Man muss dazu noch wissen: am Tag hat er immer gearbeitet, fleißig, die ganze Woche über, am Wochenende ist er dann ins Wirtshaus gegangen. Diese Regelung hat er auch dann noch beibehalten, als er mit seiner zweiten Frau, meiner Mutter, schon auf dem Haus lebte. Er hat meine Mutter geachtet, hat ihr nie etwas Schlimmes angetan, aber so richtig gern gehabt hat er sie auch nicht. Sein „Roserl“ konnte er einfach nicht vergessen.
Meine Mutter brachte mich dann auf die Welt und wir beide waren immer zu Hause. Wir hatten auch ein wenig das Gefühl, er habe sie nur aus dem Grund geheiratet, weil er sich von ganzem Herzen einen Stammhalter wünschte.
Und so hielt sich mein Vater am Wochenende regelmäßig in Riggerding auf und spielte samstags und sonntags Karten, „Schafkopf“ haben sie immer gespielt. Oft war er am Sonntagnachmittag auch in einem kleinen Wirtshaus ganz in der Nähe. Dort „kartelte“ er bis in die Abendstunden. Danach machte er sich auf den Weg zu seinem Stammwirtshaus nach Riggerding.
Das war fast jedes Wochenende so. Mein Vater ging den Weg zu den Wirtshäusern immer wieder, zu jeder Tages- und zu jeder Nachtzeit. Nie ist ihm da irgendetwas Besonders aufgefallen, nie ist etwas Außergewöhnliches passiert.
Nur einmal, hat er gesagt, und das hat er dann oft und oft erzählt, einmal ist er gerade beim Heimgehen gewesen und er kommt langsam zum Bach herunter – die Straße von heute hat es damals noch nicht gegeben, da musste man einfach so durch die Wiese runter gehen – und da! Wie er am Bach herunten ist, auf einmal kommt etwas daher, durch die Luft, ein Heulen und Winseln, ein Gebelle, als wären tausend Hunde unterwegs, kaum auszuhalten. „Leute!“, sagte er dann immer, völlig aufgeregt, „ich bin herauf gerannt, so schnell ich nur konnte!“ Er wollte sich ins Wirtshaus nach Riggerding retten, von dem er gerade heimgegangen war. Die Wirtsleute hatten die Haustüre aber schon abgesperrt und auch in der Gaststube brannte kein Licht mehr. Er, so erzählte er weiter, habe sich an die Hauswand gelehnt und geweint.
„Mein Vater“, das kann ich mit Fug und Recht behaupten, „mein Vater war bestimmt kein Weichling! Der war viel eher ein abgebrühter Mensch, den, auf deutsch gesagt, nichts so leicht aus der Fassung brachte.“
Nachsatz der Erzählerin:
„Das, was oft so erzählt wird, sind andere Sachen gewesen. Aber das, was ich erzähle, das hat es wirklich gegeben!“
D Drud hot mi aa r amoi druckt. Do hamma na im oitn Haus obm gwen und do hot d Muadda amoi gsogt ghot: „Gej!“, hots gsogt, „wenn di d Drud amoi druckt, dann muasst ihr a schwoaze Hehn ghoißn .“ Do bin i na bom Vaddan und bo da Muaddan im Bett drin glegn. Wei mir hamma net so vej Räume ghot. Mir ham an Knecht ghot, a Dirn, do hot a jeds a Zimmer ghot und da Onkel Sepp hot a Zimmerl ghot und herentahoi da Flöz, do ham ma s Schlafzimmer ghot .
Und do bin i amoi e da Früah – mei Muadda is scha aaf gwen und da Vadda aa scha – und des is unter da Wocha amoi gwen. Und aaf oamoi hupf i aaf d Höh mittn im Schlof und schrei so stoak. Und d Muadda is scha draußt gwen. Und da Vadda hot gsogt ghot: „Dirndl, wos host denn? Woarum schreist denn so laut?“ Und so stoak han i gschrian, han s Schrei goa nimma aafghört. Bin i aafkemma. Ganz aafgregt is d Muadda vo da Tür einagrennt. „Deand!“, hots gsogt, „wos host denn ghot?“ „Ja“, han i gsogt, „do is a schwoaz Wei einaganga“. „Ah“, hot d Muadda gsogt, „des host traamt. Leg die wieder hi!“ Han e me wieder higlegt, gej, owa i han nimma schloffa kinna. Und dano hot s gsogt ghot: „Wenn da wieder amoi ebs traamt, dass d a schwoaz Wei sehgst, dera muasst a schwoaze Hehn ghoissn. Na geht’s wieder.“ Und es is ma dann tatsächlich, net boid draaf, owa in am hoibatn Joah so wos, do is ma des wieder passiert, do is wieder a schwoaz Wei einaganga, han i wieder so stoak gschrian, na han i gsogt: „Derfst da morgn um a schwoaze Hehn kemma!“ Dann is` ganga. Den andan Tog e da Früah, es is in da Nocht gwen von Samstag aafn Sunnta, e da Früah, is d Moserin, woaßt scha, de oit Moserin ent, is de kemma und hot a Hehn ghoit .
