Sie erhielt keine Antwort. Ein kurzes stummes Lächeln war alles, was sie dem Fremden als Reaktion auf ihre Frage entlocken konnte. Alva war mit einem Mal klar, dass sie einen schrecklichen Fehler begangen hatte. Sie spürte, wie sich Panik wie eine dunkle Gewitterwolke in ihr ausbreitete. Ihr Bauch verkrampfte sich, und in ihrem Hals wuchs ein Kloß, der immer größer wurde.
»Bitte halten Sie an und lassen Sie mich aussteigen«, bettelte Alva. Zu ihrer Überraschung verließ der Mann kurz darauf bei der Ausfahrt Kiesen die Autobahn.
Alva schöpfte Hoffnung, dass alles gut werden würde. Vielleicht hatte sie den Teufel doch zu früh an die Wand gemalt. Wenig später rumpelte das Auto über einen kleinen unbefestigten Parkplatz und hielt hinter einer Abfallmulde. Dann ging alles sehr schnell.
Alva wollte mit einem kurzen »Danke« einfach aus dem Auto stürmen. Der Fremde hatte einen anderen Plan. Das Auto war noch nicht völlig zum Stillstand gekommen, als er sich zu Alva umdrehte und sie mit seinem rechten Arm in den Sitz drückte. In der linken Hand schwenkte er ein kleines Seil. Bevor Alva reagieren konnte, war er über ihr und presste sie mit seinem Gewicht fest in den Beifahrersitz. Er hatte nun beide Hände frei. Alva konnte sich keinen Millimeter bewegen, geschweige denn zur Wehr setzen. Es war für ihn ein leichtes Spiel, Alva zu fesseln und ihr die Augen mit einem Tuch zu verbinden. Schließlich stopfte er ihr einen Stofflappen in den Mund, damit sie weiter still blieb. Alva hatte nicht einmal versucht zu schreien. Sie war wie gelähmt. Geschockt.
Kurz darauf packte sie der Fremde und warf sie sich wie einen Mehlsack über die Schulter. Ein paar Sekunden später landete sie unsanft im Kofferraum des Autos. Als er diesen verschloss, wurde das Schwarz vor ihren Augen noch schwärzer.
Kurz darauf setzte sich das Fahrzeug wieder in Bewegung. Nach ein paar Minuten wurde das Motorengeräusch regelmäßiger. Alva nahm an, dass sie sich wieder auf der Autobahn befanden.
Wohin würde er mit ihr fahren? Und was würde sie dort erwarten?, begann sich Alva zu ängstigen. Etwas in ihrem Inneren riet ihr, nicht in Mutlosigkeit zu verfallen. Sie musste jetzt kämpfen. Dabei dachte sie fast augenblicklich an ihre ältere Schwester Lisa. Lisa würde wahrscheinlich nie in eine solche Situation geraten. Und wenn doch, dann würde sie sich wehren – bis aufs Blut.
Nach ein paar Minuten hatte sich Alva soweit beruhigt, dass sie wieder halbwegs klar denken konnte. Es war wichtig, alle Informationen über ihren Peiniger zusammenzutragen.
Was wusste sie über ihn? Nichts. Fast nichts.
Sie kannte sein Gesicht und sein ungefähres Alter. Daneben besaß der Fremde zwei weitere Auffälligkeiten. Erstens: Das rechte Ohr glich einem Blumenkohl. Alva erinnerte es auch an ein bösartiges Geschwür. Zweitens: Der Fremde stank nach Alkohol. Als er sie fesselte, roch sie seinen süßlichen Atem. Sogar im Kofferraum konnte sie seine unangenehme Ausdünstung riechen. Sie betete, dass sie sich nicht in den Knebel übergeben musste.
3»Bärner Müntschi»: Berner Kuss
Bern, Altenberg, 23. November 2019, 07:35
Luca hatte wieder eine böse Nacht hinter sich. Seine Albträume hatten ihn über Stunden gemartert. Als er gegen Morgen endlich in einen unruhigen Schlaf verfiel, wurde er durch das leise Schluchzen von Elin geweckt. Sie kämpfte mit dem Schmerz, welcher der Tod von Siri in die Familie Manaresi gebracht hatte. Luca spürte, wie auch ihm Tränen in die müden Augen stiegen. Damit war das Thema Schlaf für eine weitere Nacht erledigt.
Als kurze Zeit später der Wecker mit schadenfrohem Gebrüll den Tag einläutete, hatte Luca das Gefühl, dass seine Arme und Beine über eine Streckbank gezogen worden waren. Besonders die Schmerzen in seiner rechten Hand waren derart stark, wie er sie seit Jahren nicht mehr erlebt hatte. Als Jugendlicher hatte Luca in seiner Heimat einen schlimmen Unfall mit der Pizzateigmaschine seines Onkels gehabt. Bei einer Mutprobe mit Freunden hatte ihm der Knethacken die Mittelhand- und Handwurzelknochen seiner rechten Hand zertrümmert. Die Chirurgen am Ospedale Maggiore in Bologna konnten zwar die Hand retten, aber als Folge erinnerten ihn regelmäßig wiederkehrende Schmerzen an seine damalige Dummheit. Seit diesem Unfall hasste Luca Pizza. Bereits der Anblick von Pizzateig konnte bei ihm einen Brechreiz auslösen.
