»Pfui Teufel.«
»Genau.« Sie gähnte erneut. »Und ausgerechnet ich, die ich Obduktionen hasse.«
»Tja, das war nun nicht gerade das, was ich …«
»Nein, nein.« Sie verscheuchte das Thema mit einer ungeduldigen Handbewegung. »Dan, ich glaube, ich habe eine Idee.«
»Ja?« Dan schielte auf sein Notebook. Es würde noch mindestens eine Stunde dauern, bevor er ins Bett kam. Aber wenn Marianne zu einem nächtlichen Powwow erschien, gab es kaum Hoffnung zu entkommen, das wusste er. Er konnte sich ebenso gut gleich ergeben. »Ein neuer Einrichtungsspleen?«
»Ach, hör auf!« Ärgerlich pustete sie sich eine Strähne aus dem Gesicht. »Was meinst du mit Spleen? Du solltest froh sein, dass sich wenigstens einer hier im Haus ein bisschen dafür interessiert.«
»Entschuldige. Was wolltest du sagen?«
Sie blickte ihn noch einen Moment beleidigt an, dann taute sie auf. »Es war eine Idee im Fall Ursula. Du glaubst, dieser Jakob hat es mehr als nur einmal getan, oder?«
»Ja.«
»Du meinst also, er ist ein Heiratsschwindler?«
»Also verheiratet waren sie noch nicht.«
»Nein, aber trotzdem.« Marianne schnitt eine Grimasse. »Du weißt genau, was ich meine.«
»Ja, sicher. Die ganze Nummer war so ausgefuchst, dass er es einfach schon mal gemacht haben muss. Zum Beispiel gibt es keine Firma, die Future Colours heißt. Trotzdem hatte er ein Auto mit diesem Logo, Warenproben mit Etiketten, eine Mailadresse mit futurecolours.dk als Domain … Solche Dinge brauchen Zeit, und er muss von vornherein gewusst haben, auf wen er es abgesehen hatte. Das ganze Set-up war wie maßgeschneidert für Ursula.«
»Es wirkt ziemlich professionell.«
»Genau. Und es gibt eine Menge Dinge, von denen ich noch nichts weiß. Wie konnte dieser Jakob beispielsweise wissen, dass Ursula über ein Millionenvermögen verfügte? Hat er in einer Bank gearbeitet? Oder ist er ein Hacker? Sie schwört, nie irgendjemand anderem als ihrer Tochter von dem Lottogewinn erzählt zu haben.«
»Na ja, könnte die Tochter nicht …«
»Anemone?« Dan grinste. »Du hättest sie sehen sollen. Sie ist die Selbstbeweihräucherung und Mäßigung in Person. Sie hat überhaupt nicht genügend soziale Intelligenz, um mit anderen Menschen zu tratschen.« Er schob seiner Frau eine Schachtel Halspastillen zu. »Nein, das mit dem Vermögen hat Jakob irgendwo anders aufgeschnappt. Da bin ich mir sicher.«
»Danke. Wer ist er überhaupt?«, fragte Marianne und nahm sich ein Lakritz. »Du sagst, Ursula hätte versucht, ihn im Netz aufzuspüren?«
»Nur über Google und solche Seiten. Man müsste sich schon ans Einwohnermeldeamt wenden, um sicherzugehen, aber im Moment sieht es nicht so aus, als gäbe es jemanden mit diesem Namen.«
»Hat sie jemals seinen Pass gesehen?«
»Mehrfach. Pass, Führerschein, alle Papiere waren auf Jakob Heurlin ausgestellt und sahen total echt aus, dennoch müssen sie gefälscht gewesen sein.« Dan zog einen Kollegblock heran und machte sich eine Notiz. »Ich muss bei den Reiseveranstaltern und der Bank überprüfen, ob sie vielleicht eine Fotokopie des Passes haben.«
»Was ist mit dem Wagen?«
»Was meinst du?«
»War das Auto unter seinem Namen registriert?«
»Ich kann sie gern fragen, aber es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass sie das überprüft hat.«
»Na ja, der Wagen muss doch zu finden sein, du kannst das überprüfen. Wie sind sie zum Flughafen gekommen, als sie ihn das letzte Mal gesehen hat?«
»Sie fuhren in ihrem Wagen.«
»Dann muss sein Wagen doch noch immer in …«
»Du hast recht. Ich überprüfe es.« Eine weitere Notiz. Er hob die Augenbraue. »Willst du den Fall nicht übernehmen, Marianne? Klingt, als hättest du die Sache im Griff.« Er lächelte, aber seine Augen blieben ernst.
