Zaghaft öffne ich die Tür und luge vorsichtig durch den Spalt.
Bin versucht, eine weiße Fahne zu schwingen, leider sind die Tempos gerade alle.
»Aaaahhh! Endlich! Sind heute wohl net ganz helle, was? Kommense rein, Frau, kommense rein!« Er winkt mich heftig herein.
Tapfer begebe ich mich ins Minengebiet und überschreite die Türschwelle. Um mich herum liegen fröhlich bunte Radiergummis auf dem Boden verstreut. Was denn, Radiergummigeschosse können so ’nen Radau verursachen?
»Also Se apportiern ma jetzt die Radiergummis in meine Schale hier,« er weist auf eine rote Glasschüssel, die randvoll mit Radiergummis ist, »un so nehmen Se jetzt immer ihre Order entgegen, ja?« Freudig reibt sich das Spanferkel die fetten Hände. Fehlt nur noch, dass er sich quiekend vor mir auf dem Teppich wälzt.
Während ich mich bücke, glotzt das Spanferkel mir abwechselnd in den Ausschnitt, auf die Beine oder den Hintern. Tja, was soll ich sagen? Er kann ja gar nichts dafür, schlechtes Benehmen liegt im Naturell aller Schweine. Nun weiß ich jedenfalls, warum er das mit den Radiergummigeschossen eingeführt hat. Schweinische Gelüste und so. Braucht wohl so etwas wie eine Warm-up Runde für Baduse.
Jedenfalls ist mir heute nicht danach, mich ansabbern zu lassen, nicht einmal mit der sicheren Schreibtischbarriere zwischen uns. Sonst bin ich ja nachsichtig und schiebe seine schlechten Manieren darauf, dass kein Schwein so etwas wissen kann, aber heute sollte er doch besser vorsichtig sein. »Wehe dem, der mir heute auf die Füße tritt!« sage ich nur. Noch ehe das Spanferkel eine Order loswerden kann, klingelt es vorne an meinem Schreibtisch. Ha! Schwein gehabt!
Der Elf-Uhr-Termin, Erika Baduse, die fleischgewordene Manifestation der puren Idiotie, wie sie wogt und bebt, steht vorne an meinem Schreibtisch.
Wenn es einen Preis für das dümmste Geschöpf der Welt gäbe, könnte sie keiner schlagen. Und wenn es einen Preis für die meisten Schönheitsoperationen gäbe, würde sie nur mit Pokalen in der Hand herumlaufen. Ob es wohl irgendeinen Bereich ihres deformierten Körpers gibt, an dem nicht irgendwie herumgenäht, gesaugt oder gepiekst oder gepumpt worden ist? Neeee, sicher nicht. Die Frau ist so prall gefüllt mit Silikon, dass sie stellenweise wie eine Wassermelone aussieht. Nehmen wir doch einmal Baduses Lippen. Ach was, das waren irgendwann einmal Lippen, aber jetzt sind sie aufgedunsen und bewegungsunfähig, wie zwei übereinander liegende, kirschrote Bananen. Offiziell ist sie eine Kundin, die Inhaberin einer Autogalerie, die ihr geschiedener Mann mit viel harter Arbeit aufgebaut hatte und die sie ihm dann im Scheidungsprozess abgeknöpft hat. Jeder in der Firma weiß, dass die Wasserstoffsuperoxyd-gebleichte Tussi mit dem Spanferkel mehr tut als sich über Werbekampagnen für Autos zu unterhalten.
Just in diesem Moment tritt Baduse durch die Tür.
Meine Güte! Sie sollte sich ihre Brüste besser nicht noch mehr auf pusten lassen, sonst werde ich Bleigewichte an ihren Beinen befestigen müssen, wenn sie zu uns in den vierten Stock kommt, damit sie nicht davonfliegt!
Baduse grüßt mich nicht, sondern nickt mir nur hochnäsig zu und tritt unaufgefordert in das Büro ein.
Naja, wie soll sie auch grüßen, es fällt ihr sicher schwer, die Lippen zu bewegen, womöglich platzen sie, denke ich hämisch.
»Hallo Ferkelchen!«, flötet Baduse geziert.
Ich kann ein Kichern nicht unterdrücken. Na ja, was Spanferkels Namen angeht, scheinen wir uns doch wenigstens einig zu sein.
»Erika! Schön, dass de endlich da bist. Komm’ her, Süße, und lass dich anschauen. Toll siehste aus, wirklich! Keinen Tag älter als achtzehn!«, schmeichelt Dr. Tiefengrund salbungsvoll.
