»Der Pass ist der richtige, du hast nur das Falsche gelesen. Afanassi fragt, wohin wir reiten wollen.«
Falls man die Frage »Groß, krummbeinig, mit Fell?« mit »Bär oder Hase« beantwortete, so wäre der Bär nicht zufrieden damit. Wenn man einem Bären begegnen wollte, so hätte man besser in einem Hasenbau auf ihn gewartet.
Im Pass interessierte mich nur ein Eintrag – Adresse.
»Ich werde ihn jetzt wie eine Flagge durch die ganze Welt mitschleppen«, sagte ich und zeigte dabei auf Jonas Žemaitis. »Ich werde seinen Namen berühmt machen, bis der andere es nicht mehr aushält. Auf die Blumen, Fedja, pass du gut auf. Mit oder ohne die – den Žemaitis werden wir Marinka aushändigen.«
Fjodor nickte zustimmend. Die Blumen hielt er fest umklammert. So, vielleicht ein wenig zu feierlich, setzten wir uns in Bewegung. Schon bald hatten wir die Stadt hinter uns gelassen.
Von Rapolas vernahm ich in der Folge nur einen missratenen Satz:
»Ein Weibsstück brauchst du, nicht Žemaitis.«
»Ich bring dich um, du Affe«, erwiderte ich.
Mehr sagten wir unser ganzes restliches Leben nicht zueinander.
Ich bin ihm für vieles dankbar, doch die Fresse polierte ich ihm trotzdem. Denn er war um mich herum getänzelt, so wie man auf netten Abenden tanzt, und hatte dabei immer wieder »Jožemaitis« gesagt. Und ich hatte mich, als ich denselben Tanz vor Marja Petrowna aufführte, damit lächerlich gemacht.
Als wir in den Wald fuhren, zuckte Žemaitis zusammen. Als ob ihn ein Schauer durchfahren hätte. Ich legte meine Hand auf seine Brust und ließ sie ziemlich lange da.
»Ich wurde von Lebedew selbst gesandt, um dir die Ruhe wiederzugeben«, sagte ich. »Da ist noch so ein Mensch, mit dem habe ich keinen Cognac getrunken, bin ihm nicht in Paris begegnet – eine große Stadt. Doch er existiert. Du wirst ihn unter einer Leiter finden. Lass nicht zu, dass man ihm wehtut.«
Er beruhigte sich.
»Genosse Komandir«, war von vorne zu hören. »Sie könnten wenigstens auf die Straße schauen. Beachte die Wegweiser«, sagt er, »Afanassi. Es gibt keine Wegweiser hier.«
»Es kommt ein Wegweiser«, sagte ich.
»Es kommt kein Wegweiser«, zischte Afanassi und spuckte um sich. »Und da ist niemand, den wir fragen könnten. Was in ihren Pässen steht, das ist nicht unbedingt … Und falls es auch im richtigen Leben so ist – dann ist da nicht unbedingt ein Wegweiser.«
Nach einer Weile fügte er an:
»Ein Fluss.«
»Sehe ich selbst«, erwiderte ich. »Nur waren wir schon mal hier, Afanassi.«
»Wie weiter?«, fragte er, als er angehalten hatte.
Weiter mussten wir auf der Straße fahren, die geradewegs oder mit auf Umwegen ins Dorf führte, das im Pass stand. Dort mussten wir auf einen Mann warten, der würde kommen, falls er noch lebte. Afanassi war ein erfahrener Fuhrmann, doch auch er brauchte wenigstens kleine Orientierungshilfen. Der Eintrag im Pass reichte nicht.
»Wo ist dein Zuhause?«, rüttelte ich Žemaitis durch und er öffnete die Augen. Ich wohne weit weg, sagte ich mit dem Finger auf mich zeigend. »Und du?«, zeigte ich auf ihn. Er sah meine Finger an.
»Bade ihn oder tu sonst was«, bat ich Afanassi.
»Wir haben ihn schon gebadet«, rief er mir wieder in Erinnerung.
Ich beugte mich über Žemaitis.
»Ich bin Wassili«, schrie ich ihm ins Ohr. »Wassiliok rief mich meine Mutter. Wie rief man dich? Laut? Mich rief man laut.«
Doch er tat keinen Wank.
Aus Afanassi Duschanskis Verhörprotokoll
Als wir endlich einer Menschenseele begegneten, schrie Genosse Komandir auch diese an. Als ob alle, die den Weg zu jenem Haus kannten, taub wären.
»Sag, was dir auf der Zunge liegt«, riet ich jenem in Gedanken und er hörte es. Er zeigte in irgendeiner Richtung. Und sprach in seiner Sprache. Wassili unterbrach ihn nur dann und wann. »Kommt ein Wegweiser?« »Ja.«, antwortete jener und fuhr unbeirrt fort mit seinem Vortrag. Ich wusste, es würde kein Wegweiser kommen.
»Es kommt ein Wegweiser.« Genosse Komandir klatschte in die Hände, als ob er mit jemandem gewettet hätte, dass dort ein Wegweiser wäre.
Nach einer Weile hielt ich an. Es ging nicht mehr weiter.
»Es geht nicht weiter«, sagte ich die Hände verwerfend. »Diesen Weg haben wir uns erst heute Morgen gebahnt.«
Wir standen etwa fünfzehn Schritte von einem Bunker entfernt. Daraus hatten wir die Leichen und Jonas Žemaitis hervorgezogen. Das war am Morgen gewesen. Die ersteren hatten wir ausgeladen, letzterer hatte auf geheimnisvolle Weise Wurzeln geschlagen. Wir führten ihn mit uns, als wäre er ein Soldat aus unserer Kompanie. Ich dachte, wie vernünftig es doch wäre, ihn jetzt wieder dahinein zu stecken.
»Ich würde sie, Genosse Komandir, überallhin fahren«, sagte ich nach dem Aussteigen. »Nur bei Rjasan. Als Kind habe ich die ganze Umgebung durchstreift. Mein Gedächtnis ist visuell.«
Wassili hörte mir zu und fragte sich, wie denn die Wälder der Rjasaner Gegend mit denen hier zu vertauschen wären.
»Oder wenn ich einen Pfahl einmal gesehen habe«, erläuterte ich Wassili unsere Möglichkeiten, »wenn Sie mich dann nachts aufwecken und mir ein Foto zeigen, dann erzähle ich Ihnen bis in alle Details, an welcher Straße dieser Pfahl steht, wer ihn damals noch sah, aus welcher Kompanie, welcher Division. Alles. Samt Namen.«
Ich verstummte, denn niemand hörte mir zu. Wassili stand auf, stieg vom Wagen, spazierte ein wenig herum und sagte bei seiner Rückkehr:
»Und jetzt hör mir zu …«
Einen Augenblick später hatten wir das erledigt. Wir ratterten mit Fjodor in vollem Karacho in die Stadt. Ach ja, schon nach dem ersten Ruck hielt ich noch einmal an.
»Und wohin mit dem?«, fragte ich und zeigte auf Žemaitis.
»Den wird Fjodor bewachen«, antwortete es aus dem Gebüsch. Geradeso wie die Blumen. Hörst du?«
»Ja, hab’s gehört«, meldete sich Fjodor. »Blumen und den hier.«
Meiner Meinung nach passten »Blumen« und »der hier« ganz schlecht zusammen.
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