie wirklich nicht erschrecken. Alles in Ordnung?«
Nein, ich decke nur gerade Ihren Mann, der da drinnen schwer mit seiner Freundin beschäftigt ist, ich will gar nicht wissen, was und wie sie es da treiben, aber sicher treiben sie es doli, danke der Nachfrage, schießt es mir durch den Kopf.
»Ja, danke«, stottere ich stattdessen. Nicht sehr originell, ich weiß.
»Wo ist denn mein kleiner Querkopf?« Neugierig späht seine Frau über meine Schulter zur verschlossenen Bürotür.
»Der ist ... er hat ...«
»Die Besprechung dauert wohl noch an, ja?«
»Ja, so ist es.« Ich muss entsetzlich dringend für kleine Mädchen. Ich fühle mich als Verräterin an meinem Geschlecht. So muss das Spanferkel sich Tag für Tag fühlen.
»Er wird sicher nichts dagegen haben, wenn ich ihn störe.« Ich blockiere noch immer krampfhaft die Tür.
Frau Tiefengrund sieht mich verwundert an und ich gebe mich geschlagen. Soll es kommen, wie es kommen muss. Ich bin unschuldig.
Leichten Schrittes tritt Frau Tiefengrund an die Tür heran und klopft fröhlich.
»Hauen Sie gefälligst ab!«, stöhnt das Spanferkel.
Frau Tiefengrunds Lächeln gefriert sekundenschnell auf ihren Lippen. So stelle ich mir das Schockfrosten von Gemüse vor. Sie blickt von der Tür zu mir und ich merke, wie mir sehr heiß wird. Bestimmt bin ich wieder rot angelaufen, kein gutes Zeichen.
»Hat er Sie etwa damit gemeint?«, fragt sie zutiefst schockiert.
Ich nicke kleinlaut. Die Frau schnappt empört nach Luft.
»So wird er nie wieder mit Ihnen sprechen! Also ehrlich! Das ist ja unverschämt! Dem werde ich was erzählen!«, faucht sie energisch und öffnet mit einem Ruck die Tür. Oh Gott! Ich kann das nicht mit ansehen, wie diese nette Frau ins Verderben schreitet. Ich schließe die Augen und halte den Atem an.
Es ist zu still. Ich blinzle neugierig.
Die unheimliche, schrecklich lang anhaltende Stille, in der Frau Tiefengrund wortlos zusieht, wie die Baduse auf dem halb entblößten Spanferkel sitzt und seine schmalen Lippen mit ihren Schlauchbootlippen aufsaugt und helle Stöhner zum Besten gibt, besiegelt sein Schicksal.
Ich beobachte mit erschrockener Faszination, wie Baduses prall gefüllte Airbags vorne und hinten rhythmisch und vollkommen synchron auf und ab hopsen.
Frau Tief engrund dagegen schweigt noch immer.
»Hans-Jürgen!« Ihre Stimme durchschneidet endlich die Luft so scharf wie ein heißes Messer die Butter.
Endlich öffnet Dr. Tiefengrund seine Augen. Er wirkt zunächst verärgert über die Störung, dann erkennt er seine Frau und sein hochrotes Speckgesicht wird leichenblass.
»Schatzi, hat das kleine Ferkelchen wieder mal einen Durchhänger?«, flötet Baduse atemlos. Die dumme Kuh hatte die betrogene Ehefrau immer noch nicht gesehen! Kaum zu fassen!
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