Ich atme tief durch und beginne zögernd: »Als ich ein kleines Mädchen war, habe ich mir geschworen, niemals eine Familie zu gründen, ohne den passenden Mann gefunden zu haben.« Meine Unterlippe zittert heftig.
»Du hast doch noch jede Menge Zeit, eine Familie zu gründen, Süße«, tröstet Mia.
»Nein. Habe ich nicht.«
Mias Augen weiten sich.
»Wie meinst du das?«, fragt sie.
Ich schaue sie direkt an und ziehe die Brauen hoch.
»Lisa, bist du ... du bist doch nicht ... etwa schwanger?«, fragt sie ungläubig.
Ich starre Mia lange stumpf an und merke, wie meine Nase läuft.
»Also?«, fragt Mia scharf und ihre braunen Augen glänzen besorgt. Ich sage nichts. Wozu auch?
»Du bekommst also ein Baby!«, stellt Mia sprachlos fest.
Ich heule schon wieder. »Ich bin mir ja noch gar nicht wirklich sichter, ich meine ...« aber Mia unterbricht: »Wann hattest du deine letzte Periode?«
»Vor sechs Wochen.«
»Heiliger Torpedo, Lisa! Hast du schon einen Test gemacht?«
»Nein«, erwidere ich kleinlaut.
»Ein Schwangerschaftstest hat so etwas Endgültiges. Wenn ich einen mache und er ist negativ, bin ich wahrscheinlich erleichtert, aber irgendwie sicher auch traurig, denn eigentlich mag ich Babys und hätte gerne auch selbst Kinder. Und wer weiß, ob ich jemals wieder eine Chance bekomme, schwanger zu werden. Und wenn der Test positiv ausfällt, werde ich schockiert sein und in helle Panik ausbrechen, weil ich dann allein erziehende Mutter wäre und damit nicht besser als meine Mutter, und die kennst du ja. Ich wüßte ja gar nicht, ob ich es schaffen würde, ein Baby allein großzuziehen. Deshalb habe ich noch keinen Test gemacht, weil das Ergebnis auf jeden Fall schockierend und beängstigend wäre und ich vor beiden Resultaten Angst habe. Und nun wäre es gleich doppelt schlimm, schwanger zu sein, weil ich nicht nur keinen Vater für das Baby hätte, sondern auch keinen Job mehr habe!«, sprudelt es aus mir hervor.
»Ich verstehe.«
Mia schaut mich einige Minuten lang schweigend an, dann zieht sie mich ins Bad, setzte mich unsanft auf den hölzernen Klodeckel und lässt Wasser in die Wanne einlaufen.
»Ein heißes Bad wird dir gut tun. Wir reden später weiter.« Das hört sich eher an, als würde sie versuchen, sich selbst zu beruhigen.
Ich bedanke mich und strecke mich kurze Zeit später in der Wanne aus, dann ziehe ich den zartrosa Flanellpyjama an, den meine Freundin mir hereinreicht.
Nach dem Bad lasse ich mich müde in mein Bett führen.
»Schlaf’ jetzt«, flüstert sie freundlich. »Morgen wird alles besser aussehen.« Ich höre noch, wie die Tür ins Schloss fällt, dann lasse ich mich in den Sog wilder Träume hinabgleiten.
Irgendwann muss ich auf die Toilette.
Also gebe ich meine strapazierten Augen dem Sonnenlicht preis, das warm und grell meine Bettdecke zu entzünden scheint. Wie spät es wohl ist? Plötzlich erinnere ich mich an gestern und setze mich abrupt auf. Im selben Moment durchzuckt mich ein intensives Schwindelgefühl und mir wird speiübel. Stöhnend schaffe ich es gerade noch, den Klodeckel anzuheben, bevor ich kraftlos niederknie, den Kopf in die Kloschüssel stecke und mich krampfhaft erbreche. Oh Gott, ist mir schlecht! Suchend taste ich nach einem Handtuch.
»Hier.« Mia steht plötzlich in der Tür und reicht es mir.
»Danke«, krächze ich kleinlaut.
»Komm’ erst mal in die Küche und trink’ einen Tee. Der wir dir gut tun.«
Tröstend hilft sie mir auf die Beine und schleift mich bis zum hübsch gedeckten Frühstückstisch. In solchen Momenten bin ich überaus dankbar, eine so tolle beste Freundin zu haben. »Setzen, essen und trinken! « befiehlt Mia streng.
Ich werfe einen Blick auf die Uhr. Es ist acht. Ich kann mich kaum erinnern, wann ich an einem Dienstag zum letzten Mal so spät aufgestanden bin. Mia scheint schon eine ganze Weile auf den Beinen zu sein. Frische Vollkornbrötchen und Croissants, die geradewegs vom Bäcker kommen, ruhen friedlich im Brotkorb.