Obwohl sich Luca elend fühlte, fiel ihm plötzlich wieder ein, dass er vor ein paar Tagen in der Zeitung eine Spur, womöglich sogar die Ursache für seine qualvollen Albträume entdeckt hatte. Er musste dringend mit den Ärzten darüber sprechen. Seine italienische Lebensart hatte ihm aber bis anhin stets andere Prioritäten auf seine Tagespläne gesetzt. Heute würde er gleich nach dem Morgenessen Doktor Capol in der neurologischen Klinik am Inselspital anrufen. Er wollte wissen, ob der Experte seine Hypothese teilte.
Luca war auf der Suche nach der Telefonnummer von Doktor Capol, als ein Schrei die friedliche Stille am Altenbergrain durchschnitt.
»Luca, das Bett von Alva ist leer! Sie wollte gestern mit Sophia ans Bierfest im Stufenbau und ist noch nicht zurück«, meldete sich Elin in höchster Aufregung.
»Wahrscheinlich ist sie zu Sophia und hat bei ihr übernachtet.«
»Das hätte sie mir gesagt. Wenn Alva bei einer Kollegin übernachtet, macht sie mir immer eine Mitteilung. Zumindest hätte sie mir eine SMS geschickt.« Elin wirkte immer besorgter.
»Hast du ihr schon geschrieben?«, erkundigte sich Luca.
»Ja klar. Wenn sie tatsächlich bei Sophia ist, werden die beiden noch schlafen. Es ist erst kurz vor 8 Uhr. Auf jeden Fall hat sie sich die Nachricht noch nicht angeschaut.«
»Warten wir bis 9.30 Uhr. Wenn sich Alva bis dahin nicht gemeldet hat, kannst du sie anrufen – auch wenn du sie aus dem Schlaf holst«, schlug Luca vor.
Elin hätte Alva am liebsten gleich angerufen. Sie machte sich schreckliche Sorgen. Die Geschehnisse um Siri trugen das Ihre dazu bei. Quälend langsam krochen die Minuten vorbei. Immer langsamer. Wie Schnecken, welche von der warmen Sonne nach einem Gewitterregen überrascht wurden. Um 9.28 Uhr hielt es Elin nicht mehr aus. Sie wählte die Nummer von Alva und hoffte verzweifelt, in den nächsten Sekunden die Stimme ihrer jüngsten Tochter zu hören. Es meldete sich niemand außer dem Anrufbeantworter des Mobiltelefons. Von aufsteigender Panik getrieben, stammelte Elin eine kurze Nachricht und legte deprimiert ihr Handy zur Seite. Sie ahnte, dass irgendetwas nicht stimmte. Konnte es sein, dass innerhalb weniger Tage zwei ihrer Töchter ein Unglück erlitten?
Luca hatte in der Zwischenzeit mit dem Neurologen gesprochen. Basierend auf dem kürzlich entdeckten Zeitungsbild hatte er ihm seine Vermutung, was der Auslöser seiner Albträume sein könnte, geschildert. Doktor Capol hatte ihn gefragt, weshalb Luca bis anhin nie über dieses Ereignis gesprochen hätte. Darauf hatte Luca keine klare Antwort. Er mutmaßte, dass er das Erlebte wahrscheinlich verdrängt habe. Erst das Zeitungsbild brachte die Erinnerung daran wieder zurück. Der Arzt hatte geschwiegen und im Anschluss gemeint, dass es gut wäre, baldmöglichst einen Termin für eine Besprechung in der Klink zu vereinbaren. Man einigte sich auf den 27. November, 10 Uhr.
Es war fast Mittag, als die Türklingel Elin und Luca aus ihren dunklen Gedanken riss. Sie hörten, wie kurz darauf die Wohnungstüre geöffnet wurde. In ihren Ohren klang die Hausglocke heute wie Himmelsgeläute und die anschließenden Schritte tönten wie von einem Engel.
»Hallå, Mamma, salve, Coccolone«, begrüßte Lisa ihre Eltern.
Es beschämte Elin und Luca, dass der Besuch von Lisa bei ihnen beiden im ersten Moment keine Freude, sondern Enttäuschung auslöste.
»Was ist denn euch über die Leber gelaufen? Ihr seht aus, als ob ihr Besuch vom Betreibungsbeamten erhalten habt.« Lisa wurde auf einen Schlag wieder bewusst, wie tief der Tod von Siri ihre Eltern offensichtlich getroffen hatte.
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