Do bin i a sechs oder siebm Joah oit gwen. Und de is eh voschrian gwen ois Hex, des han owa i net gwisst ghot .
Sigl Berta, mitgeteilt 25.1.2012
(Druden sind Frauen, die mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet sind. Sie können zum Beispiel den Körper verlassen und in nachtschlafender Zeit Menschen in ihren Betten derart drücken, dass sie kaum mehr atmen können und meinen, ersticken zu müssen. Man kann sich nur sehr schwer wehren dagegen, evtl. durch Versprechen von einem Laib Brot oder einer schwarzen Henne. Frauen, denen nachgesagt wird, dass sie eine „Drud“ seien, hatten innerhalb einer Dorgemeinschaft einen schweren Stand.)
Es geschah damals, als ich noch ein kleines Mädchen war. Da kann ich mich noch gut daran erinnern, dass mich die Drud gedrückt hat.
Wir wohnten noch droben im alten Haus. Irgendwann einmal, ich weiß gar nicht mehr warum, hat meine Mutter ernsthaft mit mir geredet: „Mein Kind! Sollte es passieren, dass in einer Nacht die Drud zu dir kommt und versucht, dich zu drücken, so dass du keine Luft mehr bekommst, dann musst du ihr eine schwarze Henne versprechen!“
Das war so in der Zeit, als ich noch bei meinem Vater im Bett liegen durfte. So viele freie Räume haben wir nämlich nicht gehabt. Der Knecht hatte ein Zimmer und die Magd auch. Onkel Sepp wohnte auch noch bei uns in einem eigenen Zimmer. Und wir selbst hatten unser Schlafzimmer auf der gegenüberliegenden Seite des Ganges.
Eines Morgens in aller Herrgottsfrühe – Mutter und Vater waren schon wach – sprang ich mitten im Schlaf in die Höhe und schrie aus Leibeskräften. Mutter arbeitete schon draußen vor dem Haus, Vater aber hörte mich. Er stürzte aufgeregt ins Schlafzimmer und fragte besorgt: „Dirndl! Was hast du denn? Warum schreist du denn so?“ Ich muss ihn nicht gehört haben und habe weiter geschrien und habe mit dem Schreien überhaupt nicht mehr aufgehört. Endlich – es müssen schrecklich lange Minuten gewesen sein – wachte ich auf. Mittlerweile war auch meine Mutter im Zimmer: „Dirndl! Was war denn los?“ „Da, da, da ist ein schwarzes Weib durch die Türe hereingegangen, direkt auf mich zu!“ „Ach wo!“, meinte meine Mutter besänftigend, „das hast du nur geträumt. Leg dich wieder hin und schlaf noch ein bisschen!“
Ich legte mich zurück in mein Bett, konnte aber nicht mehr einschlafen. Meine Mutter saß am Bettrand. Während sie meine Hand hielt, sagte sie: „Wenn du wieder mal im Traum eine schwarze Frau siehst, dann musst du ihr eine schwarze Henne versprechen. Du wirst sehen, sie verschwindet dann sofort wieder.“
Nicht gleich darauf, aber wirklich so ungefähr ein halbes Jahr später, ist mir dann dasselbe wieder passiert. Genau so wie beim ersten Mal öffnete sich mitten in der Nacht die Schlafzimmertüre und herein trat mit schwerem Schritt und tief gebückt die schwarze Frau. Ich stand sofort aufrecht im Bett und schrie wie am Spieß, bis ich mich an die Worte meiner Mutter erinnerte. Ich nahm all meinen Mut zusammen und redete die schwarze Frau an: „Du darfst morgen in der Früh wieder kommen. Da kannst du dir eine schwarze Henne holen!“ Kaum hatte ich das gesagt, war die schwarze Frau, wie vom Erdboden verschluckt, verschwunden.
Dieses Vorkommnis fand statt in der Nacht vom Samstag auf den Sonntag. Am selben Sonntag, gleich in aller Frühe, stand die Moserin vor der Haustüre. Sie ist gekommen und hat tatsächlich nach der schwarzen Henne gefragt. Meine Mutter hat sie ihr gerne gegeben.
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