1 ...8 9 10 12 13 14 ...17 Fast alles.
Bern, Waisenhausplatz, 21. November 2019, 10:15
Lisa saß mit Zigerli im Pausenraum des Dezernats Leib und Leben. Seit ihrem Ermittlungserfolg mit den Algenproben waren sie keinen Schritt weitergekommen. Keinen Millimeter. Es waren seither fast zwei Tage vergangen. Die Gedanken drehten sich bei Lisa im Kreis. Zig Mal war sie mit Zigerli die bisherigen Ereignisse nochmals durchgegangen. Verzweifelt hatten sie versucht, irgendwo einen Hinweis zu finden, der ihnen half, den Ermittlungsfaden wieder aufzunehmen. Der Faden war gerissen. Gerissen und verschwunden. Noch schlimmer, als an die Suizidthese von Trachsel zu glauben, war ein unaufgeklärter Mord. Lisa spürte, wie ihre Unzufriedenheit und Frustration wuchsen; von Stunde zu Stunde. Sie konnte nicht wissen, dass der Faden bald wieder auftauchen würde.
Und mit dem Faden eine Katastrophe. Eine schreckliche Katastrophe.
Murten, Hauptgasse, 22. November 2019, 09:10
Alva Manaresi saß in einem behaglichen Café in der Innenstadt von Murten und hoffte, in gemütlicher Kaffeehausatmosphäre leichter Zugang zu Franz Kafkas Die Verwandlung zu finden. Bisher Fehlanzeige. Sie hasste Kafka. Seine grotesken und absurden Erzählungen waren nicht ihr Ding. Überhaupt nicht.
Die jüngste Tochter von Elin und Luca Manaresi unterschied sich grundlegend von ihren älteren Schwestern Lisa und Siri. Alva hatte weder die Schönheit und Ausstrahlung ihrer Mutter Elin noch viel von der Italianità ihres Vaters Luca geerbt. Alva war ein 19-jähriges Mädchen, welches gerne seinen Tagträumen nachhing. Sie war eine Einzelgängerin, im Grunde sehr liebenswürdig, konnte Leute aber gehörig vor den Kopf stoßen, da sie oft einfach drauflos plapperte und erst dann überlegte. Sie hasste Sport, egal in welcher Ausprägung. Dennoch machte Alva einen durchaus sportlichen Eindruck, was ihre Einstellung, keinen Sport zu treiben, weiter bestärkte.
Zurzeit befand sich Alva im Abschlussjahr am Gymnasium Kirchenfeld. Und damit auch bei Kafka und seiner idiotischen Erzählung Die Verwandlung. Es ging dort um den Geschäftsreisenden Gregor Samsa. Dieser war von seiner Arbeit ausgelaugt. Eines Morgens erwachte Samsa aus seinen unruhigen Träumen und machte eine schockierende Feststellung: Geprägt von Leid und Schmerz hatte er die Gestalt eines Käfers angenommen. Die Erzählung drehte sich langfädig und surreal um das Leben dieses doofen Käfers. Zäh.
Das waren zumindest die Einschätzungen aus der Perspektive von Alva Manaresi.
Ein leises Surren ihres Smartphones holte Alva in die viel spannendere Gegenwart zurück.
»Hallo, Sophia. Du bist meine Rettung. Ich werde gerade von einem Käfer zermürbt.«
Sophia, eine Klassenkameradin von Alva, war es gewohnt, dass Alva manchmal komisches Zeug daherredete. Die Geschichte mit dem Käfer hatte sie deshalb nicht groß aufgeschreckt.
»Alva, hast du Lust, heute Abend mit mir zum Stufenbau zur Felsenau-Biernacht zu kommen?«
Der Stufenbau war ein Eventlokal am Stadtrand von Bern und Felsenau der Name einer alteingesessenen Bierbrauerei, unweit des Stufenbaus direkt an der Aare.
»Ich … ich weiß nicht«, stotterte die überrumpelte Alva. Bierfeste standen in Alvas Gunst gleich neben Kafka. Nicht ihr Ding. Sie konnte nicht verstehen, dass sich viele ihrer Freundinnen und Freunde Woche für Woche mit diesem bitteren, urinfarbenen Gesöff volllaufen ließen.
»Sei kein Frosch. Die Caribic-Night im Stufenbau vor zwei Wochen hast du geliebt.«
Da hatte Sophia recht; aber eine vergangene coole Party war noch lange kein Grund, einen freien Abend für ein ekliges Bierfest zu vergeuden. Auf der anderen Seite wollte Alva dem Enthusiasmus ihrer Freundin keinen Dämpfer versetzen. Deshalb hörte sie sich sagen:
»Okay, wann geht es los?«
»Um 20.30 Uhr, treffen wir uns direkt am Eingang beim Stufenbau.«
»Abgemacht«, beendete Alva das Gespräch. Kaum hatte sie aufgelegt, bereute sie bereits die gemachte Zusage. Die Aussicht, die kommenden Stunden in erster Linie mit Kafka und Bier zu verbringen, verursachten ihr eine leichte Übelkeit. Alva überlegte sich, ob sie die Zusage zum Bierfest wieder rückgängig machen sollte. Sie verwarf den Gedanken gleich wieder. Es blieben die trüben Aussichten und die dunklen Gedanken. Novemberblues.
