Die Mutter ruft noch einmal: „Das ist der Georg!“ Wir alle haben unser Löffel weggeworfen, dass sie nur so in die Stauden geflogen sind. Keiner wusste nachher mehr, wo sein Löffel war, keiner hat ihn mehr gefunden. Und wir liefen dem Georg entgegen – und wirklich: er war es. Mutter hat ihn sofort erkannt, nur an seiner Stimme! Meine Güte, das war was!
Und so hat sich bewahrheitet, was Mutter immer und immer wieder behauptet hatte: „Ihr könnt sagen, was ihr wollt. Ihr bringt mich nicht von meiner Meinung ab. Ich weiß, dass er kommt!“ Und das sagte sie auch dann noch, als die Leute alle plötzlich so gescheit waren, weil sie im Fernsehen und überall schon gesehen und gehört hatten, dass der Georg in Gefangenschaft gestorben sei. Und, wenn ich ehrlich bin, wir haben selber schon nicht mehr daran geglaubt, dass der Georg noch kommt. Die anderen waren ja alle schon daheim! „Ihr bringt mich von meiner Meinung nicht ab, er ist vor meinem Bett gestanden!“, so war immer die gleichbleibende Rede der Mutter.
(Im gleichen Dorf galt noch ein anderer Mann als vermisst. In dessen Familie waren drei oder vier Kinder daheim. Und die haben alle voll Bangen auf ihren Vater gewartet. Der war nämlich auch in Russland. Der Georg ist nach Hause gekommen, deren Vater aber nicht. Alle standen draußen vor dem Haus und alle weinten. Das war eine Katastrophe!)
Nachtrag:
Georg fand schwer in den Alltag daheim zurück. Im Wirtshaus in Schöllnach ging die Rede: „Was willst denn mit dem? Der stirbt ja eh schon bald!“ Georg selbst ist in dieses Wirtshaus nie mehr hinein gegangen. Gesund ist er aber wieder geworden. Ein Arzt aus Schöllnach hat ihm die richtige Medizin verschrieben. Jetzt ist er 87 Jahre alt. Erschütternd sein Erlebnis in der russischen Gefangenschaft: zweimal versuchte Georg, auszubrechen. Immer wieder wurde er eingefangen und zurück gebracht. Bei einem dieser Ausbruchversuche hat ihm ein russischer Aufseher das Gewehr an den Kopf gesetzt, um ihn zu erschießen. Zum Glück war ein zweiter, dienstälterer Aufseher dabei, der verneinend mit dem Kopf schüttelte und somit seinem Kollegen bedeutete, nicht zu schießen.
Do is da Nochba obm, des Haus no uns do, iatz hand ja scha de Junga draaf, do hand zwoa Brüada do gwen. Da Nocharin sei Vadda, der is do gwen und sei Bruada und se hamd vo Grattersdorf ogstammt. Und der – des ganze Dorf is Zeuge gwen – de hand olle affiganga, weil da Maxl is zu seim Bruadan umaganga, zum Sepp. Und der is do umaganga und wia r a umakemma is, schreit a: „Aus iss! Aus iss! – Mit mir is da Teifi umaganga!“ Na hot s koa Mensch net glaubt. De ganzn Dorfleut hand affi, weil s sehng hamd mögn, ob des woah is. Und er hot nur owei gsogt: „Da Teifi is mitganga!“ Ja, wia kannt a des sogn? Ja, weil do, wo a ganga is, is des ganze Gros vobrennt – in ana Hufeisnform. Und i taat des net glaubm, wenn net die ganzn Dorfleut affiganga waarn. Und des hot aa mei Muadda gsogt. De Tritt hamds gsehng. Wia r a aaf Thann umaganga is. „Er hätt boid die hinter Haustür eigrennt, a so hot a si gfürcht“, hamds gsogt. A so is a dragrumpelt vor lauta Angst. Do hot a gsogt, „Sepp“, hot a gsogt, „mit mir is da Teifi umaganga!“ Des is hundertprozenti woah .
Sigl Berta, mitgeteilt 25.01.2012
Da ist der Teufel mitgegangen
Beim Nachbarn droben, dem Haus hinter dem unseren, lebten einmal zwei Brüder (jetzt wohnen die Jungen schon dort). Das ganze Dorf war Zeuge von der Geschichte, die der Maxl, einer der beiden Brüder, erlebte. Auch der Vater des Nachbarn war dabei und sein Bruder. Beide stammten von Grattersdorf ab.
