Sagerer Rosa, mitgeteilt 25.01.12
Eine von vielen Erzählungen, bei denen es sich um das sog. „Anmelden“ handelt, d.h. der Tod eines Menschen wird durch ein besonders auffallendes Ereignis angekündigt.
Ja, ich kann es so erzählen, wie es zu Hause passiert ist. Wir beide, meine Schwester und ich, lagen zusammen in einem Bett im Schlafzimmer unserer Eltern. Da habe ich ständig, immer wieder, jedesmal, wenn es finster wurde, gehört, wie die Getreidekörner draußen in der Getreidekammer zu „ruseln“ anfingen und nicht mehr aufhörten. Es hörte sich so an, als ruselten sie auf eine Glasplatte. Das hat bei jedem Körnchen – pick – gemacht, immer wieder: pick! Ich wurde allmählich unruhig und dachte bei mir: „Seltsam, dass meine Eltern nichts hören und nicht aufwachen!“ Ich gebe zu, ich habe mich zu Tode gefürchtet. Zu sagen aber traute ich mich nichts, ich befürchtete, als Angsthase hingestellt zu werden.
Irgendwann aber einmal drehte sich meine Mutter im Bett um, weckte den Vater und sagte: „Du, Michael, steh auf! Ich glaube, die Mäuse haben Löcher in die Säcke gebissen. Das ganze Getreide läuft heraus!“
Na ja, mein Vater ist sofort aufgestanden. Er ging nach hinten in die Getreidekammer, sah hinter den Kasten, tastete die Säcke ab – nichts. Er meinte nur: „Aber nicht ein einziges Korn!“ Er kam zurück ins Schlafzimmer und legte sich wieder ins Bett.
Seltsam war das schon! Ich dachte nur noch: „Bei uns geistert es!“
Kaum lag Vater in seinem Bett, begann das Korn schon wieder zu ruseln. Es hat genau so weiter gemacht, wie vorher auch. Mein Vater hörte es jetzt auch. Er sagte aber nur: „Da können wir jetzt nichts machen! Das müssen wir heute Nacht schon ruseln lassen!“ Er schüttelte den Kopf und flüsterte: „Kein einziges Körnchen ist hinten gelegen beim Kasten. Kein einziges Körnchen!“
Nach unruhigem Schlaf verging die Nacht nur langsam. Plötzlich – es musste so gegen fünf Uhr in der Früh gewesen sein, war von der Haustüre her ein gewaltiger Lärm zu hören. Wir erschraken alle und beinahe gleichzeitig sprangen wir aus unseren Betten und liefen die Treppe hinunter, um nachzusehen, was denn da los sei. Wir rissen die Türe auf – vor uns stand ein Mann, der mit ernster Stimme sagte: „Schnell, zieht euch an! Ihr müsst, so schnell es geht, nach Schöllnach rüber gehen. Dort stirbt heute die Schöllnacher Müllerin!“
Bei der Müllerin war sonst immer unsere Mutter drüben. Die musste ihr aufwarten, weil sie keine Verwandten mehr hatte.
„Ja, das ist die Geschichte, die ich zu erzählen habe und diese Geschichte ist wahr. Ich habe das selber erlebt. Ich glaube, wenn ich so zurückdenke, dass ich da – vom Alter her – mit der Schule schon fertig war. Meine Schwester ist immer bei mir gelegen. Ich musste schon zum Füttern aufstehen.“
„Der kimmt! Den han i gsehng!“
Des is wia bo meim Bruada, wia der vo Russland kemma is. Da Kriag is scha lang goa gwen und mir ham na fuchzehn Monat lang nix gwisst dava. Und d Muadda hot oiwei gsogt: „Den han i gsehng bei da Nocht. Der is vor meim Bett dot gstandn. Der kimmt!“ Und mir ham ma oi Tog aaf d Nocht betn müassn, so vej scha, olle Gebete ham ma kinnt. So vej scha, anderst hätt ma goa net ins Bett geh derfa. Und do ham ma oiwei bet für n Schos aa .
Und eines Tages ham ma gmaht, ham ma zum Heugn gmaht und während n Broudln – do hots oiwei a koite Mill gebm und a koite Suppn, des is mitgnumma wordn – hamma im Gros hidan gsitzt, schreit oana: „Muadda!“ Und d Muadda rumpet aaf d Höh und schreit: „Da Schos!“ Iatz is owa da Kria scha lang goa gwen, 15 Manat dano. Kimmt a daher, koi Hoa, koi Zähnd, koan Schuah, gar nix, grod na Haut und Boana. Dass der hoamgfundn hot! Dahoam hot a d Malaria kriagt. Mit Malaria hamds n o do drinn entlassn, bis Berlin hamds n mit an Lastwog brot und vo Berlin do her, zu uns her is a z’Fuaß ganga. Vo Deggndorf is a r owa ganga. Und z Hengersberg hamd n Vowandte gsehng, de hamd n dann üwer d Nocht gnumma, de hamd eahm na an anders Hemad aglegt, des hamds vobrennt, wos a r aghot hot. Weil a so voi Läus gwen is. Na iatz sogt d Muadda: „Des is da Schos!“ Ham ma oizamt d Löffen weggworfa, de hand e d Stauan eigflogn. Koans hot gwisst, wo da Löffe is, hamma r aa goa nimma gfundn. Und wirkle is a s gwen. Owa vo da Stimm hots n glei kennt. Meine Güte, is des ebs gwen .
