»Wir sollten uns für eine kurze Zeit trennen!«, brüllt er mit verzweifelter Lautstärke.
»Schrei’ mich gefälligst nicht so an! Der Rest des Restaurants muss ja nicht mithören, wie du mich in aller Öffentlichkeit demütigst!«, schreie ich mit tränenerstickter Stimme zurück.
»Ich schreie nicht, du schreist!« ruft er, unbehaglich um sich blickend, zurück.
»Das stimmt gar nicht!«, keife ich und haue heftig mit der Faust auf den Tisch. Das Rotweinglas zu meiner Rechten gibt der Erschütterung nach und fällt gnadenlos auf meinen Schoß. Ich merke kaum, wie der Wein meine Schenkel hinabtropft. »Warum?«, schreie ich nur.
»Schscht ... die Leute gucken schon alle«, versucht Tom mich zu beruhigen.
»Dann lass die verdammten Leute doch meinetwegen gucken!«, kreische ich hysterisch.
»Warum? Jetzt antworte mir gefälligst!« Ich will am liebsten heulen und um mich schlagen, aber ich kann mich nicht einmal bewegen.
»Lisa, der Job braucht meine volle Konzentration. Ich muss doch erst einmal etwas aufbauen, verstehst du das denn nicht?«
»Du hast mein Leben versaut, was gibt’s denn da noch zu verstehen?«, heule ich mit bebender Unterlippe.
»Bitte versteh’ doch, ich stehe im Moment sehr unter Druck, mein Chef setzt mir zu, weil er denkt, ich arbeite nicht hart genug an meiner Karriere und ... unter solchen Umständen ist doch auf keinen Fall an eine Hochzeit zu denken.« Flehend greift er nach meiner zitternden Hand.
»Du willst also nicht heiraten. Mich nicht heiraten oder grundsätzlich nicht heiraten?«, hake ich erschüttert nach.
»Naja, irgendwann einmal, vielleicht, aber jetzt auf gar keinen Fall ...«, versucht er zu erklären.
»Wann denn?«
»Naja später, wenn ich keinen Stress mehr und eine leitende Position habe«, versucht er sich zu verteidigen.
»Du ... du lenkst mich ab, verstehst du? Wenn ich mit dir zusammen bin, kann ich mich nicht mehr auf den Job konzentrieren«, flüstert er leise.
»Ich lenke dich ab?«, heule ich und verstehe die Welt nicht mehr.
»Dann heirate doch das hier!«, brülle ich verzweifelt. Das Eiswasser aus dem Sektkühler, der auf dem Servierwagen neben dem Tisch steht, fließt ihm in einem herrlichen Schwall über seinen Schoß.
»Ich werde dich niemals heiraten, selbst dann nicht, wenn du auf blanken Knochen angekrochen kommst!«, schluchze ich abgehackt.
»Ach ja? Das passt ja gut! Ich werde dich nämlich niemals fragen!«, brüllt Tom wütend zurück und wirft den Aluminiumeimer polternd fort.
Längst ist das geschäftige Murmeln um uns herum verstummt. Selbst der unauffälligste Furz hätte diese Stille laut wie ein Trompetenstoß durchschnitten.
»Juan! Rufen Sie mir sofort ein Taxi!«, befehle ich donnernd.
Kellner Juan, der in heller Panik um uns herumgetrabt ist, eilt sogleich ans Telefon, während ich mit tränenverschmiertem Gesicht aus dem Raum stürme.
2. Spanferkel und Schlauchbootlippen
Mein persönliches Scheusal ist nicht irgendein Scheusal, sondern meine Strafe für alle schlechten, abgrundtief bösen Sünden, die in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft auf meine Rechnung gehen.
Anders kann ich mir dieses Phänomen »Chef« nicht erklären.
Wenn man das überhaupt so nennen kann. Mein Chef ist die Inkarnation von allem, was man sich an einem Vorgesetzten nicht wünscht: Er ist ein Nörgler, ein Langeweiler, ein Paragraphenreiter, er ist unfreundlich, sehreit gerne und oft und hält sich für Casanova höchstpersönlich. Man muss meinem Chef aber auch Gutes anrechnen: Er hält einen immer ganz schön beschäftigt, das lenkt mich dann wenigstens tagsüber etwas ab.
»Junge Frau! Wie schön, dass Sie uns auch wieder einmal beehren!«, poltert es auch schon ironisch hinter mir. Ach was, auch schon da. Ungewöhnlich früh, im Übrigen. Sonst taucht er immer erst so gegen zehn Uhr auf.
Dr. Tief engrund ist ein kleiner, dicker Mann mit einer Halbglatze, die er mit einem ungeheuer schlecht sitzenden Toupet stets zu kaschieren bemüht ist. Das Toupet fällt nicht nur durch die schlechte Passform auf, sondern auch dadurch, dass es heller ist als seine eigenen Haare. Schaut ein bisschen so aus wie Janoschs Tigerente, wenn ich es mir recht überlege. Dr. Tiefengrund ist wegen seines enormen Leibesumfanges immer außer Atem und hat, weil er immer atemlos ist, stets einen hochroten Kopf. Kann man nachvollziehen, finde ich. Atmen ist ja auch anstrengend!