Erika lacht fiepend. Habe ich erwähnt, dass sie mich unglaublich an Spaghetti Napoli erinnert, mit dem tomatenroten Minikleidchen, das die solariengebräunten Schenkel gerade über der Schamachse bedeckt und den nudelgelben, spaghettidünnen Haaren, die im Verhältnis zum grellroten Mund und der tiefen Bräune ihres Gesichtes wie ein kosmetischer Unfall wirken?
Spanferkels Gesicht ist tiefrot angelaufen, seine Schweinsäuglein kullern glücklich über ihre Beine, den gelifteten Po und den drallen Busen.
»Schatzi, sach deiner Tippse, dass ich Latte will«, quengelt sie mit schmollend vorgeschobener, rotlackierter Lippe, was ich vom wissenschaftlichen Standpunkt her gesehen hochinteressant finde. Dachte wirklich nicht, dass ihre Schlauchboote so mobil sind! Ob sie platzen, wenn man da eine Nadel reinsticht?
»Frau Teufel! Ich will einen Latte Macchiato für Frau Baduse, aber dalli!«, schreit Dr. Tiefengrund wichtigtuerisch.
»Jaja«, knurre ich ungehalten. So’n Vollidiot! Wie wäre es mit »bitte« und »danke«? Das wäre ja wirklich mal eine innovative Verbesserung!
Missmutig bringe ich ihnen den Latte Macchiato, den ich frisch von der Maschine im Flur gezapft habe.
»Schatz, sach der, der Latte is nich heiß genuch. Ich will aber heißen Latte!«
»Warum bringen Se Frau Baduse kalten Kaffee, Frau Teufel?«, fragt Dr. Tiefengrund scharf.
»Schatzi, sach’ der, die soll dat wieda mitnehmen, jetzt mach ich ihn nimmer.«
»Nehmen Sie das Zeug gefälligst wieder mit! «, blafft er mich an.
»Schatzi, die kuckt mich bös’ an. Sach’ der, die soll nich’ so kucken!« Verängstigt kauert Baduse sich eng an ihn.
»Frau Teufel!«, donnert er wütend, »Was fällt Ihnen ein, eine derart wichtige Person wie Frau Baduse so unverschämt anzustarren? Hinaus mit Ihnen, aber ein bisschen dalli, dalli!«, schreit Dr. Tiefengrund.
Verblüfft schaue ich vom einen zum anderen, wobei mir der schadenfrohe Blick und das gemeine Lächeln der Baduse nicht entgehen. Schlecht gelaunt hoffe ich, dass ihr Lächeln in Tausend Silikonbläschen explodiert.
»Schon gut!«, knurre ich wütend und stolziere mit dem Latte Macchiato in der Hand davon.
»Bitte stellen Sie nun keine Anrufe durch und stören Sie uns in den nächsten beiden Stunden nicht mehr, Frau Teufel. Habe ich mich verständlich ausgedrückt?«, ruft er mir nach, während Baduse eifrig auf seinen Schoß klettert und ihr Silikon vertrauensvoll in seine Hände legt.
Laut knalle ich die Tür zu und stelle den Latte Macchiato so heftig auf den Tisch, dass er überschwappt und ein cremefarbener Schaum auf die Glasplatte tropft.
Was für ein Blödmann und was für eine elende Schlampe! Wofür hält die sich eigentlich? Als ob nicht jeder weiß, was er und Schlauchbootlippe da drinnen nun treiben! Lächerlich!
Ich schnappe mir einen Haufen Dokumente, die dringend durch den Kopierer gejagt werden müssen und schlendere in den Korridor, wo er steht, der niegelnagelneue Develop 2035, mit digitalem Display, automatischem Zoom und eleganter Loch- und Heftfunktion. Es gibt Kollegen, die finden, dass dies ein irre hochtechnologisches, supermodernes Gerät ist. Das sind dieselben Leute, die morgens auf ihrem Hollandrad in die Tiefgarage rollen und sich gebärden, als hätten sie gerade einen heißen Ritt auf einer Harley hinter sich. Mir ist das Ding jedenfalls nicht geheuer. Irre finde ich es auch, aber in einem ganz anderen Kontext. Der Kopierer kann mich nicht leiden, davon bin ich felsenfest überzeugt. Vorsichtig schleiche ich mich an ihn heran.
Sein Display blinkt gefährlich grün und rot auf. Ein wenig sieht er aus, wie der »Terminator« im Todeskampf. Behutsam lege ich die Seiten in das Fach und drücke den Knopf, der die Maschine in Gang setzen soll. Leider passiert nichts. Ich drücke noch mal und dann noch zwei weitere Male. Unsicher schaue ich mich um.
»Los, mach’ schon!«, rede ich ihm gut zu, als ich mich unbeobachtet fühle und tatsächlich gibt er nun kleine Lebenszeichen von sich. Er rattert eine Weile und spuckt dann ein kohlschwarzes Blatt Papier aus.
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