Und im Dorf is na oana gwen und do hand dahoamt a drei a vier Kinder gwen, und se hättnt hoit aa so hoat gwoat um an Vaddan, wei der aa in Rußland gwen is. Und der is net kemma. De hand vorm Haus draußt gwen und hamd bleat und gwoant. Des is a Katastrophe gwen .
Owa er (da Schos) hot eh s Lebm kaam durbrot. Und z Schejna hams im Wirtshaus gsogt: „Wos wejts en mit dem? Der stirbt o eh scha!“ Und er is nia in des Wirtshaus mehr eiganga. Und er is wieder worn. Do is a Dokta draußt gwen z Schejna und der hot gsogt: „Du derfst überhaupt nix oabatn“. Er hot eahm de richtige Medizin gebm .
Zwoamoi is a r ausbrocha aus da Gefangenschaft, hamds eahm s Gwehr scha agsetzt. Danebm is oana gstandn, an ejtana, der hots a so gmocht (mit dem Kopf verneint), er soll na net daschoissn. Und er hotn net daschossn .
D Muadda hot oiwei gsogt: „Es kinnts sogn wos mögts. Des richts ma r es net ei. I woaß`!“ Und d Leut hand so gscheit gwen und hamd s scha gsehng und hamd im Fernseh ghört, dass er gschtoam is. „Es kinnts sogn, wos mögts. Es bringts mi net o. I han a gsehng, er is bo meim Bett gstandn“ .
Mir ham ma ja sejba gsogt, des gibts goa nimma. Wei scha oiss dahoam gwen is normal .
Sagerer Rosa, mitgeteilt 25.01.12
„Der kommt! Ich habe ihn gesehen!“
Und dann habe ich noch eine Geschichte von meinem Bruder über seine und unsere Erlebnisse, als er aus dem Russlandfeldzug wieder nach Hause kam.
Der Krieg war schon lang, über ein Jahr lang, zu Ende. Wir haben von ihm nichts gewusst, über fünfzehn Monate lang nichts von ihm gehört. Mutter aber sagte immer, wenn die Sprache auf ihn kam: „Ich habe ihn gesehen! In der Nacht habe ich ihn gesehen. Er ist direkt vor meinem Bett gestanden!“
Wir alle haben damals vor dem Bettgehen beten müssen, das war Pflicht. Aber nicht nur ein einziges Gebet, nein, sehr, sehr viele Gebete mussten wir aufsagen – und alle haben wir auswendig sagen können. Wenn wir die nicht gebetet hätten, hätten wir nicht ins Bett gehen dürfen. Ja, und dabei haben wir – unter anderem – auch immer für den Bruder, den Georg, gebetet.
Eines Tages waren wir alle zusammen draußen auf der Wiese zum Mähen. Wir haben Gras zum Heuen gemäht. Während wir zur Rast im Gras beisammen saßen und Brotzeit machten – dazu hat man von zu Hause kalte Milch und eine kalte Suppe mitgebracht – hörte man aus der Ferne eine Männerstimme rufen: „Mutter!“ Die Mutter sprang mit einem Satz vom Boden auf und schrie: „Georg!“
Fünfzehn Monate war nun der Krieg schon vorbei, man kann es beinahe nicht glauben – kommt da der Georg heim. Kaum zu erkennen war er für uns, keine Haare, keine Zähne, keine Schuhe – überhaupt nichts, nur noch Haut und Knochen! Ein Wunder, dass der überhaupt noch heim gefunden hat!
(Georg ist zu Hause krank geworden, man hat ihn nämlich drinnen schon mit Malaria aus der Gefangenschaft entlassen. Bis Berlin wurde er mit Lastwagen transportiert und von Berlin bis zu uns hierher ist er zu Fuß gegangen. Auf der letzten Strecke von Deggendorf nach Hause haben ihn in Hengersberg Verwandte aufgegriffen. Die haben sich um ihn gekümmert, haben ihn über Nacht aufgenommen und ihn mit frischer Kleidung ausgestattet. Das alte Gewand wurde verbrannt, weil es von Läusen nur so gewimmelt hat darin.)
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