Alva merkte deshalb nicht, wie der Gast am Tisch neben ihr aufstand, sich kurz am rechten Ohrläppchen kratzte und zügig das Lokal verließ.
Bern, Waisenhausplatz, 22. November 2019, 12:40
Während der Mittagspause hatte sich Max Obermaier, der bayrische Gastkommissar, zu Lisa an den Kantinentisch gesetzt und sie mit seiner einfallslosen Angeberei genervt. Am liebsten hätte ihm Lisa direkt ins Gesicht gesagt, dass er sie mit seinem Gesülze in Ruhe lassen soll. Sie hatte aber ein Einsehen mit dem Gast aus Bayern und musste nun dafür büßen. Endloses Gefasel. Obermaier lobte gerade seinen Kollegen Trachsel über den grünen Klee. Weltklasse sei es gewesen, wie Trachsel den Fall mit dem Sturz von der Kirchenfeldbrücke in Rekordzeit gelöst hatte. Man sei sehr stolz in Schrobenhausen, dass man mit Leuten wie Trachsel zusammenarbeiten dürfe. Zum Kotzen.
Schließlich passierte das Unerwartete. Obermaier fand für Lisa den Ermittlungsfaden wieder, wenn auch unbeabsichtigt.
Irgendwann waren die Berichte über die Heldentaten von Obermaier und Trachsel erschöpft. Obermaier war deshalb dazu übergegangen, Lisa mit Komplimenten zu überhäufen und ihr mehr oder weniger eindeutige Avancen zu machen.
»Frau Manaresi, für mich sind Sie die Aphrodite Berns«, säuselte Max Obermaier in Lisas Ohr. Lisa war kurz versucht, ebenfalls die griechische Mythologie zu bemühen und ihm zu antworten:
»Und Sie für mich die Schrobenhausener Hydra.« Sie ließ es im letzten Moment bleiben.
»Die Männer stehen auf Sie, Frau Manaresi. Aber das wissen Sie selbst. Erst vor drei oder vier Tagen hat sich ein ziemlich schräger Typ direkt hier bei uns auf der Hauptwache nach Ihnen erkundigt. Der wollte eine Menge über Sie wissen. Was Sie in Ihrer Freizeit tun, wo Sie gerne essen gehen und …«
»Und Sie gaben bereitwillig Auskunft. Die Polizei, dein Freund und Helfer.«
»Wo denken Sie hin, natürlich nicht. Datenschutz ist mir heilig. Erst recht, wenn es dabei um Kollegen geht. Einzig Ihre Schwäche für Roastbeef im Restaurant Schwarzwasserbrücke ist mir herausgerutscht. Das ist ja zum Glück keine sensible Information.«
Allmählich kam sich Lisa wie in einem schlechten Film vor. Sie hatte immer mehr den Verdacht, dass die Schrobenhausener Polizei den Kollegen Obermaier nach Bern abgeschoben hatte, um für ein paar Monate in Ruhe arbeiten zu können. Dass der Austausch eine Belohnung für außerordentliche Leistungen sein sollte, konnte sie sich nicht vorstellen.
»Herr Obermaier, es geht niemanden etwas an, was ich gerne und wo esse«, entgegnete Lisa lauter als geplant. Obermaier zuckte leicht zusammen.
»Es tut mir leid. Zur Wiedergutmachung lade ich Sie zu Ihrem Leibgericht ins Restaurant Schwarzwasserbrücke ein. Wann immer Sie wollen.«
»Danke, das brauchen Sie nicht. Erzählen Sie mir lieber, was an dem Mann, der sich über mich erkundigt hat, so schräg gewesen ist«, wiegelte Lisa ab.
»Nun, die Fragen, die er gestellt hat. Und dann hatte er auf der rechten Seite ein völlig verkrüppeltes Ohr. Es sah aus, als ob ihm jemand einen kleinen Blumenkohl an den Kopf genäht hätte.«
»Können Sie mir genau sagen, wann dieser Mann hier aufgetaucht ist?«
»Das muss am Freitag gewesen sein, das heißt am 16. November – vor vier Tagen. Ich weiß das so genau, weil Trachsel und ich gerade zum Feierabendbier aufbrechen wollten. Es war gegen 15.30 Uhr.«
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