Dreizehn an der Zahl.
Vier Assassinen, Nick, Malik sowie sieben unserer besten Wachen aus Arcadia. Unter ihnen Avil und ein anderer Krieger, den ich in der letzten Zeit häufiger gesehen hatte. Milkail, erinnerte ich mich. Malik hatte ihn mir als einen seiner Stellvertreter vorgestellt. Er meinte es also wirklich ernst. Das würde mir meine Mission erschweren, aber darüber würde ich nachdenken, wenn es soweit war. Dank meines kleinen Ausrasters in Arcadia mieden die Minister mich, wo sie nur konnten. Wahrscheinlich plante Minister Laurenti just in diesem Moment einen Putsch. Ein Gutes hatte es jedoch, ich war frei. Minister-frei sozusagen, und das hieß auch, dass ich tun und lassen konnte, was ich wollte. Naja, fast.
Aber immerhin hatte ich mir mein Outfit für diese Mission selbst ausgesucht. Pragmatisch in Jeans, Shirt und Lederjacke gekleidet, hatte ich mir nicht nur meine Waffenholster umgebunden und die Wurfmesser eingesteckt, ich hatte zur Sicherheit auch noch eins der Katana aus dem Trainingszentrum mitgenommen. Und sogar meine Magie hatte ich beim Verlassen des Portals gespürt. Ein leichtes Pulsieren ging durch meine Adern und tatsächlich: Das Miststück reagierte endlich mal auf etwas anderes als Lucan Vale. Offensichtlich mochte sie Crinaee nicht sonderlich. Oder meinen Plan, mutmaßte ich, als ich meine neue Umgebung aufmerksam musterte. Sumpflandschaften, wohin das Auge blickte. Dichter Urwald mit hohen Bäumen und Palmen, kleine pfützenartige Seen und eine extrem hohe Luftfeuchtigkeit. Augenblicklich bildete sich ein leichter Schweißfilm auf meiner Stirn.
»Fast so schlimm wie Abbadon«, fluchte King neben mir leise.
»Aber wenigstens frei von Dämonen.« Nick zog eins der beiden Schwerter auf seinem Rücken und blickte in die Runde.
»Bleibt wachsam. Ich glaube nicht, dass Narcos uns nur aus Neugier eingeladen hat.«
Die Männer nickten grimmig. Wie würden sie wohl reagieren, wenn sie den wirklichen Grund dieses Besuchs erfuhren?
Die Hand an meinen Waffen, folgte ich den anderen dichter hinein in den Dschungel. Die Luftfeuchtigkeit war so hoch, dass es mir schwerfiel zu atmen. Links und rechts raschelte es im grünen Dickicht und ich spürte die Anspannung der Krieger um mich herum deutlich. Nervös sah ich mich um. Aber wir waren allein. Noch. Ein paar Minuten kämpften wir uns durch den dichten Dschungel, ehe wir an eine große Lichtung kamen.
»Dort drüben«, sagte Nick und wies auf ein paar heruntergekommene Ruinen vor uns, »liegt Thalos.«
Das sollte die verwunschene Hauptstadt Crinaees sein?
»Lass dich nicht vom Äußeren täuschen, Prinzessin«, flüsterte Lucan neben mir, »die Ruinen an der Oberfläche dienen nur der Tarnung. Thalos liegt unterhalb, im Verborgenen.«
Verborgen unter der Erde? Narcos schien noch paranoider zu sein, als ich angenommen hatte.
Malik hob eine Hand und brachte uns so zum Schweigen. Lucan trat vor und schob mich elegant ein Stück hinter sich. Augenrollend trat ich um den Assassinen herum und stellte mich neben ihn. Malik löste sich aus unserer kleinen Gruppe und machte ein paar Schritte in Richtung der Ruinen. Ein zischendes Geräusch ertönte und aus dem Nichts sauste ein Pfeil auf meinen General zu und bohrte sich wenige Zentimeter vor ihm in den Boden.
»Gebt Euch zu erkennen«, hörte ich eine tiefe Stimme vor uns rufen. Sehen konnte ich jedoch niemanden. Malik wollte antworten, aber ich kam ihm zuvor. Unter den missbilligenden Blicken der Krieger trat ich ebenfalls vor.
»Mein Name ist Lillianna Callahan, Prinzessin Alliandoans. Ich bin auf Einladung Eures Königs hier.«
Einen Moment lang war es absolut still auf der Lichtung. Dann jedoch verwandelten sich die Blätter und Bäume um die Ruine herum in Männer. Krieger, um genau zu sein.
Mindestens zwanzig, in dunkles Leder gekleidete Wachen traten aus dem grünen Dickicht, das sie – höchst wahrscheinlich mit Hilfe ihrer Magie oder eines Zaubers – als Tarnung verwendet hatten, und erschienen auf der Lichtung vor uns. Einer von ihnen, ein großer, grimmig aussehender Unsterblicher mit blauschwarzen langen Haaren, trat vor und musterte unsere Gruppe aufmerksam.