Der Maxl war unterwegs zu seinem Bruder, dem Sepp. Er ging zu Fuß von dem Dorf da drüben zu uns herüber nach Thamm. Total erschöpft kam er hier an und er konnte nur noch schreien: „Aus ist’s! Aus ist’s! Mit mir ist der Teufel gegangen!“
Das hat natürlich kein Mensch geglaubt. Alle Dorfleute sind deshalb hinauf gegangen, weil sie sehen wollten, ob das auch wahr sei. Der Maxl aber konnte sich nicht beruhigen. Immer wieder jammerte er: „Der Teufel ist mitgegangen! Der Teufel ist mitgegangen!“
Ja, und wie kommt der dazu, dass er das überhaupt sagen kann? Jetzt kommt`s – überall da, wo der Maxl gegangen ist, war das Gras verbrannt. Aber die Trittstellen waren nicht einfach nur verbrannt – nein, die Schritte waren auch noch geordnet und sahen aus wie ein riesig großes Hufeisen. Das war schon sehr seltsam und auch ich selbst würde das nicht glauben, wenn nicht alle Dorfleute dorthin gegangen wären und es mit eigenen Augen gesehen hätten. Auch meine Mutter hat das felsenfest bestätigt. Alle haben sie die verbrannten Schritte sehen können.
Da hat man dann schnell verstanden, dass es der Maxl mit der Angst zu tun bekam auf seinem Weg herüber nach Thamm und dass er beinahe die Haustüre eingerannt hätte, so sehr hat er sich gefürchtet. Und sein Leben lang hat er erzählt, dass der Teufel mit ihm gegangen sei.
Diese Geschichte ist hunderprozentig wahr.
Und do is da Vadda – dem is sei ersts Wei gschtoam, des is a große Liebe gwen, a ganz a große Liebe – und dem is beim erstn Kind s Wei gschtoam, samtn Kind. Und mei Großmuadda is a recht a böse gwen, und do hot a s net heiratn derfa, weil sie s Regiment net hergebm woit. Und do is a sechsadreißg Joahr oit gwen, wia r a s erste Moi gheirat hot. Und do is s Reserl, d Frau, im Kindsbett gschtoam mit m Kind. Und do hot a a poar Joah eh net gwisst, wo s a wej, nochad is a es Wirtshaus ganga d Samstan aaf d Nocht, Sunda Namittog scha und hot Koatn gspejt. Aa wia r a nochand mei Muadda ghot hot. Er hot ihr nix ta, oba gern ghot hot a s aa net. Weil mei Muadda und i hamma oiwei dahoam gwen. Er hot hoit gheirat, weil a r an Stammhalter braucht hot. Und do is da Vadda ollawei z Riggerding gwen. Samsta af d Nocht is a r aaf Riggerding ganga, hot Koatn gspejt und en Sunnta r aa und se hamd schofkopft. Und do is a en Sunnta Namittog e d Mejh oiganga, do is aa r amoi a kloas Wirtshäusl gwen, des is glei in da Nähe gwen, und aaf d Nocht is a wieder aaf Riggerding affiganga. Und do hot a, des hot a öfta vozejht, – er is ja zu jeder Tages- und Nachtzeit hoamganga und es hot nia wos gebm –. Und oamoi, wia r a hoamganga is, hot a gsogt, kimmt a vom Bachl owa, hamma r o de Stross na net ghot – hammands a so owageh müassn – owa r am Bo – und do, wia r a am Bachl herunt is, aaf oamoi, hot a gsogt ghot, kimmt ebs daher – aaf oamoi – vom Dorf owa. Und, sogt a, hamd s oiwei vozejht vom Nochtgläut, hands daherkemma, omat in da Luft, ois wia wenn 1000 Hund belln taatnt, hot a gsogt. Is oa Bejad gwen! “Leit“, i bin grennt affa und grennt und grennt!“ Und obm hamds scha zuagmocht ghot bom Wirtshaus. „Und i han mi heraußt higstandn und han bleat“ .
Und mei Vadda is eh – auf deutsch gsogt – a ogrührta gwen. Und des, wos i vozejh, hot s wirkli gebm .
Sigl Berta, mitgeteilt 25.1.2012
Mein Vater war zweimal verheiratet. Seine erste Frau, die Rosa, war seine ganz große Liebe. Sie musste leider bei der Geburt des ersten Kindes mitsamt dem Kind sterben. Die Mutter meines Vaters, meine Großmutter, war eine böse Frau. Sie hat der Hochzeit ewig lange nicht zugestimmt, weil sie Angst hatte, das Regiment auf dem Haus zu verlieren. So wurde mein Vater bereits 36 Jahre alt, als er seine geliebte Rosa endlich heiraten durfte. Und dann passiert ausgerechnet so etwas – muss da seine Frau im Kindbett sterben!
Von diesem Schlag erholte sich mein Vater lange nicht und die ersten Jahre wusste er überhaupt nicht so recht, was er eigentlich wollte. Der Sinn des Lebens schien ihm verloren und er ging ins Wirtshaus – jeden Samstag in der Nacht, jeden Sonntag schon ab dem Nachmittag. Dort fand er Gleichgesinnte und er spielte mit ihnen Karten.
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