»Ach, lass mich doch, Dan, ich will mich ja nicht aufspielen. Ich finde es bloß spannend.« Ihre dunklen Rehaugen glitzerten. »Ist das nicht in Ordnung?«
Er schickte ihr einen Kuss durch die Luft, wurde aber gleich wieder ernst. »Ich habe übrigens auch diesen Anwalt überprüft, mit dem Jakob verschwunden ist. Einar Greiff-Johansen.«
»Und?«
»Ihn gibt es natürlich auch nicht. Nur Jakob hatte mit ihm zu tun, und wenn Papiere zu unterschreiben waren, kam Greiff-Johansen immer zu ihnen, nie umgekehrt.«
»Ursula hat also nie seine Kanzlei gesehen? Sehr praktisch.« Marianne hielt eine Faust vor den Mund und gähnte. »Entschuldigung. All diese Bankunterlagen, davon muss es doch Kopien geben?«
»Gibt es auch. Greiff-Johansen steht als Anwalt für sämtliche Transaktionen darin. Das Problem ist nur, dass die Anwaltskammer noch nie von ihm gehört hat.«
»Müsste die Bank so etwas nicht überprüfen, wenn es um so viel Geld geht?«
»Ja, und das hätten sie sicherlich auch getan, wenn sie etwas mehr Zeit gehabt hätten. Denk dran, der gesamte finanzielle Teil dieses Schwindels dauerte nur vier, fünf Tage, und zwei davon waren ein Wochenende …«
»Oh.«
Dan starrte wieder auf seinen Block. »Ich habe Ursula gefragt, ob sie ein paar gute Fotos von Jakob hat. Hat sie nicht.«
»Sie unterrichtet Fotografie!«
»Meine Worte. Aber Jakob Heurlin hasste offenbar Kameras, und sie erklärte mir irgendetwas von künstlerischem Ausdruck und Inhalt vor Form. Ziemlich langweilig, aber lange Rede, kurzer Sinn: Sie hat nur ein einziges Bild von ihm. Es zeigt seinen Rücken und wurde aufgenommen, während er schlief. Sehr künstlerisch, schwarz-weiß. Ich hab’s hier irgendwo.«
Dan blätterte einen Stapel durch und zog ein Foto heraus. Er reichte es Marianne. »Hier, schau selbst, besser geht’s nicht. Achte auf die Tätowierung an der Schulter, vielleicht hilft sie bei der Identifikation, wenn ich das Schwein irgendwann erwische.«
»Hm. Dann ist meine Idee vielleicht doch nicht so gut.«
»Was hast du dir vorgestellt?«
»Ich habe mir gedacht, man könnte Jakob auf diesen Partnervermittlungs-Homepages suchen«, sagte sie. »Aber dazu brauchen wir ein vernünftiges Foto.«
»Wer sagt denn, dass der Mann ein Dating-Profil hat? Ursula hat ihn doch ganz anders kennengelernt.«
»Also hör mal, ich habe ja keine Ahnung, ob dieser Jakob ein solches Profil hat oder nicht. Aber wenn du mit deiner Theorie recht hast, dass er diese Nummer mehr als einmal abgezogen hat, dann gibt es höchstwahrscheinlich einige enttäuschte hinterlassene Damen in seinem Kielwasser. Die meisten von ihnen sind Singles; jedenfalls spricht alles dafür, denn rein statistisch ist die Chance, einen nur einigermaßen passenden Liebhaber zu finden, nicht sonderlich groß für eine Frau, die die Wechseljahre hinter sich hat.«
Dan zuckte die Achseln. »Nee, vielleicht, aber …«
»Auf der anderen Seite«, fuhr Marianne unbeirrt fort, »stirbt die Hoffnung ja zuletzt. Obwohl sie sich einmal die Finger verbrannt haben, ist es nicht sicher, dass sie es alle aufgegeben haben, einen Mann zu finden, oder?« Sie fischte noch eine Halspastille aus der Schachtel. »Wenn du wüsstest, wie viele alleinstehende Frauen ich kenne, deren Daten im Netz stehen. In unserem Alter. Und älter.« Plötzlich lächelte sie. »Und nicht einmal alle sind wirklich Single oder Frauen!«
»Ich kenne überhaupt niemanden, der …«
»Da irrst du dich aber gewaltig, mein Lieber. Du kennst eine Menge Leute, die sich im Netz verabreden. Beinahe ebenso viele wie ich. Der Unterschied besteht allerdings darin, dass Frauen sich das erzählen und Männer nicht. Oder besser, wenn Männer so etwas erzählen, dann vertrauen sie sich typischerweise einer Freundin oder Schwester an. Nicht einem anderen Mann.«
Dan sah sie an und wusste plötzlich, von wem sie sprach. »Hat Flemming …?«
»Da musst du ihn schon selbst fragen.« Marianne schüttelte sich und zog die Füße unter die Decke.
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