»Keine Waffen.«
»Keine Waffen, kein Treffen«, antwortete Malik und trat unbeeindruckt um den Pfeil herum. Die Männer vor uns hoben Pfeil und Bogen und alle Pfeilspitzen richteten sich geradewegs auf meinen General. Duncan hüpfte nervös von einem Bein auf das andere und wahrscheinlich wäre er vorgeprescht, hätte Lucan nicht gebieterisch eine Hand gehoben.
»Das würde ich nicht tun an eurer Stelle.«
Lucans Stimme war ruhig. Kaum wahrnehmbare Schatten umgaben den Assassinen und seine Gestalt flackerte bedrohlich, bereit einzugreifen, wenn nötig. Wie immer konnte solch eine Situation den Assassinen-König nicht aus der Ruhe bringen. Er war bereit, aber alles andere als nervös. Der Blick der Wachen wanderte vorbei an Malik, zu mir und letztendlich zu Lucan. Ein paar der Krieger schienen zu verstehen, wer dort vor ihnen stand, denn ihre gespannten Bögen senkten sich leicht.
Obwohl sie in der Überzahl waren, zweifelte ich nicht im Geringsten daran, dass wir sie fertig machen könnten. Ich hatte die Assassinen bereits in Aktion erlebt und niemand, absolut niemand kämpfte so wie Lucan und seine Männer. Wahrscheinlich würden King, Duncan, Alex und er die Männer vor uns auslöschen, ehe Malik oder einer meiner Wachen auch nur reagieren konnten. Offensichtlich waren Narcos Männer zu dem gleichen Schluss gekommen, denn einer nach dem anderen senkten sie ihre Waffen.
Ihr Anführer verstaute seinen Bogen, drehte sich um und dort, wo ich bis eben nur Blätter und Büsche erkannt hatte, offenbarte sich ein Durchgang. »Folgt uns.«
»Keine Spontanaktionen«, sagte Malik und drehte sich zu mir um.
»Du bleibst im Hintergrund, Lilly und keine Spontanaktionen .«
Heilige Balance. Malik hatte sich noch immer nicht von Vesteria erholt, was würde passieren, wenn er erfuhr, warum ich wirklich hier war? Ich nickte nicht weniger grimmig und eingekesselt durch Lucan und Nick, folgte ich Malik und seinen Männern durch ein paar enge, überwucherte Gänge hinein in den Palast. Duncan, King und Alex bildeten das Schlusslicht.
Von außen unscheinbar, war Narcos Palast im Inneren umso beeindruckender. Kleine Flüsse flossen durch die großzügigen Korridore des Palastes. Risse zogen sich durch den blau schimmernden Boden, Gemälde hingen schief und ganze Tapetenfetzen fehlten an den überwucherten Wänden. Die Decken waren bedeckt von Schlingpflanzen und mehrere Kronleuchter baumelten mal stabil, mal weniger stabil von der Decke des großen, luftigen Thronsaales, den wir soeben betraten.
Obwohl alles heruntergekommen und vernachlässig wirkte, war der Prunk noch immer zu erkennen. Der Palast musste einst prachtvoll gewesen sein. Bevor Narcos ihn unter die Erde befördert hatte.
Narcos selbst ausfindig zu machen, war nicht schwer. Der falsche König saß auf einem beinahe durchsichtigen, sich bewegenden Thron inmitten des Raumes. Ich schaute genauer hin und tatsächlich, es war Wasser. Er saß auf einem Thron aus Wasser. Seine langen, bläulichen Haare flogen um sein hageres Gesicht und er schenkte mir ein haifischartiges Lächeln, wobei er eine Reihe spitzer, kleiner Zähne enthüllte. Offensichtlich wehte hier unten eine Brise, die nur Narcos zu erreichen schien, denn weder wir noch die Wachen hinter Narcos, wurden von dem Windhauch erfasst. Es war eine dramatische Geste, eine Showeinlage, mehr aber auch nicht. Die fast weißen Augen des falschen Königs waren fest auf mich gerichtet. Aus der Entfernung hatte seine weiße Haut wachsartig und leblos ausgesehen, jetzt aber, da wir nähertraten, erkannte ich einen hübschen, blauen Schimmer. Beinahe so, wie die Schuppen eines bunten Fisches. Von allen Unsterblichen, die ich bis jetzt gesehen und kennengelernt hatte, waren die Engel, rein optisch betrachtet, die äußerlich unscheinbarsten. Mit Sicherheit war das einst anders gewesen, damals, als sie – als wir – ein Paar beeindruckender Flügel vorzuweisen gehabt hatten. Da dies jedoch nicht mehr der Fall war, sahen die meisten Engel zwar interessant, aber weitestgehend normal aus. Eine fiese Täuschung. Narcos hingegen glich einem Wesen aus einem Märchenbuch. Oder einem Horrorfilm.
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