Weil er unheimlich unfit ist und sich ständig am Rande eines Herzinfarktes bewegt, ist er stets übel gelaunt. Er sieht ein wenig aus wie ein Schwein, finde ich. Deshalb nenne ich ihn immer »Spanferkel«, wenn ich über ihn spreche, das verleiht ihm wenigstens einen Hauch von Humor. Böse Zungen würden sagen, dass ich die Reputation meines Vorgesetzten auf diese Weise zerstöre, aber es ist überhaupt nicht nötig, seinen Ruf zu schädigen. Der ist schon hin. Über mein Spanferkelchen quatscht man vom ersten bis ins sechste Stockwerk mehr als genug. Die Skandale kleben an ihm wie sein ständiger Mundgeruch.
Neulich beispielsweise hat er eine Kundin, die sich telefornisch beschweren wollte, furchtbar abgekanzelt. Sogar hinter verschlossener Tür war sein Gebrüll noch zu verstehen. Keine fünfzehn Minuten später ist jemand aus der sechsten Etage heruntergekommen. Die sechste kann man sich als unseren Olymp vorstellen, denn die Götter, denen wir huldigen, sitzen dort in tadellos sitzenden Nadelstreifenanzügen und beobachten uns mit Argusaugen. Dann gibt es noch die Halbgöttinnen, das sind die rechten Hände unserer Vorstände in der sechsten Etage, die makellosen Mega-Assistentinnen.
Und so eine gut gekleidete rechte Hand stolzierte ohne ein Begrüßungswort an mir vorbei, öffnete die Tür zum Spanferkel und verkündete mit arktischer Stimme: »Herr Dr. Salz möchte Sie unverzüglich sprechen.« Es stellte sich heraus, dass die Kundin, Frau Dr. Salz, die Frau des Vorstandsvorsitzenden gewesen war.
Lange erzählte man sich diesen Mythos hinter vorgehaltenen Händen und amüsierte sich königlich. Und mein Ferkelchen hatte von all den Gerüchten nie auch nur den Hauch einer Ahnung. Manchmal frage ich mich, ob er einfach nur ignorant ist und nichts merkt oder ob er das Getuschel im Flur gar nicht bemerken will.
»Guten Morgen«, grüße ich höflich.
»Kommen Se gleich in mein Büro, ja? Frau Baduse wird mich heute früh aufsuchen, und ich will dann nicht weiter gestört werden. Wie Sie ja bereits wissen, ist sie eine wichtige Klientin und verlangt meine volle Aufmerksamkeit«, schnauft Chefchen lokomotivartig und walzt dann in seine Gemächer. Aha! Daher weht der Wind! Morgendlicher Sex mit seiner Freundin ist angesagt. Also hatte das Spanferkelchen gestern Nacht Stress mit der Gattin. Was die an ihm gefunden hat, ist uns allen hier ein Rätsel. Frau Tiefengrund ist nämlich eine wirklich intelligente und schöne Frau. Man hätte ihr mehr als diese Art von Göttergatte zugetraut.
Der Vormittag fliegt dahin.
Ich lege Dokumente in Ordnern ab, nehme unzählige Telefonate entgegen, schreibe einige Briefe und beantworte die wichtigsten E-Mails. Die Tür, die das Büro des Spanferkels mit meiner verbindet, ist, wie üblich, geschlossen. Das empfinde ich durchaus als Wohltat. So kann er mich wenigstens nicht alle fünf Minuten nerven.
Was gibt es denn Neues? Aha, eine Kundenbeschwerde. Das Beantworten schriftlicher Beschwerden ist seit dem Vorfall mk Frau Dr. Salz mein Job.
»Sehr geehrter Herr ...«, beginne ich konzentriert. Nachdenklich kaue ich an meinem Bleistift. Vielleicht sollte ich doch besser anru ...
»Peng!«
Erschrocken lasse ich den Bleistift fallen. Das Spanferkel ist ja seines Titels ein würdiger »Creative-Director«, sein Erfindungsgeist kennt also folglich keine Grenzen. Er erfindet ständig neue Methoden, mich in sein Büro zu beordern. Vor einem Jahr beispielsweise hat er lauthals »Frrrraauuu Teuuuufeeeell!« durch die geschlossene Tür geschrien. Schwer zu ignorieren, so ein Gebrüll. Als ihm das nach einiger Zeit zu langweilig erschien, hat er einen Gong aus Messing geschlagen, den er neben seinem Tisch angebracht hatte. Der war ihm jedoch nicht laut genug, so dass ich das leise »Boiiing!« oft erfolgreich ignorieren konnte. Der Gong ist dann einer goldenen Kuhglocke gewichen. Deren Läuten hat mich immer stark an eine dahinsiechende Kuh im Todeskampf erinnert. Das »Peng« ist allerdings neu. Hört sich an wie ein Pistolenschuss. Ob er sich neuerdings ein Luftgewehr gekauft hat? Genervt seufzte ich auf und trete an die Tür, als ich dicht vor meinem Kopf ein erneutes »Peng« vernehme. Die Tür erzittert kurz und ich schrecke zurück und warte mit klopfendem Herzen einige Sekunden ab.
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