»Hattest du eigentlich Verwandte, die SS-Offiziere waren?«, stichele ich übellaunig.
»Was glaubst du, wofür mein zweiter Name ›Adolfa‹ steht? Du bist schwanger, das Baby braucht Nahrung, also essen!«, ordnet Mia an.
Ich lächele gepresst und knabbere Mia zuliebe wortlos an einem Vollkornbrötchen.
»Brav!«, lobt Mia.
»Hast du eigentlich hier übernachtet?«
»Nein, ich war zwar zu Hause, habe aber kaum geschlafen. Da dachte ich, ich könnte genauso gut Brötchen holen, um mit dir zu frühstücken«, erklärt sie sachlich.
Mia beobachtet mich aufmerksam. »Hör’ zu: Das mit Tom war bestimmt nur ein Missverständnis. Ich bin mir sicher, dass sich alles aufklären wird, wenn du Tom anrufst. Hier.« Sie hält mir den Telefonhörer vor die Nase.
»Nein! Mag’ ja sein, dass ich mir falsche Hoffnungen gemacht habe, blöde wie ich war, aber die Tatsache, dass er mit mir Schluss gemacht hat, ist ein Fakt und kein Missverständnis. Ich habe mich selbst zum Idioten gemacht und das wird mir sicher kein zweites Mal passieren!«, wehre ich mich heftig.
»Aber ...«, wendet Mia ein.
»Kein aber! Ich will mit Tom nichts mehr zu tun haben! Jedenfalls werde ich mir nie wieder idiotische Hoffnungen auf einen Schein-Antrag machen!«, schreie ich energisch.
Mia schweigt betroffen.
»Aber du ... du bist wahrscheinlich schwanger, bald seid ihr eine Familie, du, Tom und das Baby. Ich meine, okay, heirate ihn nicht, meinetwegen geht getrennte Wege, aber er sollte doch wissen, dass du sein Baby erwartest. Meinst du nicht auch, dass das sein Recht als Vater ist?«, fragt Mia ratlos.
»Nein! Wenn ich schwanger sein sollte, darf er es auf keinen Fall erfahren, hörst du, Mia? Das sieht doch so aus, als wäre das Baby nur Mittel zum Zweck, ihn zurückzubekommen! Das ist erbärmlich und eindeutig unter meiner Würde! Versprichst du mir, es ihm niemals zu sagen, egal, was passiert?«, verlange ich entschieden.
»Okay, okay!« Mia schüttelt vorwurfsvoll den braunhaarigen Kopf. Für sie scheint es schon festzustehen, dass ich Mutter werde.
»Du wirst sehen, bestimmt bekomme ich morgen oder übermorgen meine Tage und die Sache hat sich erledigt«, erkläre ich.
Nach dem Frühstück geht Mia, nicht, ohne angedroht zu haben, bald wieder vorbeizukommen. Bin total kaputt. Könnte mich sofort wieder hinlegen, obwohl ich gerade erst aufgestanden bin. Warum eigentlich nicht? Ich trotte zurück in mein Schlafzimmer. Kurz entschlossen sperre ich den strahlenden Junitag aus und ziehe die Rollos herunter. Ein Blick in die Küche: Der Käse trocknet an den Ecken schon an. Sieht verdammt ekelig aus. Egal! Lasse die Küche so, wie sie ist, aufräumen kann ich auch später noch.
Ich lege mich in mein Bett und frage mich nach dem Sinn des Lebens, meines Lebens. Ich verstehe die Welt noch immer nicht. Ich fühle mich furchtbar.
Der Fairness halber sollte ich klarstellen, dass Tom von meiner Vermutung, dass ich schwanger bin, nichts weiß. Ich wollte es eigentlich niemandem erzählen, bevor ich sicher bin, was ich tun soll. Ich meine, ein Baby zu bekommen ist ja nicht allein eine Sache des guten Willens. Ich habe ja nicht einmal genug Geld, mich selbst über Wasser zu halten, wie sollte ich mich da um ein Kind kümmern? Dass ich Mia gestern Abend von einer bloßen Vermutung erzählt habe, ärgert mich ein wenig. Es kommt doch immer mal vor, dass sich meine Periode mal verspätet, was ist denn schon dabei? Bestimmt kam das nur durch die Aufregung wegen Mias Hochzeit und dem Stress auf der Arbeit. Sicher merke ich jeden Moment, dass ich falsch liege und kann mein Leben erleichtert und ohne vor dem Zwang einer wichtigen Entscheidung zu stehen, wieder neu sortieren. Aber selbst, wenn ich nicht schwanger bin, sitzt der Schmerz, den Tom mir zugefügt hat, doch erstaunlich tief. Es ist auch so schon alles schwer genug, ohne schwanger und arbeitslos zu sein.
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